Haeckel, Charlotte

Charlotte Haeckel an Ernst Haeckel, [Berlin], 16. August 1870

16/8 70.

Mein lieber Ernst!

Gestern Abend erhielt ich Deinen lieben Brief, und beeile mich, ihn gleich zu beantwortten: wenn Du uns von dort einen zuverlässigen Diener besorgen kannst, so wird es mir ganz lieb sein; aber die Hauptsache ist, daß er zuverlässig und ehrlich ist. – Am meisten kommt bei uns bei einem Diener darauf an, daß er aufmerksam auf Vater ist, er muß Vater anziehen, waschen, mit ihm Spazierengehn und fahren. || Vater bedarf jetzt viel Hülfe (wenn Du jetzt einen Diener miethest, so mußt Du ihm auch vorstellen, daß bei solchem alten Mann auch mancherlei Hülfleistungen nöthig sind, wobei man nicht zipperlich sein darf.) Also die Hauptsache ist, daß er für Vater sorgsam und gut ist. Sonst hat er Vaters Stube rein zu halten, allea Öffen zu heizen, Feuerrung zu tragen und muß willig sein zu häuslichen Arbeiten, die durch einen Diener können gemacht werden, als: Fenster Putzen, Lampen in Ordnung halten, || Schlösser putzen etc überhaupt willig zu vorkommenden Hülfeleistungen. Ich gebe monatlich 10 Thaler dabei Mittagstisch. Frühstück, Abendbrod und Wäsche muß sich der Diener besorgen. –

Noch muß ich erinnern daß es doch ein kräftiger Mann sein muß, da Vater beim Ein- und Aussteigen in den Wagen sehr sicher muß gehalten werden. – Findest Du einen brauchbaren und der auf vorstehende Bedingungen eingeht, so miethe ihn, und gieb ihm 1 Thaler Miethsgeld, schreib es mir dann gleich, damit ich es || Dir sagen kannb, wenn ich etwa hier einen gefunden hätte; kann der dort den Thaler als Entschädigung behalten. – Glaubst Du aber überhaupt keinen dort zu finden, so schreibe mir es gleich, ich laß es denn hier in die Zeitung rücken, was ich bis jetzt nicht gethan habe, weil sich dann immer so viel Untaugliche melden, habe ich nur unter der Hand auftrag gegeben, aber immer die Antwort: alle Orndliche sind mit weg. – Nun versuche Dein Heil – – – ||

Dem langen Bedienten Brief an Dich muß ich doch noch ein paar Wortte zufügen: ich hoffe, Du machst uns nun bald die Freude, und kommst zu uns, bringst Du nicht Frau und Kind mit? – In dieser großen, ernsten Zeit, hat man doch recht den Wunsch, daß man sich recht von Herzen aussprechen möchte. Ich glaube das Schwere der Zeitverhältnisse tritt einem hier noch mehr entgegen; die vielen Militärzüge, jetzt || die vielen Verwundete etc. Heute ist vielleicht ein sehr entscheidender Tag; Gott gebe, daß alles gut geht. Verschiebe Dein Herkommen aber ja nicht bis zum Einzug der heimkehrenden Sieger, dazu kommst Du besonders; jetzt weil Deine alten Eltern große Sehnsucht haben ihren Jungen zu sehn. –

Hoffentlich hören wir bald gutes von Potsdam, sie sind alle wohl. –

Gott sei mit Euch. Deine alte Mutter

Lotte.

a eingef.: alle; b eingef.: kann

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
16-08-1870
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 36315
ID
36315