Haeckel, Charlotte

Charlotte Haeckel an Ernst Haeckel, Berlin, 2./3. Dezember [1851]

Berlin d. 2ten Dezember

Mein lieber Ernst!

Gestern erhielt ich durch Richter Deinen lieben Brief, der mir große Freude macht, da ich sehe daß Du doch anfängst immer mehr auch das Gute, was Dein jetziges Lebensverhältniß Dir bietet, zu erkennen. Wie freute ich mich von Richter zu hören, daß er Dich so frisch und wohl gesehn hat. –

Ich freue mich recht, daß ich Dich nun bald bei mir haben werde, so Gott will, wollen wir die Zeit recht traulich miteinander verleben. Kannst Du || denn nicht schon Sonnabend oder Sonntag vor dem Fest herkommen, und bleib mir nur ja so lange als es angeht. Bringe ja Dein Mikroskop mit, Tante Bertha will es gerne sehen. Seit einigen Tagen geht es Tante Bertha doch etwas besser, sie war mehrere Tage leidend, da wieder Fontanellen im Rücken gesetzt wurden. Auch Großvater leidet seit einigen Tagen an Erkältung, doch fängt es auch an besser zu werden. Onkel || Julius darf auch nicht ausgehn wegen einer Erkältung, seine kleinen Mädchen haben auch noch einen Hausarrest wegen Stickhusten. Von G. Reimer ist der Paul, 10 Jahr alt, gestorben, der arme Junge ist 12 Wochen krank gewesen, und da es unheilbar war, ist es wohl ein Glück, daß er erlöst ist. Am Tage wo er gestorben, erhielten die Eltern einen Brief mit guten || Nachrichten von Ernst aus Walparaiso, wenn ich nicht irre. Unter anderm schreibt er, er habe dort einen jungen Deutschen getroffen, den Sohn eines Doctors, der seine erste Seereise mache, und sei mit ihm viel geritten. Ich dachte nun gleich an John v. Basedow; es thut mir nur leid, daß Ernst den Namen nicht dazu geschrieben. Ist es nicht eine göttliche Schickung, daß Reimers grade als sie über den Tod des einen Sohns || so betrübt sind, durch gute Nachricht vom andern erfreut werden; Ernst Reimer ist jetzt 1½ Jahre weg, und das ist erst der dritte Brief, den die Eltern erhalten.

Zur rechten häuslichen Ruhe und Ordnung bin ich eigendlich noch nicht gekommen; wonach ich mich doch recht sehne. Vorigen Freitag waren Abends Hauptmann von Warttenberg mit Frau, (Esmarchs Schwester), Meier, Aegidi, Karl v. Rütz hier, Mulder hatte abgesagt. Sontag zu Mittag waren Fräulein v. König und Wilde hier. || Gestern blieben Richter und Meier hier.

Gestern Abend waren wir beim Präsident von Grolmann, wo die Gräfin Keller ist. Vater ist diesen Abend in der Constitutionellen, Karl in der Arbeit, und ich will zu Vater und Bertha gehn. Gute Nacht, mein Herzens Junge. –

Den 3ten

Guten Abend, mein lieber Ernst! Bei dem eingetretenen starken Frost bitte ich Dich noch dringend, ja beim Schlittschuhlaufen Dich in Acht zu nehmen; gehe || nicht so ganz alleine.

Hast Du Dir wohl Handschuh gekauft? Sonst thue es ja gleich. Hast Du wohl Madame Merkel das Geld wieder gegeben, was sie an H. Pfündner bezahlt hat, sonst thue es ja. –

Wie sehr habe ich mich gefreut, daß Du zu Vaters Geburtstag bei Karos gewesen bist; so viel ich an dem Tage an Dich dachte, war es mir lieb, daß ich glaubte die Freunde werden sich wohl meines einsamen || Jungen annehmen; und so hast Du ja auch Abends bei dem treuen Kathen sein sollen. Ich bin allen recht dankbar für jede Freundlichkeit, die sie meinem lieben Jungen erzeigen. Grüsse mir alle recht herzlich; sage Simon, ich hätte Nitzsch schon gesagt, daß wir sie mit einander bekannt machen wollten, wenn Simon herkäme; Nitzsch sagte mir, daß ihm Simons Schriftchen sehr wohl gefallen habe.

Lebe wohl, mein lieber Sohn, und denke fleißig an

Deine Mutter.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
03-12-1851
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 36129
ID
36129