Haeckel, Charlotte

Charlotte Haeckel an Ernst Haeckel, Berlin, 23. November 1870

Berlin 23/11 70.

Lieber Ernst!

Dir und Deiner lieben Frau sage ich herzlichen Dank für die Freude, die Ihr Vater gemacht habt durch Euere Briefe. Wenn ich auch täglich Euerer gedenke, so wünschte ich Euch doch gestern besonders bei uns. Vater ging es gut; er war heiter und zufrieden; früh ehe er aufstand hatte ich für ihn einen kleinen Aufbau gemacht, wobei ich auch Eueren Brief mitbenutzte. Wie gut ist es, daß Ihr, Lieben, gesund und heiter seid. Gott erhalte Euch ferner so. – ||

Früh kam schon unser alter Friedrich, der von Paris a mit einem Officier hergekommen ist; um Vater Glück zu wünschen; der darüber große Freude hatte. Vormittag kam noch Frau Professor Weiß und Lucie Jacobi in Namen ihrer Mutter, die krank ist.

Weil Vater jetzt nicht viel Menschen um sich haben kann, hatte ich die Mittagsgäste beschränkt, und nur die gebeten, die Vater besonders wünschte zu sehn. – Sonst waren an dem Tage ja immer über 20 Personen, || gestern mit uns nur 8.

Wir assen erst um 3 Uhr so konnte Vater sich noch nach der Fahrt orndlich ausruhen. Karl und Clärchen kamen auch erst gegen 3 Uhr; Kinder hatten sie nicht mitgebracht.

Ausser den Potsdammern waren hier: Schwester Bertha, Julius mit seiner Bertha und Quinke. Mein Wunsch war gewesen Mutter Huschke zu bitten, daß sie unsere Jenenser Kinder vertreten möchte, leider hörte ich aber, die liebe Mutter ginge nicht aus da sie Husten habe, so wagte ich es nicht, sie aufzufordern. Als wir bei Tische saßen kam Deine Schwester || Clara, zu meiner großen Freude; die bestättigte es auch, daß Deine liebe Mutter nicht ausgehn dürffe. Marien ginge es gut. Pastor Liskow kam auch noch seine Schwester zu sehn; Lisko und Clara setzten sich zu uns. Vater war heiter, mußte b aber doch früher vom Tisch aufstehn, und sich hinlegen. –

Clara mußte schon um 5 Uhr nach Potsdam ihres Jungen wegen, Karl fuhr um 7 Uhr; Bertha blieb den Abend, die andern Gäste gingen früher weg. – ||

Karl war wohl, Clärchen ist aber leider erkältet, ich hoffe nur daß es bald vorüber geht.

Eine sehr große Freude hatte ich aber über einen Brief, den Karl von dem Lehrer hat, bei dem Karl III wohnt, derselbe schreibt: Karl sei körperlich sehr wohl, habe sich schnell in der Schule eingelebt, komme mit allen gut fort; im Hause sei er freundlich, bescheiden etc. Nun ich denke mir Karl wird Dir wohl den Brief schicken, ich kann es Dir ja doch nicht so rechtc sagen. Aber wie dankbar froh || müssen wir sein, daß sich das so bald zum Besseren gewandt hat. Zum gestrigen Tage waren viel liebe Briefe angekommen; Auguste aus Bonn, die einen Kuchen schickt, schreibt mir auch, wie sehr sie sich gefreut, daß Du dort gewesen seist. –

Deine Schwiegermutter Minchen schickte Häckel aus Frankfurt eine Gans; dazu habe ich nun auf Freitag Mittag Jacobis geladen, die auch gestern Vormittag gratulieren kamen. Mutter || Minchen klagt sehr über ihre Gesundheit, sie habe 3 Tage zu Bett gelegen, das habe ihr gut gethan. Heute Nachmittag war Richter hier, der nachträglich seinen Glückwunsch brachte; und ich wollte, da wärst Du hier gewesen; wie eingehend Vater mit Richter über die Zeitereignisse sprach und Richter fragte wie es seinen Verwandten in der Heimath ginge, die bei Lauchstedt wohnten. – –

Richter ist wieder als Abgeordneter zum Landtag gewählt. ||

Ich kann nichts zu Weihnachten besorgen, auch muß Jeder in dieser ernsten schweren Zeit, alle unnöthige Ausgaben vermeiden, ich bitte daher auch dringend, daß meine Kinder nichts schenken; ich beschränke mich darauf meinen Kindern etwas zur Wirthschaft zu schicken; so habe ich für Euch in Gütersloh Schinken und Mettwürste bestellt, die direkt nach Jena gesandt werden sollen, das Porto müßtet Ihr mir berechnen. –

Vater grüßt mit mir Euch 3 Lieben aufs herzlichste. In treuer Liebe

Euere alte Mutter Lotte

a gestr.: her, b gestr.: sich, c eingef.: so recht

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
23-11-1870
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 36309
ID
36309