Haeckel, Carl Gottlob; Haeckel, Karl

Karl und Carl Gottlob Haeckel an Ernst Haeckel, [Berlin, 21. und 24. Oktober], 1862

Lieber Ernst!

Hast Du auch wohl daran gedacht, der Turiner Akademie ein Exemplar Deines Werkes zu senden. Dies dürfte aus verschiedenen Gründen angemessen sein.

Hast Du unsern Bädecker über Norddeutschland? Ich weiß wohl, wo er steckt.

B 21/10 Dein Karl

[Fortsetzung von Carl Gottlob Haeckel]

Carl läßt Dir sagen:

Du mögest bei den beiden Ministerien des Kultus und des Innern einkommen, ihnen anzeigen, daß Dir die Profeßur der Zoologie in Jena übertragen worden und daß Du, da Du Dir das Indigenat im Preußischen Staate zu erhalten wünschtest, um die Erlaubniß bätest, diese Profeßur anzunehmen. Du bätest demnach, Dir diese Erlaubniß zu ertheilen, Dira das Preußische Indigenat zu erhalten und Dir hierüber eine Ausfertigung zu ertheilen.

Dabei wirst [Du] zum Eingang ein kurzes curriculum vitae, wo Du geboren bist, wo Du studirt hast und wo Du Doctor geworden bist, wer Deine Eltern sind etc. voranschiken müßen, und wohl auch das Taufzeugniß und Doctordiplom beilegen. Auch das Profeßor Diplom? ||

Den 24sten.

Der Uebergang vom Sommer zum Herbst ist in diesem Jahre sehr schneidend, aus den schönen Tagen endlich zu Wind und Regen, der dem Lande sehr noth thut. Besonders anb die langen Abende muß ich mich erst wieder gewöhnen, auch heitzen wir ordentlich ein. Das Gehen wird mir in diesem Herbst schwerer als im vorigen Sommer, das ist das vorschreitende Alter. Ich sehe mich überhaupt nur noch als Zuschauer auf dieser Erde an, mit einer einwirkenden Thätigkeit hat es ein Ende. Ich ziehe mich mehr auf einen kleinen Kreis nähere Freunde und Bekannte zurük und laße mir durch die Zeitungen von der Welt etwas erzählen, denke vielfältig des Tages an meine nur noch kurze Lebensdauer und wie es jenseits aussehen wird. Ich ärgere mich wenig über die Politik, ich kann ja doch den Preußischen Staat nicht mit in den Himmel nehmen und wünsche es auch nicht. Er hat zu viel ekiges und schroffes, dieses Junkerregiment ist gar zu ekelhaft und es wird noch lange dauern, ehe es sich etwas beßert. Dazu muß Deutschland Krieg haben, zu welchem jetzt noch keine Aussicht ist. c Unser Abgeordnetenhaus hat sich gut gemacht, es ist aber ein Jammer, die Regierung zu sehen. Ich lebe jetzt noch in der Erinnerung an all das Schöne, was ich in diesem Sommer gesehen, am Rhein und bei unsrer Auguste hat es mir wohl gefallen, in Schlesien habe ich großen Genuß an der schönen Gegend gehabt, die auf das Gemüth einen so überaus wohlthätigen Eindruck macht. Dazu kommt freilich noch die Anhänglichkeit an meine Heimath, die Rückerinnerung an meine Jugendjahre. Es ist doch etwas eignes, wenn mand so die verschiedenen Stadien des Lebens hinter sich hat und damit bald zu Ende ist. Hinzu kommen noch die großen Weltveränderungen, die sich während meinem Leben zugetragen haben, so daß die jetzige Zeit ein ganz andres Ansehen gewonnen hat als die frühere. Es hat sich vieles gebeßert, vieles ist noch in der Gährung, diese Entwikelung bildet aber eben die Weltgeschichte. Dieses fortwährende Drama. Wäre ich noch jung, so würde ich vor allen Dingen einen Theil der Erde, intereßante Länder zu sehen suchen. Gestern Abend war ich bei der Weiss, sie zieht künftige Ostern in unsre Nähe, gleich über die Potsdamer Brüke, deren Umgebungen sich sehr verschönern, dem Carlsbad gegenüber, in die || Carlsbadstraße nicht weit davon ziehen Beyrichs. Sie beziehen ein sehr hübsches Quartier. Auch hatte die Weiss Briefe von Barth,. der jetzt noch in Constantinopel sein und Ende dieses Monats zurükkommen wird. Die Karpathen und Siebenbürgen haben ihm sehr gefallen. Am Tage über pflege ich mich auf meinem Sopha, indem ich lese oder schreibe, über die Welt und das Leben reflektire und sie mir zurecht lege. Das thut man in der Jugend nicht, weil man da noch aktiv und Mitspieler ist. Da regirt mehr der Affekt, im Alter die ruhige Beschauung. Die Deutschen sind in Maße betrachtet doch ein prächtiges Volk, wegen seines inneren Werths, seiner Wahrheit, Redlichkeit und Treue. Ich möchte keinem andern Volk angehören, wo ich diese Eigenschaften nicht fände. Italien gehört die Kunst, Deutschland die Wißenschaft und Erkenntniß vorzugsweise. Das muß uns wieder aussöhnen mit unsrer Zerstükelung, die wohl nie ganz aufhören wird, wenn sich auch ein größeres Nationalbewußtsein entfalten muß, wie im vorigen und zu Anfange des jetzigen Jahrhunderts, was unter aller Kritik war. e Ihr, Du und Deine Anna, werdet nun wohl auch ein behaglicheres Leben begonnen haben, wenn Ihr Eure Sachen habt. Wir freuen uns schon rechtf, Euch auf Weihnachten hier zu sehen. Vorigen Montag feierten wir Berthas Geburtstag bei uns, die Potsdamer waren hier, Julius ausgenommen, der Geschäfte hatte, sodann die Tante Jacobi und Heleneg, Quinke und Frau, Marie und Tempeltey, Heinrichh. Es war recht hübsch, Carl war auch hier, aber freilich Mimi und die Kinder fehlten. – Ich denke nun mit Mutter, die recht wohl ist diesen Winter ein stilliges [!] und ruhiges Leben zu führen in unserem gemüthlichen Quartier. An Bewegung, täglich 2 Mahl, früh und Abends, will ich es aber, so weit die Kräfte noch reichen, nicht fehlen laßen. Abends gehe ich zwischen 6 und 7 Uhr in den erleuchteteni Straßen; was doch sehr angenehm ist. Wäre ich an einem kleinen Ort, so müßte ich ein ganz andres Leben führen, Mittags zeitig eßen, um bevor es finster wird, noch spatzieren gehen zu können. So aber bin ich hier nicht genirt. Laßt bald etwas von Euch hören und denkt unser fleißig.

Euer Alter Vater

Hkl

a eingef.: diese Erlaubniß zu ertheilen, Dir; b eingef.: an; c gestr.: Die; d eingef.: man; e gestr.: Du; f eingef.: recht; g eingef.: Jacobi und Helene; h eingef.: Heinrich; i eingef.: erleuchteten

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
24-10-1862
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 35922
ID
35922