Haeckel, Carl Gottlob

Carl Gottlob Haeckel an Ernst Haeckel, Berlin, 4. März 1863

Berlin 4 Maerz 63.

Mein lieber Ernst!

Wir sind vorgestern Abend aus Freienwalde zurükgekehrt, nachdem dort die Taufe vollzogen worden. Carl reiste ebenfalls Montag Mittag nach Landsberg zurük, da am folgenden Tage Schwurgericht begann. Ich habe Dich als Pathen bei der Taufe vertreten und der Kleine wird Ernst heißen. Es ist ein prächtiger kleiner Kerl mit charmanten Augen, so wie überhaupt Carl lauter wohlgebildete Kinder hat. Auch hatten wir recht angenehmes Wetter während unserm Aufenthalt in Freienwalde. Wir haben nun 3 Kinder Anna, Carl und Heinrich mit hierher gebracht, die beiden letzteren sind Quinke in Kur gegeben, da Carl einen sehr bösen Husten und Heinrich Ausschlag hat, Anna ist beia Gertrud. Am amüsantesten sind jetzt Heinrich und Marie, letztre ein wahrer Vollmond und ganz putzig. Heinrich wie Queksilber außerordentlich lebendig. Maxb Mollard, Herms und Bussenius waren anwesend, um Pathen zu stehen. Mutter Minchen ist in Freienwalde geblieben, um den Umzug nach Landsberg vorzubereiten, der in den ersten Tagen des Aprill erfolgen wird. Mimi wird während den Tagen des Umzugs zu uns kommen und Minchen in Landsberg c die Möble in Empfang nehmen und das Nöthige arrangiren, daß Mimi nach den Osterfeiertagen einziehen kann. Ich habe mir von Carl erzählen laßen, wie er sich in Landsberg eingerichtet hat. Der Ort ist sehr gewerbsam, lebendig und wohlhabend, hat gegen 15000 Einwohner und die Stadt ist sehr im Aufnehmen und Vorschreiten begriffen. Es ist dort ein schönes Gymnasium. Carl hat also den Umgang von Gymnasiallehrern und von seinen Kollegen am Kreisgericht. Am meisten behagt ihm Doctor Börner, den Du von Würzburg her kennst und der eine hübsche Bibliothek hat. Carl lebt also dort nicht ohne geistige Anregung und Umgang. Die nächsten Umgebungen von Landsberg sind fruchtbar (der Warthebruch) aber baumlos, Wald findet sich erst eine Meile von der Stadt, alles ähnlich wie in Merseburg. Carln werde ich nun nicht mehr so oft sehen wie bisher, etwa alle 2 Monat. Ueberhaupt geht mein Leben sehr bergab. Ich bin nicht mehr so körperlich rüstig, wie in den 70gern. Gegen Abend kann ich noch gut marschiren, sonst leide ich an rheumatischen Schmerzen im linken Bein und muß besonders Vormittags sehr hinken. An den Vormittagen lese und schreibe ich. Gegen Abend gehe ich spatzieren, mache wohl auch Besuche und höre Vorträge. Abends nach 8 Uhr bin ich bei Mutter, Clara Lamprecht ist jetzt bei uns.

Im Ganzen ist besonders seit der polnischen Frage unser Zustand hier fast unerträglich. Bismark hat nun vorigen Dienstag die Kammer mit solchem Hohn und Verachtung behandelt, daß es wirklich empörend gewesen und nur noch ein Glük gewesen, daß es nicht zu Thätlichkeiten gekommen, und nun klagt erd über Mangel an gutem Benehmen von Seiten der Kammer, als ob er als Rath der Krone das Privilegium habe, sich in der Kammer flegelhaft zu betragen!e So kann die Sache auf die Länge nicht gehen, das hat dann zur Folge, daß die Kammer jetzt bei Berathung des Budgets vielesf rüksichtslos zurükweist, was ich nicht billigen kann, da der König hierdurch immer erbitterter und statischer werden muß. Man muß auch im Kampfe Maas behalten, dann kann man um so fester und sicherer auftreten und an seinem Recht festhalten. Man hat z. B. 6000 rt. für den Militärbevollmächtigten in Petersburg gestrichen. Das ist ein Lieblingspunkt für den König und seine Liebhabereien und wegen einer so geringen Summe muß man den König nicht noch mehr reitzen. Das heißt den Bruch gewaltsam herbeiführen, wogegen man mit Fug und Recht einige Millionen im Militäretat streichen kann. Das ist etwas wesentliches und in wesentlichen Dingen muß man sich nicht ein Haar krümmen laßen. Wohin soll das führen! Ich sehe sehr schwarz in die Zukunft und diese Dinge verbitteren mir meine letzten Lebenstage. Die Regierung verfährt mit einem unverantwortlichen Leichtsinn und Starrheit. Es findet nicht das geringste Entgegenkommen statt, wogegen man die Nachgiebigkeit allein von der Kammer fordert. ||

