Haeckel, Charlotte

Charlotte Haeckel an Ernst Haeckel, Potsdam, 5./6. April 1872

Potsdam 5/4 72.

Mein lieber Ernst!

Schon gestern Abend wollte ich Dir danken für die Freude, die Du mir durch Deine Zeilen gemacht hast; aber ich war so müde, daß ich unmöglich schreiben konnte, und heute ist es nicht besser, doch muß ich Dir mit ein paar Wortten sagen, daß ich hier glücklich angelangt bin, und bald eingerichtet sein werde. Du hast ganz recht daß viel Erinnerungen die Seele a bewegten; nun muß ich ja ein-||sam dahin zurückkehren, wohin mich von 50 Jahren der geliebte Mann brachte, damals lag das Leben vor mir, und jetzt lebe ich in der Erinnerung.

Am schwersten wurde mir beim Weggehn von Berlin die Trennung von Bertha; die mit treuer schwesterlicher Liebe mir geholfen hat beim Packen und auch vorgestern bei mir war. Die Wagen kamen später, als sie sollten, weil aber bald alles gepackt war, und Ber-||tha versprach, dort zu bleiben, bis alles fertig sei fuhr ich mit dem 12 Uhrzug, hier auf dem Bahnhof empfing mich Karl, Clara und einige der Kinder; ich aß bei Karl und fuhr dann gegen 4 Uhr mit Clara nach meiner Wohnung; nach 5 Uhr kam aber erst der eine Wagen, die beiden andern erst nach acht Uhr, wir mußten nun bei Licht alles auspacken, wodurch es bunt aussah, Clara fuhr zu Hause || und ich ließ aus einer Restauration für Karl, das Mädchen und mich etwas zum Essen holen; es war nun nicht mehr daran zu denken hier zu schlaffen, ich mußte mit zu Karl, Anna trat mir ihr Bett ab. – Gestern früh um 8 Uhr b war ich mit Clara wieder hier, die mir gestern und heute so tüchtig geholfen hat, daß wir wenigstens alles ausgepackt haben, und die Kisten auf dem Boden sind. ||

Meine Wohnung ist sehr nett, und wird Dir gefallen. Den Bücherschrank hat Karl gestern eingeräumt, die Bilder habe ich zurück gestellt, die sollst Du mir mit Karl aufhängen. – Karl und Clara haben durch ihre Sorge und Hülfe, und doch bin ich so müde, daß ich nicht weiß, was ich schreibe, und wünsche Dir und Deiner Frau und Kindern eine gute Nacht! – ||

Sonnabend! gestern konnt ich nicht mehr, und heute suche ich immer vergebens nach vermißten Sachen. Eben kommen die 3 kleinen Jungen und sagen, daß Tante Bertha um 11 Uhr hier sein würde und wir zu Mittag bei Karl essen, die Kleinen werden diese Zeilen mitnehmen, da mein Mädchen doch nicht weiß. Seid herzlich gegrüßt von Euerer alten

Mutter Lotte

Morgen will Mutter Minchen herkommen.

a gestr.: mich; b gestr.: fuhr

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
06-04-1872
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 36461
ID
36461