Haeckel, Charlotte

Charlotte Haeckel an Ernst Haeckel, Berlin, 6. Februar 1853

Berlin 6/2 53.

Mein lieber Ernst!

Unsere Antwort hat sich auch diesmal wieder etwas verzögert; gestern wollte ich schreiben; aber Vater wollte Dir noch von der gestrigen Geographischen Gesellschaft erzählen. –

Gestern kam Osterwald hier an, wir luden ihn ein bei uns zu wohnen, das nahm er auch an, und schläft in Deiner Stube. – ||

Wie sehr freue ich mich, daß die Zeit heranrückt, wo ich Dich, mein Herzens Junge wieder hier haben werde. – Ich habe auch schon dran gedacht, daß es am vernünftigsten ist, wenn wir Dir nichts zum Geburtstage schicken. Ich wollte an Deinem Geburtstag Deine Freunde zu uns bitten, || und ihn so feiern, wenn ich aber wüßte, daß Deine Freunde noch hier sind, wenn Du kommst, so möchte ich lieber damit warten, und wir feiern ihn dann zusammen nachträglich. Aus Ziegenrück haben wir auch vor einigen Tagen Nachricht gehabt, sie sind gesund und munter. – || Schreibe mir doch mal, wann Du denkst her zu kommen? Bringe dann nur das nöthigste von Kleidungsstücken mit, und was irgend zu Nähen ist, im ganzen läßt Du Deine Sachen dort. – Wenn Du Platz hast kannst Du wohl einige kleine Kistchen mitbringen, die ich Dir geschickt habe. – ||

a Donnerstag besuchte uns Steinbach, der trug mir besonders herzliche Grüsse an Dich auf. Er hofft nach Ruppin zu kommen und denkt dann zu heirathen. –

Unserer lieben Bertha geht es noch immer nicht gut, Sie hat viel Schmerz, ist sehr matt und sehr muthloos. Gebe Gott uns bald bessere Tage. || Soviel ich kann bin ich bei ihr, deshalb gehe ich auch heute nicht mit Vater in Fidelio.

Wenn Du hier bist, will ich mit Dir mal ins Theater gehen; wenn es dann hoffentlich besser ist. – –

Daß Du nicht mehr da ißt, wo du Anfangs aßtb, ist mir hauptsächlich unlieb, || weil Du da doch bessere Gesellschaft hattest, und auch den Sonntagstisch hättest Du nicht aufgeben sollen. Es ist wohl gut wenn der Mensch entbehren lernt; aber deshalb brauchst Du Dir nicht etwas zu versagen, die Gaben Gottes sollen wir geniessen, nur mit Vernunft und Maaß; sonst kommt man ja auf allerlei Irrwege. ||

Nun mein Herzens Junge, muß ich Dir für heute Lebewohl sagen. Gott behüte Dich. Sei heiter und fröhlich, und denke an

Deine

Dich so innig

liebende Mutter.

Großvater ist gesund, und freut sich immer, wenn ich ihm von Dir erzähle. – –

a gestr.: Vorgestern; b gestr.: warst; eingef.: aßt

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
06-02-1853
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 36111
ID
36111