Haeckel, Carl Gottlob

Carl Gottlob Haeckel an Ernst Haeckel, Berlin, 12./13. März 1864

Berlin 12 Maerz 64.

Mein lieber Ernst!

Es sind morgen 8 Tage, als wir unsern ersten Brief an Dich nach Genua abschikten, hoffentlich hast Du ihn erhalten. Da wir Dich nun bald in Nizza glauben, so schiken wir diese Zeilen nach Nizza. Vorigen Dienstag erhielten wir Deinen ersten Brief aus Genf und theilten ihn zugleich Gertrud und der Weiss mit, Bertha war in Potsdam. Wir schikten ihn auch sogleich an Mutter Minchen und an Carl und haben ihn von da schon zurükerhalten. Aus diesem Deinem lieben Briefe haben wir nun ersehen, wie es Dir bis dahin ergangen, insbesondre die furchtbare Nacht in Frankfurt a/M. Ich kann Dir Deine Verlaßenheit nachfühlen, denn ich habe sie selbst durchgemacht und Du wirst noch oft ähnliche Stunden haben, wenn auch nicht in dieser furchtbaren Stärke. Aber Sie müßen durchgemacht werden, sie unterliegen dem göttlichen Weltgesetz und diesem müßen wir uns demüthig fügen. Mutter und ich machen alle diese Stunden mit Dir durch, wir sinda ja selbst verwaist, da unsere liebe Anna nicht mehr unter uns b ist und wir müßen uns fast zu einer geordneten Thätigkeit zwingen, selbst wenn wir den Thränen zuvor unsern freien Lauf gelaßen haben. Was mich betrifft, so habe ich in diesen 14 Tagen eine wahrhaft innerliche Arbeit durchgemacht. Denn es genügte mir nicht, mich bloß dem Gefühl zu überlaßen. Ich wollte auch den großen Verlust in die Weltordnung einreihen und ihn so im Zusammenhange mit derselben verstehen lernen. Das ist mir dann auch bis auf einen gewißen Grad gelungen und so bin ich denn auch auf dem Standpunkt der Reflexion ruhiger geworden, unbeschadet des Gefühls und Gemüths was seine eignen Rechte hat und sich weder wegdemonstriren läßt noch laßen soll. Auch dieses Verlustgefühl hat uns Gott eingeimpft und es soll seine eignen Früchte tragen. Gehe ich nun vom Standpunkt der besonnenen Reflexion aus, so tritt mir das ganze irdische Getreibe dieser Welt maßenhaft vor Augen. Ich sehe täglich Tausende junger Leute im blühendsten Alter sterben, ich sehe täglich Millionen von Menschen dem irdischen Getreibe dieser Welt nachlaufen, ohne eine tiefe Ahnung eines höhern geistigen Bewußtseins. Ich sehe tagtäglich, wie eine ältere Generation diese Welt verläßt und eine andre an ihre Stelle tritt, wie die wenigsten einen höhern Lebens Zwek erreichen, sondern c dem gewöhnlichen Streben nach d irdischem Genuß anheimfallen. Da tritt uns aber bei solchem Verlust, wie dem unsrer Anna das entschiedene sichere Gefühl und die unabweisbare Forderung einer geistigen Fortdauer entgegen. Existirt || diese nicht, so giebt es keine göttliche Weisheit und keine göttliche Liebe. Dieser Satz ist für mich unumstößlich und diesen Glauben kann mir niemand rauben, ich, der ich schon an der Schwelle des Grabes stehe, werde ihn unverrükt in jene Welt mit hinüber nehmen. Er ist sogar eine Forderung unseres Gewißens, die sich durch das Gefühl, daß wir dort in jener Welt von unserem Thun und Laßen in dieser Welt Rechenschaft zu geben haben werden, ankündigt, dieses setzt aber eine Rükerinnerung an dieses Leben und einen Zusammenhang des künftigen Lebens mit dem gegenwärtigen voraus. Das sind sittliche, religiöse Forderungen und diese stehen höher als aller Verstand. Daß diese Forderungen jetzt in Dir recht tief und lebendig werden, darum bitte ich Gott stündlich, kein andrer kann Dir diesen Glauben einimpfen, Du mußt Dir ihn in Dir selbst erzeugen, und ohne ihn bleibst