Haeckel, Charlotte; Haeckel, Carl Gottlob

Charlotte Haeckel an Ernst Haeckel , [Berlin ] , 29. [ November 1855], mit Nachschrift von Carl Gottlob Haeckel

d. 29st en

Mein lieber Herzens Ernst!

Dein Freund Richthofen hat heute beifolgenden Brief für Dich gebracht; und ich beeile mich, ihn Dir gleich zu schicken, was ich um so lieber thue, weil ich in diesen Tagen so viel an Dich gedacht und Sehnsucht nach Dir gehabt habe, daß mir die Gelegenheit willkommen ist, Dich wenigstens schriftlich begrüssen zu können. Hoffentlich bist Du, mein Herzens Sohn, ganz gesund und frisch, und die Verletzung an Deinem Finger hat weiter keine schlimme Folgen gehabt. Ueberarbeite Dich nur ja nicht, gönne Dir Zeit zum || Schlaf und zur Bewegung; was Deine Gesundheit erfordert, das mußt Du Dir gewähren, sorge auch für orndliche Beköstigung. –

Dein Vater ist auch auf der Besserung, hat aber noch immer Hausarrest, was ihm sehr bange thut; er marschirt zwar täglich zwei mal 1 Stunde im Zimmer umher, doch meint er er entbehre doch sehr die Bewegung in freier Luft. Nun mit Gottes Hülfe wird es ja bald ganz gut werden. –

Hermine ist Montag mit ihren beiden Jungen nach Stettin gereist, wo || sie bleiben werden, bis Karl her kommt; der schreibt uns er denke den 15ten December Ziegenrück zu verlassen, sich etwas in Naumburg und Merseburg aufzuhalten, so daß er dann den 19ten hier eintreffen würde. –

Mein lieber lieber Ernst, wie werden wir da Deiner in Liebe gedenken. –

[Nachschrift von Carl Gottlob Haeckel ]

Ich habe in diesen Tagen Deine Reiseberichte studirt. Sie theilen sich in 4 Abschnitte: 1) die Kalksteinfelsen mit ihren Gletschern, Klüften und Seen vor und um Salzburg, 2) die Gegend von Salzburg, 3) die Besteigung des Watzmann, 4) die Ueberschreitung des Kalkstein-Gebirges ins Urgebirge und die Rutschparthie vor Malnitz. Die letztere war höchst unvorsichtig begonnen und hätte damit endigen können, daß Du den Hals brachst. – Ich hoffe, Du hast dadurch für alle Zukunft eine derbe Lehre bekommen. – Man muß sich in keine Partie hineinwagen, wenn man nicht der Retraite versichert ist. Daß Du diese für dieses Mahl noch gefunden und die Teraßen wieder herauf gekommen b ist, ist ein wahres Glük. Das Herunterrutschen über die Teraßen, wovon Du kein Ende absehen konntest, war tollkühn. Einen ähnlichen tollkühnen Streich hat Richthofen mit seinem Begleiter Grim durch die Besteigung des Watzmann gemacht, vor einer Reihe von || Jahren im Monat September. Die Führer haben nicht mehr mit gewollt, da es schon zu spät in der Jahreszeit gewesen. Sie gehn also allein und sehn noch oben den Sonnenuntergang. Beim Heruntergehn überfallen sie schon in der Dunkelheit die Wolken, es wird ganz finster, sie verlieren einander, sie rufen sich zu, aber das Echo täuscht sie und bringt sie immer weiter auseinander. Da es schon finster ist, müßen sie jeder an einem andern Orte die Nacht auf einer Steinplatte zu bringen, so daß der Morgen sie ganz erstarrt findet. Richthofen kommt nur mit Mühe wieder auf die Beine und geht bis in die nächste Sennhütte. Er hat den Freund schon aufgegeben, da erblikt er ihn mit einmal auf einem Felsen ruft ihm zu und so finden sie sich wieder. Das waren unüberlegte Jungenstreiche. Die wahre Kühnheit ist mit Vorsicht gepaart. Ich hoffe, Du wirst diese Vorsicht auf der letzten Reise gewonnen haben. –

Adolph grüßt Dich herzlich. Es geht ihm ganz gut. Ich sehne mich ins Freie und habe den Stubenarrest satt. Die Heilung eines solchen Geschwürs ist doch eine langwierige Geschichte. Für heute genug. Dein Dich liebender

Vater Haeckel

[Nachschrift von Charlotte Haeckel ]

Tante Bertha ist gesund. Wenn Du kannst, gieb uns bald Nachricht über Dein Befinden. Mit alter, treuer Liebe

Deine

Mutter

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
29-11-1855
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 36082
ID
36082