Haeckel, Carl Gottlob; Haeckel, Charlotte

Carl Gottlob Haeckel an Ernst Haeckel, Berlin, 22./23. Januar 1852, mit Nachschrift von Charlotte Haeckel

Berlin 22 Januar 52.

Mein lieber Ernst!

Durch Eichhof haben wir Deinen neuesten Brief erhalten. Er reist heute ab, da er aber nicht direkt nach Merseburg geht, sondern erst in einigen Tagen dahin kommt, so antworten wir direkt. In der schönen mondhellen Nacht, in welcher Du zurückreistest, haben wir Deiner recht gedacht, auch wie Dir die Wiedereinrichtung schwer werden würde. Nun wird es wohl überstanden sein. Das Thema zu Deiner deutschen Arbeit ist ja recht hübsch. Da kannst Du allerlei ausführen. Wir leben hier im alten Zuge fort, sind zum Theil Abends bei den Verwandten ausgebeten, besuchen Abends regulair Papa und die Schwägerinnen; ich sehne mich nach Ruhe (das Alter meldet sich doch) und bleibe an den Nachmittagen, die bei den noch immer kurzen Tagen kurz genug, zu Hause und lese seit einigen Tagen, nachdem ich die Dokumente der Tante Sack vollständig durchgesehen habe. Gegen Abend gehe ich spatziren und besuche dann einen Freund. Gestern Abend war ich bei Ribbeck, der die Gicht hat. Nach Tisch lese ich Zeitungen und ärgere mich über die erbärmlichen Kammern, die entweder ganz zum alten Feudalismus zurückwollen, oder sich lasterweise ganz dem des politischen Ministerio hingeben. Statt die Sachen zu ordnen, werden sie immer tiefer in die a Verwirrung hineingeschoben; immer in die Extreme hinein, wie im Jahr 1848, nur zuletzt von der b gouvernementalen und rechten Seite. Wo bleibt der redliche Wille, welcher der Regierung allein Achtung und Anhänglichkeit erschaffen kann! Die Junkers gehen im Sturmschritt auf ihr Ziel los, wie im Jahr 48. die Demokraten, bis der Herr von oben richten wird! Einen solchen Despotismus, ein solches blindes fanatisches Eifern von Seiten der Rechten, die alles gegebne feierliche Versprechen ignoriren und sich schrankenlos in ihren Gelüsten gehen laßen, ist mir in den letzten 40 Jahren noch nicht vorgekommen.

In diesen Tagen treffen mehrerec alte Verwandte hier ein, um der Auktion des Mobiliars der Tante Sack beizuwohnen, die Sonnabend und die folgenden Tage hierd sein wird. August Sack aus Halle wird hier erwartet, sein Schwager Vink und Frau sind schon hier, Guido aus Breslau wird kommen, Minchen aus Stettin wahrscheinlich auch. Da werden wir wohl unruhige 8 Tage haben. – Ich bin mit Mutter mehrmals Sonnabends in den wißenschaftlichen Vorlesungen gewesen, die uns wohl gefallen. Vor 14 Tagen wurde über Olympia und die Olympischen Spiele, vor 8 Tagen von dem jungen Diterici über die Wüste von Sinai, (wo er selbst gewesen) und die Feste Petra gelesen. Sonst habe ich keinen wißenschaftlichen Zusammenkünften beigewohnt, wir sind mehr in der Familie ausgebeten gewesen. Einmal haben wir die Sacksche Familie bei uns gehabt. Auch bei Reimers sind wir einige Mahle gewesen. In diesen Tagen habe ich Simons Schrift über die katholische Kirchenverfaßung gelesen, die mir wohl gefallen hat, nun sollen die Vorlesungen von Eltester über die Gestaltung der evangelischen Kirche folgen. So denke ich allmählich in das Lesen hineinzukommen, woran ich bisher verhindert worden bin. –

Karl lebt in seinem Examinationstrain fort und grüßt Dich herzlich. Mache Dir Dein Examen nicht zu schwer und vernachläßige die Bewegung nicht ganz. –

Wir haben in den letzten zehn Tagen sehr schlechtes Wetter gehabt, jetzt scheint es sich zu beßern. Tante Kalisky hat aus Dresden geschrieben und uns einen schönen Rehbock geschickt, der bald verzehrt ist. Ihre Tochter hat wegen der großen Kälte Nizza verlaßen und ist nach Palermo gegangen. eHerr v. Lengerke ist an Weihnachten nach Italien nachgereist. Der Winter ist ganz abnorm, in Deutschland warm, in Italien kalt, er treibt sich in den Extremen herum, wie dief Politik, und hat dieser wahrscheinlich den Kopf mit verdreht. – Laß bald etwas von Dir hören, grüße unsere Freunde und denke unser.

Dein Dich liebender Vater

Haeckel ||

den 23 –

Mein lieber Herzens Junge!

Gestern war mir es nicht möglich zu schreiben, und heute wird auch nicht viel werden, ich muß schon um 9 Uhr in der Wohnung der Tante Sack sein, weil noch Sachen zu ordnen sind; aber ohne den herzlichsten Gruß kann ich doch Vaters Brief nicht abgehn lassen. Ich habe mich sehr gefreut, durch Eichhoff von Dir zu hören, und ich bitte Dich, ihn meinen schönsten Dank zu sagen, daß er vor seiner Abreise noch mal hier war, wo ich ihn nicht gesehen habe; weil er nicht direct reist habe ich ihm das Buch etc. nicht mitgegeben, sondern werde es bald schicken. – Mit herzlicher Liebe

Deine Mutter. ||

Philipp hat vorgestern ein anathomisches Examen glücklich bestanden, heute hat er wieder eins. Grüße Osterwalds und alle Freunde herzlich.g

a gestr.: al; b gestr.: Se; c eingef.: mehrere; d eingef.: hier; e gestr.: Ihr Mann; eingef.: Herr v. Lengerke; f eingef.: die; g Text weiter am Rand von S. 1: Karl hat … Freunde herzlich.

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
23-01-1852
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 35913
ID
35913