Du ein elender Mensch, ohne ihn bleibst Du ohne alle Aussicht auf eine geistige Wiedervereinigung mit Deiner Anna, ohne ihn ist Eure gegenseitige Liebe nur ein elendes Spiel gewesen. Das sind strenge Worte, die ich hier ausspreche, aber ich nehme sie nicht zurük und beharre fest auf meiner Forderung. Knüpfe ich sie nun an meine Beobachtungen über dieses Erdenleben im Allgemeinen an, so finde ich sie durchaus bestätigt. Dieses Erdenleben hat allerdings seinen selbstständigen Zwek, sonst hätte die göttliche Weisheit diese Erde und ihre Bewohner nicht geschaffen, es giebt daher auch für den Menschen einen irdischen Beruf, er soll diesen Beruf hier erfüllen, der aufs Mannigfaltigste vertheilt ist. Mit dem äußern Beruf soll aber der innre sittliche Beruf gleichen Schritt halten. Dieses Erdenleben ist nur eine kurze Station in dem ewigen Leben des Geistes, eine ganz kurze, wie uns die Ergebniße jeden Tags zeigen. Tausende werden in der Blüthe der Jahre täglich abgerufen, und es giebt dort in jener Welt wahrscheinlich eine ganz andre Zeitmeßung als hier auf Erden, was uns hier lange erscheint, ist dort vielleicht nur ein kurzer Moment. Trotz allen diesen Unvollkommenheiten tritt dennoch der göttliche Weltplan von vielen Seiten deutlich hervor. Das Menschengeschlecht soll hier auf Erden seinen Geist schon möglichst entwikeln, eine Generation löst hierin die andre ab, ja sogar eine Kulturbildung die andre. Die griechisch römische hatte viel schönes, aber sie war einseitig. Das fühlten schon Sokrates und Plato und darin trugen sie schon das Verlangen nach einer andern höhern Welt. || Nun erschien das Christenthum. Dieses hat eine neue Welt gestaltet, durch die christliche Kultur haben wir erweiterte Ansichten über dieses Erdenleben und über die Natur und die Ewigkeite gewonnen und die Menschheit ist aus der Rohheit zur Humanität erzogen worden und sie schreitet darin immer weiter. Mit diesem Fortschritt erweitert sich aber auf das Bewußtsein von der Unvollkommenheit dieser Welt, und wir verlangen eine f geistige Fortentwiklung in einer vollkommneren Welt. Die geistige Forschung trift also mit der Forderung unseres Gemüths für die Ewigkeit vollkommen zusammen. Das Wie dieser Fortentwikelung bleibt uns auf dieser Erde verborgen. Daß sie aber stattfinden werde, ist sogar für einen vernünftigen Verstand unumstößlich gewiß. – Zu diesen Resultaten bin ich in den letzten Wochen, im Wege der bloßen Reflexion aufs neue gelangt. Das Gefühl der Nichtigkeit dieser Welt ist bei mir und Mutter jetzt das vorherrschende. Der Verlust Deiner Anna wird Dir dieses Gefühl aufs lebendigste vor die Seele geführt habeng, und Gott schikt uns auch darum solche Verluste in dieser Welt zu, damit wir ja nicht das Ewige in dieser Welt vergeßen und daß wir eine beständige, wenn auch ruhigere Sehnsucht darnach in uns behaltenh. Hat sich Dein Schmerz erst so gesetzt, i und ist Dir diese Sehnsucht geblieben, dann hast Du einen wesentlichen Gewinn durch den Verlust von Anna davon getragen. Ich habe, mein lieber Ernst, dieses alles durchgemacht, ich habe einen ganz ähnlichen Verlust gehabt, wie Du, Du kannst also schon meinem Urtheil trauen. Dein Schmerz wird sich nur allmählich setzen, das soll so sein, damit das, was zurükbleibt um so fester, innigerj werde. Diese Reise, die Du jetzt machst, soll nur dazu dienen, daß Du wieder in das gehörige Gleichgewicht kommst, um Deinen Beruf fortzuführen. Mutter und ich wollen dir dazu behülflich sein, indem wir künftigen Sommer bei Dir bleiben.

