Haeckel, Carl Gottlob; Haeckel, Charlotte

Carl Gottlob Haeckel an Ernst Haeckel, Berlin, 16. Dezember 1863

Berlin 16 Dcmb 63.

Lieber Ernst!

Gestern Abend war ich in einer Gesellschaft bei Bahrt, wo ich mehrere Deiner Bekannten und Freunde traf. Sie war wohl dem H. v. d. Deken zu Ehren gegeben, den ich auch gesprochen habe. Zum 1 Mai soll sein bewaffnetes Schiff in England fertig sein, mit welchem er nach der Küste von Zanzibar zurükkehrn will. Er rühmte die Schönheit der Gebürge und Wälder an dieser Küste und die Thätigkeit der katholischen Jesuiten Missionäre, die auf eine sehr praktische Weise die dortigen Völker zu civilisirena suchten, während die englischen protestantischen Missionäre fast gar nichts zu Stande brächten und sich unter einander entzweiten. Er beabsichtigt Abessinien zu bereisen, welches bekanntlich ein sehr schönes Land ist. Er ist sehr anspruchslos und dabei sehr unternehmend und entschieden. Er hat mir wohl gefallen.

Dein Freund Hartmann saß neben mir, der Dich herzlich grüßen läßt. Er erzählte mir über den Zustand der Negervölker im Sennar und der Umgegend. Es ist eigentlich ein großes Volk mit verschiedenen Schattirungen und Stämmen, von der Natur keineswegs geistig vernachläßigt und auch im Ganzen gutartig, doch einige Stämme b etwas mehr verdorben. Hartmann glaubt doch, daß die Hauptquellen des Nil im östlichen Afrika und den dortigen Gebirgen entspringen, wie vielleicht auch aus dem westlichen Afrika einige Zuströmungen in den bekannten See stattfinden, den Speek und Genoßen entdekt haben. An der andern Seite neben mir saß der General Beier, der vorigen Sommer 5 Wochen auf der Schneekoppe gewesen und dort vermeßen hat. Er hat in den kalten Julitagen mitunter in den Nächten 5 Grade Kälte gehabt und sich daher nicht sehr behaglich gefunden. Aus Hirschberg haben wir Nachrichten. Es wird dort an der Eisenbahn sehr stark gearbeitet und man kann vielleicht künftigen August schon bis 1 Meile vor Hirschberg fahren von Kohlfurt über Lauban und Greiffenberg, wo die Bahn wenig Hinderniße findet. Diese beginnen erst bei Hirschberg || wo einer Seits tiefe Durchstiche an den Bergen herum und andrer seits starke Zuschüttungen von Schluchten stattfinden müßen. Die Bahn macht bei Hirschberg einen starken Bogen um die Berge herum und findet endlich bei Gotschdorf (1 Stunde v. Warmbrunn) eine Schlucht aus dem Hirschberger Thal heraus, wo sie sichc dann längst dem Gebirge hinwindet und bei Greiffenberg an dem Queis nach Lauban und so nach Kohlfurt geht. Mich intereßirt dieser Bau ungemein, weil ich überzeugt bin, daß diese Gebirgsbahn neues Leben ins Gebirge bringen wird. Von Hirschberg aus, wo sie den Bober paßirt und verläßt, windet sie sich stromaufwärts längst dem Bober hin durch die Gebirgsschluchten bei Kupferberg und Landeshut vorbei nach Gottesberg und Waldenburg, wo sie die Kohlenbergwerke findet und von wo aus sie das ganze Gebirge bis Görlitz hin mit Steinkohlen versehen wird. –

Abends beim Nachhause gehn von Bahrdt begleitete mich D. Roth, der Dich herzlich grüßen läßt und sich sehr beklagte, daß Du ihn im Herbst so wenig besucht hättest. Er erwartete bestimmt, daß Du ihn zu Ostern aufsuchen würdest. Sonst waren noch Beyrich, Bose, Poggendorf, Wetzstein, Ehrenbergd und einige andre bei Bahrt. Es war recht hübsch. Ich höre jetzt 3 Mahl Abends von ¼ auf 7 bis ¼ auf 8 e ein Privatum „Allgemeine Erdkunde“ bei Bahrt, auch ein Publicum bei ihm: „Geschichte der Geographie“. Letzters ist sehr intereßant und besucht (hat einige 30 Zuhörer). Das Privat Collegium hat nur 10 Zuhörer, intereßirt mich aber auch. Es begann mit der f physisch mathematischen Geographie (Bewegung der Erde um die Sonne) sodann gieng er auf die Bildung der Gebirge über und gab einen Abriß und Ueberblik aus der Geologie. Zuletzt hat er uns das vulkanische Leben geschildert und kommt nun jetzt zu den Flußgebieten. Wir gehen gewöhnlich Abends nach dem Colleg zusammen bis beinah nach Hause, wo wir uns trennen. Er erkundigt sich sehr fleißig nach Dir und läßt Dich herzlich grüßen. Ich habe jetzt viel im Renan (Das Leben Jesu) gelesen. Hartmann hat ihn früher in Paris kennen gelernt, wo er noch ganz unbekannt gewesen, wo aber seine Freunde von ihm schon || g erwartet haben. Er erkennt die Größe des Christenthums, als der wahren Religion an und spricht mit großer Bewunderung an. Die Person Christi hat er aber nicht würdig genug aufgefaßt. Sie steht höher als er sie annimmt und Weisse in Leipzig hat ihn deshalb in der protestantischen Kirchenzeitung zurecht gewiesen. Das Buch ist übrigens geistreich, gelehrt und athmet einen würdigen Ernst. Sehr gut schildert er das Leben Christi in Gallilaea, welches einen großen Gegensatz bildet gegen Christi Aufenthalt in Judaea und Jerusalem.

So lebe ich zwischen kirchengeschichtlicher und geographischer Lektüre und außerdem leider noch Politik, die Aerger genug bringt. Unsre innern Zustände sind wahrhaft gräßlich, diese Demoralisation der Beamtenwelt und des Volkes aus reiner Herrschsucht. Jetzt kommt noch dazu die Schande, Schleswig Holstein im Stich zu laßen. Aber diese Wunde wird nicht vernarben, sondern immer wieder aufbrechen, während wir jetzt den schönsten Zeitpunkt, diesen Stämmen gerecht zu werden vorübergehen laßen. Seit 14 Tagen haben wir grundschlechtes Wetter gehabt; täglich Regen. Heute (den 17ten) scheint endlich mal die Sonne wieder. Die Feiertage gedenken wir hier ganz ruhig zu verleben. Grüße Deine Anna

von

Deinem Alten Hkl

[Nachschrift Charlotte Haeckels]

Nun, lieben Kinder, nun noch einen herzlichen Gruß von

Eurer

Euch so herzlich

liebenden Mutter

Lotte.

a korr. aus: civilisirten; b gestr.: mehr ver; c eingef.: sich; d eingef.: Ehrenberg; e gestr.: All; f gestr.: mit; g irrtüml. doppelt: viel von ihm

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
16-12-1863
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 35934
ID
35934