Haeckel, Charlotte

Charlotte Haeckel an Anna und Ernst Haeckel, Berlin, 10. November [1863]

Berlin den 10ten November

Liebe Kinder!

Herzlichen Dank für Eueren lieben Brief, wie freue ich mich, daß Ihr die Reise glücklich zurückgelegt habt, und Euch nun wieder so wohl zu Hause fühlt. Uns war es nach Euerer Abreise sehr einsam und still, es war mir immer, als müßtet Ihr zu Hause kommen. Die Heftchen, die Du lieber Ernst geschickt hast, habe ich gleich nach ihrer Adresse besorgen lassen, auch den Brief an vona Marttens. Du schreibst aber es || Du schicktest noch 2 Exemplare einer vortrefflichen Rede mit, eins für Vater und eins für von Martens, die habe ich aber nicht dabei gefunden. – Frau Professor Weiß sagt ich, daß ich ihr das Heftchen von Schleicher nach Deinem Wunsche zu lesen geben würde, worauf sie mir antworttet: da es nicht von Dir geschrieben sei, wolle sie es nicht lesen etc. – ob sie grade nicht in guter Stimmung war, ich weiß es nicht, || werde es ihr aber nicht zum 2ten mal anbieten nach der Art wie sie sich überhaupt darüber äussertte.

Das Heftchen für Wilhelm nach der Kapstadt habe ich Hedwig und Anna mitgegeben, die Sonnabend nach Potsdam gereist sind, wo sie noch 8 Tage bleiben werden, und dann ihre Rückreise nach Bonn antreten. – Wehmüthig war es mir, was Du mir von Gude schreibst, für den es recht schlimm ist, daß er sich nicht verheirathet hat, grade solch ein Gemüthsmensch. – || Das Kissen für C. Delius habe ich zur rechten Zeit an Helehne besorgt, die mir versprochen hat, es zu besorgen, es sah gut aus. Hehlene und Heinnrich waren auf der Hochtzeit, Heinnrich auch auf dem Polterabend. Helehne wollte das Kissen mit ihrem Geschenk zu Ortmanns schicken. Das Kissen sah fertig recht gut aus. –

Wir sind in diesen Tagen etwas viel aus gewesen, Sonnabend bei Jacobis, wo Augusts Geburtstag großartig gefeiert wurde, und Sonntag Abend bei der Weiß, die Logir-||besuch vom Oberpräsident Pinder hatte. – Zub Morgen sind wir von unserer neuen Hausbewohnerin, einer Frau Lange aus Hamburg zum Kaffe und Butterbrod gebeten, ich fürchte das wird ein langes Vergnügen, wir konnten es doch nicht abschlagen. Donnerstag Abend sind wir bei Brunnemanns zur Taufe eingeladen. Sonntag vor 8 Tagen waren wir zu Mittag bei der Kortüm, und den Tag drauf zu Mittag bei uns die Kortüm und die Schwester; alles zum Abschied für Bleeks. || Wir denken Dinstag, den 17ten nach Landsberg zu reisen, wenn sie uns dann schon haben wollen. – – Tante Bertha wird in dieser Woche noch einige Tage nach Potsdam gehn, um noch mit Hedwig und Anna zusammen zu sein. – Nun, lieber Ernst, will ich Dir noch etwas mittheilen, was ich denke daß es Dich interessieren wird: am vorigen Sonnabend sollten mehrere in die Geographische Gesellschaft aufgenommen werden, worunter auch der neue Oberbürgermeister Seidel; da der freisinnig ist, so verlautete || es, mehrere Officiere etc haben sich verabredet, ihn nicht durchkommen zu lassen. Das veranlaßte die andere Partei zahlreich hinzugehn umc das zu hintertreiben; so daß sich schon früh der ganze Saal gefüllt hatte, und glücklich Seidel durch kam, Vater war deshalb auch hingegangen und erst später zu Jacobis gekommen. Wie uns Barth sagte, so haben sich 17 Stimmzettel mit Null gefunden und mehre unbeschrieben.

Helehne hatte einen Brief von Mutter Minchen aus Landsberg, sie sei || wohl. Heinnrich ist Donnerstag und gestern nicht bei uns gewesen, er war nicht wohl, hat sich wohl bei der Hochtzeit erkältet, Häckel war Donnerstag hin nach ihm zu sehn. – Gestern zu Mittag war der Secretär Schmidt aus Merseburg bei uns. Zur Megede ist auch wieder hier. – –

Nun, liebe Kinder, seid beide noch aufs innigste gegrüßt von

Euerer

alten Mutter

Lotte.

a eingef.: von; b eingef.: Zu; c korr. aus: und

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
10-11-1863
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 36336
ID
36336