Haeckel, Carl Gottlob; Haeckel, Karl

Carl Gottlob Haeckel an Ernst Haeckel, Berlin, 10. Oktober 1851, mit Nachschrift von Karl Haeckel

Berlina 10 October 51.

Mein lieber Ernst!

Aus Deinem Briefe haben wir erfahren, daß Dir die Trennung von uns sehr schwer geworden. Das finde ich auch ganz in der Ordnung. Auch mir ist das erste halbe Jahr, nachdem ich das väterliche Haus verlaßen, unendlich schwer geworden. Aber es muß durchgemacht sein, damit sich der Jüngling zum Manne ausbilde. Das Leben ist nun einmal zu unsrer nothwendigen Entwikelung eine fortlaufende Kette von Prüfungen und diese ist nun die erste, welche Dir auferlegt wird. Aber beruhige Dich, diese Unbehaglichkeit des Daseins wird verschwinden, wenn Du erst länger an die Trennung gewöhnt sein wirst, ohne daß Du die Liebe und Anhänglichkeit an die Eltern verlierst. Sie ist mir immer geblieben, solange ich auch aus dem väterlichen Hause war und sie wird auch Dir bleiben. Gleichzeitig mit dem Ausscheiden aus dem väterlichen Hause mußt Du Dich nun auch an fremde Menschen gewöhnen und unter ihnen zu leben lernen und der Uebergang für Dich in Merseburg ist noch immer einer der leichtesten, dabei hast Du die Aussicht, uns immer wieder von Zeit zu Zeit zu sehen. Mir wurde es nicht so leicht, ich kam unter ganz fremde Menschen und sah mein väterliches Haus erst nach 2½ Jahren wieder. Befleißige Dich in diesem halben Jahre noch recht des Lateinischen und der Geschichte und besuche Abends nach Deinen Arbeiten unsereb Freunde recht fleißig. Mache Dir fleißig körperliche Bewegung und nimm insbesondre Deinen Fuß recht in Acht, wikle ihn noch einige Monat, damit die Gelenke rechte Festigkeit gewinnen. – Hier bei uns war es bis gestern sehr unheimlich, Dein Zimmer stand voll Kisten, nun sind diese weggeräumt und die Zimmer nehmen sich nunmehr sehr freundlich aus. Ich gehe an den Nachmittagen im Thiergarten und längst der Spree fleißig spatziren. Gestern Abend waren wir in einer sehr hübschen Gesellschaft bei dem OberPräsident v. Bassewitz, c wo ich mehrere alte Freunde und Bekannte fand. So wird sich hier unser Leben zwischen Selbstbeschäftigung und Umgang mit Verwandten und Freunden theilen. Auch fängt das Wetter an etwas besser zu werden, als es zuletzt in Merseburg war.

Grüße mir ja den Professor Wieck recht herzlich und sage ihm, daß ich von Zeit zu Zeit Dir, Herrn Karo u. Herrn Simon Nachricht von uns geben und diese bitten werde, ihm weitere Mittheilung zu machen, daß ich ihmd aber, wenn ich erst einige Zeit hier sein werde, ordentlich schreiben e und ihn in meinem herzlichen Andenken behalten werde.

Dein

Dich liebender Vater

Haeckel

Herrn Osterwald bitte ich

mich bestens zu empfehlen. ||

[Nachschrift von Karl Haeckel]

Berlin 10 October 51.

Lieber Bruder.

Gestern endlich kam Dein Brief, auf den Mutter schon mehrere Tage lang sehnsüchtig gewartet hatte. Du mußt ihr ja oft schreiben, denn ihr machen Deine Briefe große Freude. – Und im Vertraun gesagt, uns auch ein Bischen, d.h. Vater und mir und Deinem zukünftigen Schwesterchen. Wir alle haben uns recht über Deinen gestrigen Brief gefreut, wenn er auch Zeugniß davon giebt, daß f ohne einigen Jammer das Haussöhnchen sich nicht an die neuen ungewohnten Verhältniße gewöhnen kann. Nun dafür läßt ja auch der liebe Herrgott seine Trostkräutlein in der Gegend von Scherbau wachsen. Als guter Hofmeister muß [ich] Dir übrigens rathen, an solchen Tagen lieber in Göthe sich zu vertiefen, als ein Buch Ilias zu verschlingen. Ich kann mir nicht denken, daß Du das Letztere mit allen seinen grammatischen Formen und ontirenden Conditionalperioden sonderlich verdaut haben wirst. Ein verbiesterter und verkümmerter Magen verdaut meist schlecht. – Ich hoffe in der neuen Woche nun auch mit dem Jus wieder anzufangen. Bescheid aus Naumburg habe ich noch nicht bin aber der guten Hoffnung daß er günstig ausfällt. Freund Ruts, der geistige Vater des Don Folinsky, hat immer noch nicht seine vor nun bald 14 Tagen abgeschickten Sachen. Sie sollen aus Versehen nach Leipzig gegangen sein. Aegidi besuchte mich gestern. Heut war ich mit Donna Eleonora bei Wartenberg‘s um Frau Etats-Räthin Esmarch zum Geburtstage zu gratulieren. Sie hatte sehr nette Briefe vom Manne und dem Sohn. Sie, g die Wartenberg, ist krank, war aber doch sichtbar. Auch unsre Mise (die Wartenberg wird ebenso genannt) keucht immer noch und muß sich für gewöhnlichh in der Stube halten. Der Schnupfen will nicht weichen. Heute Nachmittag geht Vater mit mir ins Symphonie-Concert in den Hennigsschen Wintergarten, wo es für 5 Sgr. u. a.i 2 Symphonie und Tabacksqualm in Fülle giebt. Die Concerte sollen übrigens sehr gut sein, und würden vielleicht auch einem Menschen, der gar nicht gern Clavier spielt, zusagen.

Ade.

Immer Dein

Karl.

N. B. Das Attest nach Glogau ist nicht recht gewesen laßt daher das anliegende von Wieck unterschreiben u. siegeln und schicke es her. Vater muß dann noch darunter bemerken, daß u. welche Privatstunden Du hast. Das Datum ist auch noch einzurücken!j

a gestr.: Merseburg; eingef.: Berlin; b gestr.: Die; eingef.: unsre; c unleserlicher Text gestr.; d gestr.: mir; eingef.: ihm; e gestr.: werde; f gestr.: es; g gestr.: Unsre; h von oben eingef.: für gewöhnlich; i von oben eingef.: u. a.; j weiter am linken Rand von S. 2: N. B. Das Attest … noch einzurücken!

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
10-10-1851
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 35918
ID
35918