Haeckel, Carl Gottlob; Haeckel, Charlotte

Carl Gottlob Haeckel an Ernst Haeckel, Berlin, 20. Februar 1852, mit Nachschrift von Charlotte Haeckel

Berlin den 20 Febr. 52.

Mein lieber Ernst!

Heute erhältst Du nur wenige Zeilen. Herr Doctor v. Basedow hat mich über Dein Unwohlsein sehr beruhigt. