Haeckel, Carl Gottlob; Haeckel, Charlotte

Carl Gottlob Haeckel an Ernst Haeckel, Berlin, 23. November 1864

Berlin 23 Novemb. 64

Mein lieber, lieber Ernst!

Deinen Brief zu meinem Geburtstage habe ich erhalten und danke Dir aufs Herzlichste dafür. Ich bin nun in mein 84stes Jahr getreten. Ob es das letzte sein wird, muß ich ruhig erwarten und ruhig den Anordnungen der göttlichen Natureinrichtung folgen. Die Feier war recht hübsch und die Gäste schienen sich sehr zu gefallen, denn sie blieben bis gegen 8 Uhr da und plauderten viel unter einander. Neben mir rechts saß die Weiss und neben ihr Quinke. Neben mir links die alte Jacoby und neben ihr Oncle Julius. Er und Adelheid waren gekommen, was mich sehr freute. Er saß Quinke vis a vis gegen über, daß sie viel plaudern konnten, doch plauderten auch die Weiss und Quinke viel zusammen. Neben Bertha saß a Barth, auch sie unterhielten sich gut. Sonst waren noch anwesend Gertrud aus Potsdam, die Schwäger Heinrich, auch Carl, der eben von Wanzleben kam, wo er Abschied genommen und zu seiner Mutter nach Frankfurt gieng, um dort die weitern Conjunkturen abzuwarten. Auch Prediger Richter war kurz vor Tisch gekommen und blieb hier. Abends gieng er ging er zur Feier von Schleiermachers Geburtstag, der schon den 21sten trifft, da aber die auswärtigen Geistlichenb wegen des Todtenfestes, wo sie predigen müßen, nicht hier erscheinen können.

Nach Tisch standen die Gäste in Truppen lange bei einander und plauderten viel. Sie gingen erst um 8 Uhr wieder und schienen sich sehr gefallen zu haben, was mir sehr lieb ist. Mutter ist in diesen Tagen sehr beschäftigt gewesen, um alles gehörig zu arrangirn und schikt Dir heute von den beaux restes. So wäre denn also das Fest glüklich vorüber. Bin ich auch krank und leide viel an Schmerzen in den Händen und in den Schultern, so bin ich doch sonst munter. Ich gehe täglich mittags zwischen 12 und 2 Uhr im Thiergarten 1 ¼ Stunde spatzieren und sehr gut zu Fuß, so daß ich recht schnell gehe und mein Bedienter, der mich immer begleitet, oft Noth hat, mit mir fort zu kommen. Sonst gehe ich täglich auch früh und Abends jedesmahl ½ Stunde zu Fuß, um die Beine gehörig im Gange zu erhalten und der Verdauung wegen. An den Vormittagen habe ich in den letzten 4 Wochen und auch 1 Stunde gegen Abend das Leben Gneisenau‘s, was mir Reimer geschikt hat, aber erst in einigen Monaten herauskommt, durchgelesen und es in 8 gedrängten geschriebenen Folio Bogens excerpirt. Mir hat diese Arbeit viel Vergnügen gemacht, das Buch enthält sehr viel schätzbares Material und geht bis zur Schlacht nach Aspern, wo Napoleon die c österr. Prinzess zur Gemahlin nahm und eine neue Lebensperiode für ihn begann. Der Auszug, den ich gemacht habe, gewährt eine, wie ich glaube, gute Uebersicht, während sich im Buche vieles zerstreut und durch einander findet. Die Persönlichkeit Friedrich Wilhelms III muß m. E. intereßiren, wenigstens ist es bei mir der Fall gewesen, seine sehr richtigen Ansichten über die Heeresreorganisation im Jahr 1807. in der er besonders unbedingtes Avancement für jedes Talent und Tüchtigkeit bis in die höchsten Stellen hinauf will und sich gegen jedes ausschließliches Privileg des Junkerthums in der Armee erklärt. Sein Sohn Friedr, Wilh. IV hat grade das Gegentheil gewollt und gethan und jetzt bei Heeresreorganisation kommt die Sache aufs neue zur Sprache. Ferner ist auch die Erörterung der Frage: ob Preußen mit Oesterreich im Jahr 1809. gehen sollte, was alle verständigen Männer wollten, intereßant. Der König hatte kein Vertrauen zu Oesterreich was sich allerdings sehr zweideutig benahm und er glaubte nur auf Rußland als Alliirten fußen zu können, welches aber 1809. noch nicht losschlagen wollte. Im 2ten Teile von Gneisenaus Leben werden wir nun noch sehr viel Intereßantes erfahren und auch meine Mittheilungen, die ich als Augenzeuge gemacht habe, werden darinn vorkommen.

