Haeckel, Charlotte

Charlotte Haeckel an Ernst Haeckel, Potsdam, 26. Mai 1872

Potsdam 26/5 72.

Mein lieber Ernst!

Eben sind die Kinder fort gegangen, das Mädchen auch Sonntags aus, und da benutze ich dies stille Stündchen mit meinem lieben Herzensjungen zu plaudern. Deine Versicherung, daß Ihr Lieben wohl seid, hat mich sehr erfreut, und ich hoffe es soll so bleiben; Dich bitte ich nur dringend: überarbeite Dich nicht, gönne Dir auch etwas Ruhe, geniesse die schöne Natur und erfreue Dich an Frau und Kinder, mögen diese immer mehr zu Euer häusliches [!] Glück beitragen. ||

Karl und Clara sind gestern abgereist, wollten bis Lipstadt und wahrscheinlich werden sie wohl heute bei Bleeks bleiben, wo auch Auguste, Herrmann und Anna sind. Quincke und Clörne wollten nicht, daß sie die ganze Tour mit einem Stich machten. Wahrscheinlich kommen sie morgen nach Ems. Die letzte Zeit war noch sehr unruhig auch für Deine alte Mutter. Vorigen Donnerstag fuhr ich Nachmittag nach Berlin, um für Karl das Reisegeld zu holen; Karl hatte an Tante Bertha Geld geborgt, wovon er zurück erhalten sollte. || Auch hatte ich große Sehnsucht Bertha zu sehn, die ich noch im Bette fand aber doch etwas besser: das Geschwür im Halse war aufgegangen, sie konnte wieder sprechen. Auch schreibt sie mir gestern; sie sei aufgestanden, fühle sich nur noch sehr matt. Als ich Freitag früh eben dabei war nach Dortmund zu schreiben wegen den Obligationen, kam zum Glück Deine Sendung und ich konnte nun alles zusammen besorgen für Dich, Karl und für mich, ich habe geschrieben, daß wir für alle diese uns bei der neuen Anleihe be-||teiligen wollten; ob auch später darüber können wir uns erst bestimmen, wenn wir die Bedingungen, unter welchen sie gemacht werden, erfahren. Karl hatte dies schon nach Dortmund angesagt, und von dort war die Antwort, daß darüber erst ein Entschluß gefaßt werden könne, wenn die Besitzer der jetzigen Obligation diese zurückgegeben hätten. Ich wollte auch etwas darin anlegen, werde nun aber vorläufig das Geld anderweitig so lange anlegen, da || ich glaube, daß das nicht so rasch zu Stande kommt. Eben so werde ich es auch mit Deinem Gelde machen, wenn ich das von Georg Reimer erhalte, und auch das für die Staatsanleihe etc. – Ich habe in dem Schreiben nach Dortmund gebeten, daß wir Nachricht bekommen sobald was beschlossen ist. – Ich hatte meinen Brief nach Dortmund noch Karl gezeigt, der damit einverstanden war.

Freitag früh war ich bei Karl, wo noch alles Nothwendige besprochen wurde; und Nachmittag || ging ich noch mal hin, wo schon die Freundin von Clara gekommen war, die bei den Kindern sein wird solange Clara weg ist. Herrmann und Heinerich bleiben bei mir. – Gott gebe, daß unser Karl gesund zurückkommt und die Reise Clara nicht schade, und mit den Kindern alles gut gehe. –

Gestern früh brachte ich nun unsere Papiere von der Westphalia selbst zur Post. Heute hörte ich von Prediger Ritter eine sehr gute Predigt, wobei ich auch Stellenweise, an Dich viel denken mußte. ||

Noch danke ich Dir recht herzlich, daß Du mir Deinen Vortrag über das Leben in der Meerestiefe geschickt hast, ich habe ihn gestern gleich gelesen und mich daran gefreut, nun habe ich ihn in das Schatzkästchen gelegt, wo ich alle die Producte Deines Fleisses aufbewahre. Wenn Du in Deiner Wissenschaft Anerkennung findest, so freut mich das herzlich; aber die Leute kennen das nicht, was mir an Dir das Liebste ist, und wissen es auch nicht zu schätzen, das ist Dein reines kind-||liches Gemüthsleben, was mich so glücklich macht; und was unbewußt auf ein tiefes Religionsleben ruht. Gott erhalte Dir das! Je tiefer Du bei der Arbeit in den Wundern der Schöpfung eindringst, um so mehr wird doch das Endresultat auf Gott führen. – Grüsse mir die Deinen alle herzlich. Sobald ich von Karl höre, schreibe ich Dir. Behalte lieb

Deine

alte Mutter.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
26-05-1872
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 36468
ID
36468