Haeckel, Charlotte

Charlotte Haeckel an Ernst Haeckel, Berlin, 15. Januar 1871

Berlin 15/1 71a

Mein lieber Ernst!

Heute Mittag erhielt ich Deinen lieben Brief. Habe herzlichen Dank, daß Du mir Nachricht von Agnes Befinden giebst, wonach mich sehr verlangte. Gott sei Dank, daß es bei Euch, Lieben, gut geht. Hoffentlich wird Agnes sich bald erholen und kräftigen. –

Vorgestern früh kam die Jenaer Kiste zu meiner großen Ueberraschung, da ich nicht dachte, daß Du ohne Deiner Frau Hülfe, solche wirthschafts Angelegen-||heiten besorgen könntest. Habe herzlichen Dank für Deine liebevolle Besorgung. Beim Auspacken freute ich mich über die mit gekommene Wäsche, als Hoffnungszeichen: Dich bald selbst zu sehn. Ach, lieber Ernst, wie viel werden wir uns mitzutheilen haben, welch ernste, schwere Zeit liegt zwischen unserem letzten Sehn. In Deinem heutigen Brief schreibst Du Du würdest nur 2 Tage hier sein können, das ist zu kurz, bei dem Vielen, was Du dann immer besorgen || willst, hat man ja dann zu wenig von Dir. – Nun zu nächst wollen wir nur wünschen, daß Agnes sich bald erholt. Bitte gieb mir so oft Du kannst Nachricht über ihr Befinden. Mir ist es eine große Beruhigung, daß Deine liebe Schwiegermutter und die hülfreiche Martta, Schwägerin Clara bei Euch sind, da kann ja Agnes auch ganz ruhig sein. Noch mal auf die erhaltenen Sachen zurückzukommen: bitte schreibe mir doch nächsten, wie viel der Rehrücken und die Würste kosten? || Vater hatte solch Verlangen, Bertha zu sehn, das sind wir Vorgestern Mittag vor dem Spazierenfahren, (natürlich im Schlitten) bei ihr gewesen, ich hatte sie so lange nicht gesehn, und habe mich recht gefreut, sie doch frischer und wohlgemuth zu finden, freilich liegt sie noch immer; unglücklicher Weise ist ja der Unfall am selben Fuß, der früher so leident war, und der nun auch krumm gegangen ist. Ich brachte ihr eine von jenenser Würsten mit, und eine gab ich Nachmittags mit nach Potsdam. ||

Karl und Clara waren zum Geburtstag ihres Bruders, Lisko, hier und kamen einen Augenblick hier an, um sich nach Agnes zu erkundigen. Karl hat Dir den Brief von Professor Max Schulz schon zurückgeschickt. –

Bertha sagte mir auch: Julius habe eine Corespondenzkarte von Ernst Naumann erhalten, dem am 2ten der 4 Finger zerschossen war, er hat geschrieben, es sei nicht gefährlich, der Finger solle abgenommen werden, || und wenn das vorüber sei, dächte er nach Aachen ins Badehaus zu gehen, Julius soll ihm Geld dorthin schicken. –

Der arme Junge thut mir sehr leid, und doch ist das ja unter den vielen Leiden ein kleines. – Heute besuchte mich Bertha Piene um Glück zu wünschen zur Enkellin. Bertha sagte mir Friedrich Reimer sei auf der Besserung und nach seinem Briefe sei er auf der Herreise, und würde hier jetzt täglich erwarttet. – ||

Von Bertha hörte ich auch daß Rudolf Hürzel verwundet ist, und in Leipzig jetzt ist. –

Vaters Husten ist immer noch nicht weg, deshalb sind wir heute nicht gefahren, da es sehr kalt sein sollte; aber ganz so schlimm ist er nicht mehr. –

Heute hat unser Porttier Order bekommen sich künftigen Dinstag als Landwehrmann einkleiden zu lassen, da ist großer Jammer Frau und 5 Kinder; das trifft aber fast alle. – ||

Gustav hat auch Order bekommen am 18ten Februar sich zu stellen; ich glaube nicht, daß sie ihn nehmen. –

Nun, mein lieber Ernst, habe ich Dir wohl genug von hier erzählt. Grüsse und küsse mir Deine liebe Frau und Deine beiden Kinder herzlich. Behalte lieb

Deine

alte Mutter

Lotte Häckel.

a irrtüml.: 70

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
15-01-1871
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 36343
ID
36343