Haeckel, Charlotte

Charlotte Haeckel an Ernst Haeckel, [Berlin], 12. Januar 1871

Donnerstag 12/1 71.

Lieber Ernst!

Herzlich danke ich Dir, daß Du mir sobald geschrieben hast, Du wußtest wohl wie sehr das Mutterherz nach Nachricht verlangen würde. Nun, Gott sei Dank, daß alles so nach Wunsch geht. Daß Du aber gleich glaubst mit dem Nähren würde es nicht gehn, ist sehr voreilig, die Milch findet sich gewöhnlich erst nach einigen Tagen häufiger, die Hauptsache ist, daß Agnes || selbst den festen Willen hat, es durchzusetzen, und unermüdet Kind oft anlegt bis alles im gehörigen Gang ist; die Sache darf nur nicht zu voreilig aufgegeben werden. Wenn Agnes es durchsetzt, so wird es für sie selbst die größte Befriedigung sein, und ich hoffe mit Zuversicht es wird gehn; Agnes selbst wird kräftiger und gesunder darnach werden. ||

Daß Walterchen soviel Freude an das Schwesterchen hat, ist reizend und macht Euch Beiden wohl große Freude. –

Vater freut sich auch recht mit Euch, er meinte gestern: also eine kleine Agnes ist angekommen, wenn es Sommer wäre, würde ich zur Tauffe hinreisen, aber im Winter geht es nicht. – Ach der gute Vater, ich kann ihm doch den Wahn nicht nehmen, daß er im Sommer reisen könne. –|

Ich danke Dir für den übersandten Brief, den ich gleich an Karl geschickt habe, mit der Bitte ihn Dir bald zu kommen zu lassen. Wie sehr, mein lieber Ernst, theilen Vater und ich mit Dir die Freude, die Dir durch Deine wissenschaftliches Streben werden [!]; Vater meinte heute, als er Deine Briefe gelesen: unser Ernst ist doch recht glücklich. Erhalte Gott, Dir Dein häusliches Glück ungetrübt, daß ferner alles gut gehe und die Kinder zu Euerer Freude gedeihen. ||

In Potsdam haben sie Sorge: der Neffe von Clara Pösche in Perleberg ist krank heimgekommen vom Kriegsschauplatz und liegt am Gehirntyphus. –

Die Hoffnung, die Du mir in Deinem Briefe machst, daß Du nach einigen Wochen denkst herzukommen, erfreut mich schon jetzt, wie viel haben wir zu besprechen, wie viel haben wir erlebt, seit wir uns zu letzt sahen; aber Du darfst nicht eher kommen, bis Du ganz ruhig Agnes verlassen kannst. – ||

Vater grüßt Euch herzlich; Sein Husten scheint doch nicht mehr ganz so hart zu sein. –

Nun, mein lieber Ernst, für heute: Gute Nacht. Grüsse mir Deine liebe Wöchenerin und ihre treuen Pflegerinnen Mutter und Clara herzlich, und Walterchen und seinem Schwesterchen gieb einen Kuß

von

Deiner

alten Mutter

Lotte

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
12-01-1871
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 36300
ID
36300