Daß Du mein lieber Ernst diesen Winter so traurig bist und daß Deine Arbeiten nicht recht vorwärts wollen, finde ich ganz in der Ordnung. Es ist mir nach dem Tode Emiliens eben so gegangen. Ich brütete über den Akten hin, ohne etwas Ordentliches zu Stande zu bringen. Das Bild der verlorenen Geliebten schwebte mir immer vor und der d Schmerz war ungemein groß. Aber er trug für mich die wohlthätigsten Früchte. Ich hatte davor viel Ehrgeitz, wollte gern äußerlich vorwärts. || Von diesem äußern Streben wurde ich durch Emiliens Tode vollständig kuriert. Ich wollte nichts mehr von dieser Welt, die mir völlig gleichgültig geworden war. Es zog mich nur nach Oben hin. Es dauerte über Jahr und Tag, ehe ich mich mit dieser Welt wieder in ein richtiges Gleichgewicht zu setzen wußte. Ich sah nun zwar, daß ich fortleben müße. Aber der Ehrgeitz war verschwunden. Das Leben war innerlicher geworden und ich war nun reif gemacht, um mit Deiner ganz aufs Innre gerichteten Mutter, ein gehaltvolleres Leben fortführen zu können. – Bleibe, mein lieber Ernst, dies wünsche ich aufs sehnlichste jetzt in Jena, gehe nicht nach Würzburg, pflege jetzt recht das Andenken an Deine Anna, daß es recht fest werde und innerlich tiefe Wurzeln schlage. Was Du in Würzburg an Mitteln zum Fortschritt an Deiner Wissenschaft gewinnen könntest, würdest Du vielleicht an Gemüthlichkeit und an innerm Seelenfrieden verlieren. Du könntest vielleicht gar in katholische Verbindungen gerathen, die auch Dein häusliches Lebensglük zerstörten. Dafür wärst Du gar nicht sicher. Auch erscheint mir Dein Weggehen von Jena als ein ungemüthliches, egoistisches e Verlaßen Deiner treuen lieben Freunde in Jena. Das alles spricht dafür, daß Du jetzt noch einige Jahre in Jena bleibst, Dich dort innerlich ganz festsetzt und ausbildest. Zu späterer Zeit, wenn sich das alles erst recht festgesetzt hat, kann es Dir an Gelegenheit zum Weitern Fortkommen, wenn Du so fort arbeitest nicht fehlen. Also bleibe jetzt in Jena bei Deinen Freunden. Adieu mein lieber Ernst.

Dein dich innigst liebender Vater

Haekel

Die Vertheidigung der Polen durch Gneist in dem Polenproceße hat in diesen Tagen viel Aufsehn hier gemacht. Sie ist besonders abgedrukt zu S. 43 der Nationalzeitung vom 19. Novemb. Ich lese eben auch darüber und habe noch kein Urtheil. Das erste Drittheil ist mir nicht klar und zusammengedrängt genug, wie ich überhaupt in Gneist populäre Klarheit vermiße. Ich will nun weiter fortlesen.

[Nachschrift Charlotte Haeckels]

Unter dem Mittelsten f Siegel ist das ist das Kistchen genagelt.

a gestr.: die W; b irrtüml. doppelt: Geistlichen; c gestr.: Prinz; d gestr.: Sch; e gestr.: Hinweg; f gestr.: Nage

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
23-11-1864
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 35927
ID
35927