Haeckel, Charlotte

Charlotte Haeckel an Ernst Haeckel, Berlin, 20. [Oktober 1868]

Berlin d. 20sten

Mein lieber Herzens Ernst!

Dank für Deinen lieben Brief, den ich eben noch heute früh erhielt, als ich bei schönstem Regenwetter zu Bertha ging, ich steckte den Brief an Ernst Reimer in ein Couvert und nahm ihn mit gab ihn Georgs Frau, die bei Bertha zur Gratulation war, und nahm auch Deinen an Bertha mit. Zu Mittag waren wir bei Julius, wo ausser engste Famielie Sethe noch Quincke und Schlättke mit ihren Frauen waren; eben sind wir zu Hause ge-||kommen, da erscheint Karl, der heute früh seine Ernennung nach Potsdam erhalten hat; er ist nun gleich zu Julius gefahren; wo er wohl noch Bertha, Jacobis und Heinnrich finden wird. Gott gebe daß es für unsern Karl und seine Kinder zum Heil ist. Vater ist über glücklich in dem Gedanken einen Sohn so nah zu haben. – ||

Wie sehr, mein lieber Ernst, freue ich mich, daß es Agnes und dem Jungen so gut geht; freilich thut es mir für Agnes leid, daß der Kleine so viel Flaschen bekommen muß; doch laß ich Agnes bitten nur ja nicht zu bald das Nähren aufzugeben, wenn sie den festen Willen hat, es durch zu führen, so wird sich gewiß noch mehr Milch finden, wenn sie erst ganz auf ist, sich Bewegung machen und arbeiten kann, || besonders, da sie guten Appetiet hat, wird es sich schon machen; trinkt sie auch wohl Bier? gut ist es wenn sie nachts Wasser mit Milch trinkt; nur keinen Thee, der zährt die Milch; ißt sie wohl zum zweiten Frühstück Suppe, eine von Milch und Bier ist sehr nahrhaft; – auch zur Abwechselung Chokoladensuppe. Esa ist doch für Mutter und Kind zu wichtig, wenn sie näheren kann, und ich || weiß, daß Agnes gewiß gerne ihrem Kindchen alles sein möchte; ihr ist in demselben gewiß schon jetzt eine Seeligkeit aufgegangen, wovon sie früher keine Ahnung hat; der Mutter ist ja das Leben in und für das Kind alles. Gott erhalte Euch das große Glück! – –

Daß Mutter Huschke so oft leident ist, thut mir herzlich leid, wohl wird sie viel Angst und Sorge um Agnes gehabt haben, um so größer aber auch die Freude, daß || jetzt alles gut geht. Ein großes Entbehren ist es für mich, daß ich Euer Kindchen nicht sehn kann; nun ich muß mich gedulden, und will es ja gerne, wenn es Euch nur gut geht; gebt mir nur oft Nachricht. So sehr ich auch Verlangen habe, so möchte ich doch nicht zureden, daß Agnes mit dem Kinde im Winter reisen; es ist mir doch zu bedenklich; man kann ja nicht wissen, wie das Wetter wird. – ||

Die beiden Bücher werde ich morgen an Ernst Reimer schicken. –

Zu Ostern kommt Ihr aber denn auch gewiß alle zusammen; ich denke mir dann soll Agnes auch Karls Kinder alle kennen lernen; und die Kinder ihre neue Tante. –

Bertha Petersen ist doch langsam auf der Besserung, und kann etwas weniges aufstehn, Bernhard und die Kinder erholen sich rascher, bei denen ist auch die Krankheit || nicht so schlimm gewesen. –

Für heute gute Nacht dem lieben Kleeblat Ernst, Agnes und Namenloos; Gott behüte Euch. –

Wie immer in treuer Liebe

Euere

alte Mutter

Lotte.

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Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
20-10-1868
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 36384
ID
36384