Haeckel, Carl Gottlob

Carl Gottlob Haeckel an Ernst Haeckel, Berlin, 10. November 1863

Berlin 10 Novemb. 63.

Mein lieber Ernst!

Daß Du Dich mit Deiner Anna in Deinem jenaischen Beruf wieder so heimisch fühlst, hat uns sehr gefreut, nun verlebt nur den Winter recht innig und häuslich zusammen. Hier bei uns ist es ziemlich bunt hergegangen und auch die nächsten Wochen werden nicht ruhig sein, da wir nach Landsberg reisen wollen. An dena letzten October Tagen habe ich viel über die Kriegsereigniße vor 50 Jahren und den Wiener Congreß gelesen, worüber Th. v. Bernhardi in seiner Geschichte Rußlands seit dem Jahre 1804. sehr vollständigen Aufschluß gegeben hat; b es ist wirklich kaum zu glauben, wie man auf dem Wiener Congreß mit den größten heiligsten Dingen umgegangen ist. Besonders tritt Metternich im geringsten Licht hervor und hätte nicht der liebe Gott mit dem Entweichen Napoleons von Elba dreingeschlagen, wer weis was noch daraus geworden wäre. Aber so lehrt die Geschichte immer, daß Gott die Welt regirt und daß diese nur durch ihn weiter gebracht wird, indem erc aus den nichtigsten, verkehrtesten und schlechtesten Bestrebungen der Menschen den Fortschritt der Welt zu fördern weis. Das muß uns auch in den jetzigen Tagen, wo die Bornirtheit und Schlechtigkeit ihren Culminationspunkt zu erreichen strebt, beruhigen. Die gestrige preußische Thronrede athmet den vollendetsten Absolutismus und Despotismus, ein gutes Gegenstük dazu ist die französische, durch und durch Lüge, die weitere Absichten verschleiert, aber aber kenntlich gemacht durch den Ausspruch: daß die Verträge von 1815. kaßirt sind. Napoleon wird schon hervortreten, wenn der rechte Moment gekommen sein wird und wird sich das linke Rheinufer von uns erbitten, während bei uns im Innern der despotische Druk alles zur Verzweiflung bringt, der Preußische Staat ist zu einem Zuchthaus geworden. Dennoch muß das Abgeordnetenhaus seine Besonnenheit nicht verlieren, sondern gemäßigt aber kräftig vorschreiten. Zuförderst muß es dem Könige zeigen, daß es ihn in seiner militärischen Organisation, so weit || sie wesentlichen Mängeln abzuhelfen beabsichtigt, zu unterstützen bereit ist und es wird sich dabei ergeben, daß das Abgeordnetenhaus sehr viel gewähren kann, was in des Königs Absichten einschlägt, so daß er sich sagen muß: daß er es mit einer vernünftigen Volksvertretung zu thun hat. Was dagegen die jesuitische Auslegung der Budgetstelle der Verfaßung betrifft, so muß diese gerügt werden. Es werden dann noch 2 Punkte kräftig hervorzuheben sein: das d terroristische Verfahren des Ministerii bei den Wahlen und die Aufhebung der Preßfreiheit. Hiergegen muß die Kammer auf das energischste eintreten. Ob man es die Regierung dazu kommen laßen wird, ist freilich eine andere Frage, man kann ja die Kammer wieder auflösen.

Ich sehe in der nächsten Zeit nur ein immer frecheres Vorschreiten des Despotismus und ich glaube, daß uns nicht anders geholfen werden kann als durch große Ereigniße. Napoleon mag uns den Krieg erklären, dann kommen die Dinge zum Bruch.

Ich lebe mein Leben ganz regelmäßig einen Tag mit den andern fort, gehe früh spatzieren, dann ruhe ich und lese bis Mittag. Abends gehe ich wöchentlich 4 Mahl zu Bardt ins Collegium über die allgemeine Erdkunde, die mich intereßirt, er ist jetzt in der physischen Geographie, wie sie uns Kant gegeben hat und also mit der Bewegung der Erde um die Sonne, mit Jahreszeiten, den Winden, den Climaten etc. beschäftigt, worin noch viel Abstraktes vorkommt, welches zu verstehen mir die Anschauung fehlt (ein offenbarer Mangel meiner geistigen Organisation). Später wird es intereßanter werden. Ich bin jedoch dadurch in Kants „physische Geographie“ ge||trieben worden, was ist das für ein geistreiches Buch! und wie hat er die Erde im Ganzen und aus einem Stük aufgefaßt! Das hat mich sehr ergötzt.

Die politische Lektüre hat mich in den letzten Wochen so beschäftigt, daß ich zur Lesung Deiner Schleidenschen Schrift über Darwine nur theilweise habe kommen und daß ich mir die richtige Lektüre noch vorbehalten muß. Die Analogie der Sprachentwikelung spricht mich sehr an.

Ich will nun mit Mutter auf etwa 12 Tage nach Landsberg und sehen: wie sie sich in ihrem neuen Quartier behaben. Inzwischen wird wohl das Abgeordnetenhaus Intereße genug verschaffen. Grüße Anna aufs Herzlichste und auch Hr. Seebeck bitte ich mich zu empfehlen.

Dein Alter Hkl

a eingef.: den; b gestr.: wie; c eingef.: er; d gestr.: Ver; e eingef.: über Darwin

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
10-11-1863
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 36036
ID
36036