Haeckel, Charlotte

Charlotte Haeckel an Ernst Haeckel, Potsdam, 20. Mai 1872

Potsdam 20/5 72.

Mein lieber Ernst!

Deinen lieben Brief erhielt ich heute früh, und es thut mir leid, daß Du Dich um Karl geängstigt hast, ich kann nicht leuchtnen, ich habe die ersten Tage auch gefürchtet es wäre Nervenfieber. Gott sei Dank scheint es nun doch besser zu werden. – Ich fand Karl heute Nachmittag auf; und während ich dort war kam Quincke mit seinem Sohn Heinerich, was mir sehr lieb ist. Quincke hat von Bertha gehört, daß || Karl krank sei, und war deshalb hergekommen; er war lange mit Karl und Clara zusammen, wo sie alles berathen haben, und wie Clara mir sagt habe Quincke grade so geurtheilt wie Clören. Quincke erklärt die Krankheit für nervöse Gereiztheit, Karl solle baldmöglichst nach Ems, und Clara jedenfals mit; wegens Claras Zustand könne sie unbedingt reisen. Quincke hat aber entschieden abgerathen || nach Dortmund zu gehn, Karl solle sich nicht mit dergleichen aufhalten; auch in Ems vor Anfang der Cur ein paar Tage ruhig sein. –

Gott gebe nun, daß es gut geht. – –

Ich hatte morgen früh nach Berlin gewollt, um nach Bertha zu sehn, Quincke sagt aber ich solle noch ein paar Tage wartten, er könne nicht erlauben, daß ich jetzt bei Bertha länger sei, wie er sich ausdrückt dürfe ich nur eben den Kopf in die Thür stecken; Bertha habe eine Halsentzündung ge-||habt, und jetzt noch eine geschwollene Drüse, die noch nicht auf sei. Ich solle noch ein paar Tage wartten ehe ich nach Berlin könne; was mir recht schwer wird; und doch muß es sein. –

Meinen Brief von gestern Abend hast Du hoffentlich erhalten, der wird Dich schon etwas beruhigt haben. Karl und Clara denken, wenn es geht Sonnabend abzureisen bis Lippstadt, dort Sonntag ruhig zu bleiben und Montag nach Ems. – Eine Freundin von Clara wird bei den Kindern sein, Heinrich und Hermann bleiben bei mir. ||

Wenn Du die Obligationen der Westphalia noch nicht abgeschickt hast, so ist es am Ende besser ich schicke Dir die Coupons, und Du besorgst es Dir von dort; ist es aber abgeschickt, so kann ich Deine mit den meinigen nach Dortmund schicken, da Karl nun nicht hinkommt; – ich will nur damit wartten, bis Karl Antwort von Dortmund erhält auf einige Anfragen wegen der neuen Einzahlung. – ||

Nach einigen Tagen werde ich Dir wieder Nachricht von Karl geben, hoffentlich bleibt es so an der Besserung. – Clara hat heute auch an Karl geschrieben; da wirst Du wohl schon mehr gehört haben. – Grüsse Agnes, Karl (den auch Herrmann grüßt) und die Kinder herzlich. Uebernimm Dich nur nicht mit arbeiten; das Dich recht frisch findet

Deine

alte Mutter

Lotte.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
20-05-1872
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 36466
ID
36466