Was die Polenfrage betrifft, so träumen England und Frankreich und ein Theil von Deutschland. Ich kenne die Polen von Jugend auf, ich habe sie jährlich Schokweise in Warmbrunn gesehen, ich habe ihre Geschichte gelesen, ich habe viele gesprochen, die längere Zeit unter ihnen gelebt haben. Sie sind unsittlich, im höchsten Grade leichtsinnig und verrathen sich unter einanderg und was die Politik betrifft, sind sieh anarchich und extravagant. Die Polen haben recht, wenn sie ihre Nationalität gegen die Rußen behaupten und sich nicht russificiren laßen wollen. Aber sie sind keiner politischen Freiheit fähig. Wenn ihnen Alexander morgen eine freie constitutionelle Verfaßung und eine eigne Kammer giebt, so werden sie bald in Anarchie verfallen, und sich unter einander verrathen wie früher. Dadurch sind sie früher untergegangen. Also Alexander respectire ihre Nationalität, damit sie nicht verdrießen,i halte sie aber in Ordnung! Es ist gut, wenn ihn die Westmächte jetzt daran erinnern. Will man diese Nationalität, soweit sie berechtigt ist,j ganz vernichten und stehen sie ink Maße auf, so sind sie dazu berechtigt, man muß aber nicht zum Meuchelmord greifen, wie sie es jetzt gethan. Aus Verbrechen entsteht keine Freiheit. Sollten sie im Lauf der Zeiten sich an Ordnung gewöhnen, dann mag man ihre Freiheit erweitern. – Was unsre Regierung betrifft, so ist ihr Benehmen in der Sache unverantwortlich. Man hat unnützer Weise und ohne Rüksicht auf die Kosten eine große Truppenmaße zusammen geschleppt, man hat nicht einmal von den Kammern einen Credit verlangt, ihnen alle Auskunft verweigert, so daß wir, die die Zeche zu bezahlen haben, vom Ausland Auskunft erwarten müßen. Ist das Rüksicht auf eine Volksvertretung! Man tritt die Rechte des Volks mit Füßen! Demungeachtet behaupte ich, man muß fest aber ruhig sein Recht festhalten, nicht leidenschaftlich vorgehen. Sybel ist ein vortrefflicher Vertreter unserer Rechte, die Rede von Bonin (Genthin) ist das beste und richtigste, was in der Sache gesagt ist. Von unsrer Seite (in Posen) war gar keine Veranlaßung so unbesonnenen vorzuschreiten, noch weniger ist die Regierung berechtigt, unsre Kräfte für Rußlands Intereßen zu vergeuden. Rußland hat Kräfte genug, seine Sache ins Gleis zu bringen. Aber die Ueberzeugung habe ich: Wenn jemals Polen wieder ein selbstständiger Staat wird, dann haben wir esl zum ärgsten Feinde. Sie werden nicht ruhen, bis sie die Ostseeküste, Danzig und Preussen haben. Darüber aber hat die Weltgeschichte gerichtet! Die Deutschen haben diese in früheren Jahrhunderten eroberten Länder kultivirt, menschliche Kultur hingebracht, das untere Volk frei gemacht, während der Polnische Adel es nur tyrannisiren will. Das ist unsere Berechtigung, und ich bin in dieser Hinsicht der ärgste Polenfeind. Jedes Volk, wenn es gelten und sich eine freie politische Existenz erringen will, muß seinen Beruf dazu nachweisen, durch Thaten. Preußen hat dieses gethan, Polen nicht, es ist durch seine eigene Anarchie zu Grunde gegangen. Es muß sich also bis auf weiteres eine gewiße Aufsicht und Bevormundung gefallen laßen, alles mit Vorbehalt seiner Eigenthümlichkeit, soweit sie sich mit gesetzlicher Ordnung und Freiheit m und den Rechten des Nachbars verträgt. Du hast hier meine Ansicht von der Sache. In London und Paris schwatzt man ins Gelage hinein, weil man dort die Polen nicht kennt, die Franzosen haben schon viel ähnliches von ihnen und werden daher auch nie zu rechter Freiheit gelangen. Die germanischen Stämme sind der Freiheit am meisten fähig, darum ist England frei geworden und wir sind auf dem Wege dazu.

Mein Aufsatz über Gneisenau ist in die Haimschen Jahrbücher aufgenommen und im Januar und Febr. Heft erschienen, ich schike Dir anbei ein Exemplar davon, so wie ich es von Reimer nach dem Druk der einzelnen Bogen erhalten habe. – Grüße Deine Anna aufs herzlichste. Minchen fragte mich vorgestern: wann wir denn zu Euch wollten? Sie wünschte dann auch da zu sein. Ich antwortete ihr: wahrscheinlich zu Pfingsten!

Dein Dich liebender Alter.

Hkl.

a eingef.: Anna ist bei; b eingef.: Max; c gestr.: das Nöthige; d eingef.: er; e gestr.: beklagen!; eingef.: betragen!; f gestr.: alles; eingef.: vieles; g mit Einfügungszeichen eingefügt: und verrathen sich unter einander; h eingef.: sind sie; i eingef.: damit sie nicht verdrießen,; j eingef.: soweit sie berechtigt ist,; k eingef.: sie; l eingef.: es; m gestr.: verträgt;

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
04-03-1863
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 36054
ID
36054