Haeckel, Charlotte

Charlotte Haeckel an Ernst Haeckel, Berlin, 30. Oktober 1864

Berlin d. 30sten

Mein lieber Ernst!

Gestern kam Dein lieber Brief, wofür ich herzlich danke. Daß Du gesund bist, freut mich sehr; aber Du mußt auch dafür sorgen, daß Du es bleibst, und dazu gehört besonders, daß Du Dir auch den nöthigen Schlaf gönnst. Ich bitte Dich dringend, arbeite nicht länger, bis 12 Uhr und gehe dann zu Bette; wie Du mir ja auch versprochen hast. Bleibst Du so lange auf, so überreizt Du Deine Nerven, und denke nur wie viel schwerer es Dir || noch werden wird, das Leben mit seinen Pflichten zu ertragen, wenn Du mit einem siechen Körper zu schaffen hast. Denke daran, wie lieb Dich Deine alte Mutter hat.

Daß der Anfang Deiner großen Arbeit fertig ist, freut mich sehr; hoffentlich geht es nun gut damit fort. Daß Bertha Dir alles gut besorgt freut mich, ich habe es auch von ihr nicht anders erwarttet, grüsse Sie von mir, und sage ihr: wenn der Johanisbeerwein ausgegoren || hat, wird das Faß noch mals voll gefüllt mit Wasser, dann nimm reinen Lappen um den Spunnt gelegt, fest zugeschlagen, und so bleibt es still im Keller liegen. Ist Dir es aber lieber, wenn ich es her nehme, so versiegle nur das Faß, und schicke es mir per Eisenbahn her; das muß aber dann geschehn ehe es friert, und der Wein darf nicht mehr arbeiten, ich denke das wird auch vorüber sein. – ||

Sollte die Frage wegen Würzburg an Dich heran tretten, so kann ich mir wohl denken, wie schwer Dir die Entscheidung ist, da giebt es viel gegeneinander abzuwegen; und doch kann man Dir keinen Rath geben; darüber kannst und mußt Du allein entscheiden; mir wäre es lieb wenn die Anfrage noch einige Monathe später käme; weil ich mir denke, daß es besser ist einen so wichtigen Entschluß zu fassen, wenn Du noch ruhiger geworden bist. ||

Gestern war August Merkel mit seiner Frau hier. Ich fand sein Aussehn besser, als das letzte Mal, als ich ihn sah. Er soll in einem südliches [!] Klima den Winter zubringen und wird mit seiner Frau erst nach Nitza und dann nach Italien. Vor seiner Reise beabsichtigt er noch auf einen Tag zu Dir zu reisen, um von Dir über mancherlei Rath zu erhalten. Ich habe ihm gesagt, er solle nur gleich bei Dir vorfahren, er könne || bei Dir übernachten. –

Mutter Minchen wird Ende dieses Monaths herkommen und bei Tante Gertrude wohnen, sie wird wohl mehrere Tage hier bleiben. –

Bei Jacobis sind wieder alle wohl. Sie waren Sonntag Abend mit Heinrich hier, Karls wegen. –

Nun, mein lieber Ernst, sei aufs innigste gegrüßt von

Deiner

Dich innig liebenden

Mutter Lotte.

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Empfänger
Datierung
30-10-1864
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 36174
ID
36174