Haeckel, Charlotte

Charlotte Haeckel an Ernst Haeckel, Berlin, 23./24. November 1871

Berlin 23/11 71.

Mein lieber Herzens Ernst!

Hab herzlichen Dank für Deinen lieben Brief. Wie lieb war es mir gestern von Dir einige Wortte zu bekommen, wußte ich es doch, daß mein treuer Ernst in Gedanken bei mir sein würde; und so hatte ich schon den ganzen Morgen immer Deinen Brief erwarttet, der denn auch Mittags kam. Bertha war bei mir und Clara mit dem kleinen Julius. Früh besuchte mich auch Quinke, die alte Jacobi und dann Helehne mit Clärchen. –

Mir war der gestrige Tag wie jetzt alle, sehr ernst, und Du kannst denken, mein lieber Ernst, || wie ich in der Erinnerung gelebt, welche verschiedene Gefühle mich bewegten; ich mußte denken unter wie verschiednen Verhältnissen ich den Tag mit Häckel verlebt habe; am ersten bald nach unserer Hochtzeit kamen meine Eltern mit allen Geschwistern zu uns, ich hatte Abends die erste große Gesellschaft gebeten. – Voriges Jahr war Häckel grade sehr schwach, so daß auf seinen Wunsch nur Quincke, Julius und Bertha gebeten wurde. –

Ich wollte gestern nach dem Kirchhof gehn; ließ || es aber, da früh das Wetter so schlecht war und ich mich auch zu schwach fühlte; und im Grunde liegt das ja auch in der Idee; er ist mir da nicht näher, als überall, und lebt er auch überall mit mir fort. Ich bewohne jetzt Vaters Stube, aber alles so wie es wie er es gehabt; und da bin ich auch am liebsten. Daß Dein Walterchen noch den Großvater gesehn hat und so lieb zu ihm war, ist mir sehr lieb. Hoffentlich wird Euer kleines Mädelchen bald wieder ganz frisch sein. – Wie sehr hast Du mich dadurch erstaunt, was Du mir über Karlchen schreibst. – ||

Du kannst denken, wie mir auch der Hauskauf von Karl durch den Sinn geht; es scheint wohl als wird er das von ihnen gewünschte Haus bekommen; mich hat es oft gequält und doch kann ich ja nichts dazu sagen, oft hatte ich Angst, sie möchten sich übereilen da sie so sehr dafür eingenommen sind; dann ist es mir aber auch nicht möglich dagegen zu sprechen da ich glaube es wird eine Beruhigung für Karl sein, wenn es in Richtigkeit ist. − ||

Wie wir das ordnen werden, darüber verlangt mich sehr mit Dir zu sprechen, zu schreiben ist das zu weitläufig. Der weiße und rothe Wein ist beides bei Herrn Richter bestellt, bei Uebersendung der Rechnung vom 31sten October datirt, schreibt er mir die Weine seien schon abgesendet; den Rothen habe er direkt von Linz am Rhein abgeschickt; Karl, der nur Mosel bekommen hat, hat ihn auch schon, ich vermuthe also, daß Du auch den weißen hast, und doch sollte doch der von Linz früher kommen. ||

Freitag. Rechtes Verlangen habe mal wieder nach Potsdam zu fahren, um selbst zu sehen wie es Karl geht; ich wartte nur auf die Pappiere von Herrn Pelehmann, die er schicken wollte, weil dann noch vielleicht was mit Karl besprochen werden muß. Es ist schrecklich welche Weitläufigkeiten bei allem gemacht wird, und doch muß so vieles bedacht werden und besorgt.

Hoffentlich wird auch das Wetter etwas besser, wir haben den || ganzen Tag Nebel, Regen und Schnee, natürlich schönen Schmutz. –

Habe ich Dir schon geschrieben, daß Theodor Bleek zum Bürgermeister in Lipstadt gewählt ist, er wird schon in wenigen Wochen hin gehn. –

Grüsse Agnes und Karl herzlich, und Deinen beiden lieben Kindern gieb einen Kuß von ihrer alten Großmutter. Behalte lieb

Deine

alte Mutter

Lotte.

Dinstag war ich mit Mariechen Reimer zu Mittag bei Bertha, Ernst war unwohl. –

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
24-11-1871
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 36433
ID
36433