Wir denken dem 23. Merz Umzug zu halten in das Haus N. 14. der Schellingstraße. Mutter trifft künftige Woche schon allmähliche Vorbereitungen. Zu Ostern erwarten wir die Landsberger Kinder. Am liebsten sind wir jetzt still zu Hause für uns, um an Dich und an unsre Anna zu denken. Wir haben aber viel Beileidsbesuche gehabt, die sehr gut gemeint sind. Ich denke Dir wenigstens alle 8 Tage zu schreiben, thue aber auch ein Gleiches. Dein dich liebender Vater

Haekel

Ich habe gestern Virchowk einen Besuch gemacht, er kannte bereits den Tod Deiner Anna und sein Stettiner Wirth war eben bei ihm, der Deinen Verlust auch schon kannte.

verte ||

Den 13 Merz. Ich komme soeben aus der Kirche und habe fast nur an Dich und Anna gedacht. Das Gefühl der Nichtigkeit dieser Welt ist in mir das vorherrschende. Ich komme mir, wenn ich das gewöhnliche Treiben der Menschen sehe, vor, als ob ich unter lauter Narren herumwandelte. Dagegen spricht mich die Natur mehr an, so war es auch vor 46 Jahren. Ich lese daher Ritters Geographie von Europa, worin er vorzüglich die Gestaltung der europäischen Länder, die Gebirge, die Stromsysteme in ihrer Individualität beschreibt, mit großem Intereße. Dieses Studium stößt mich nicht ab und so wirst auch [Du] Dich hoffentlich in Deine naturhistorischen Studien bald einleben. Schon durch ihre Dauer von vielen Jahrtausenden, in denen sie sich wenig verändert und wo nur die menschliche Thätigkeit von Generationen äußere Veränderungen auf ihrer Oberfläche hervorbringt, spricht uns sehr an. Aber das Menschengeschlecht ist doch der 2te Hauptfaktor auf dieser Erde, seine Geschichte und Entwikelung also eben so wesentlich als die Natur selbst und so wird auch dieses Geschlecht seine weitere höhere Entwikelung hier verfolgen, aber seine eine Hälfte ist und bleibt irdisch, die 2te ewige soll sich in größerer Vollendung erst dort entfalten. – Wir haben hier vollständiges Aprillwetter, Schnee, Regen, Hagel, kalten starken Wind und Sonnenschein an Einem Tage, sie wechseln einander ab. – Oncle Sethe in Aurich ist am 25sten Febr. sanft entschlafen. Vor einigen Tagen war die Familie versammelt wegen der zu treffenden Arrangements in Betreff der Erbschaft. Er soll ein hübsches Vermögen hinterlaßen haben, deßen Betrag wir noch nicht kennen. Es wird sich aber in 19 Theile (die Köpfe seiner Geschwister Kinder, die er zu Erben eingesetzt hat) zersplittern. Von diesen 19 Köpfen ist Deine Mutter Einer, Annas Vater Christian war auch Einer, sein Antheil wird auf seine noch lebenden 5 Kinder fallen. Anna ist vor dem Oncle (9 Tage früher) verstorben und kann also nicht mehr gerechnet werden. Also auch hier eine Lüke. – Du lebst nun hoffentlich schon im milden Clima, während wir noch vom nordischen gepeitscht werden. – Der Krieg gegen Dänemark hat seinen Fortgang, man wird jetzt Fridericia und die Düppelschen Schanzen nehmen müßen, bis Schleswig vollständig erobert ist. Sollte man dann so rasend sein, es den Dänen zu überlaßen, so glaube ich wird die Sache bei uns in Preußen ganz schlimm werden. Die kleinen und mittlern deutschen Staaten benehmen sich unter aller Kritik, sie thun gar nichts, sind unfähig sich zu vereinigen und denken nur an ihre Kleinstaatenexistenz. Wären nicht die beiden Großmächte, so wäre Deutschland im europäischen Staatensystem gar nicht vorhanden.

A Dieu mein lieber guter Ernst. Deine Eltern denken immerfort an Dich, Du und Deine Anna leben in ihrem Herzen

Dein Dich liebender Vater

Haekel

a eingef.: sind; b gestr.: sel; c gestr.: über; d gestr.: höhern; e eingef.: und die Ewigkeit; f gestr.: vollkommneren; g eingef.: haben; h gestr.: sollen; igestr.: dann; j eingef.: inniger; k irrtüml.: Wirchow;

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
13-03-1864
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 36028
ID
36028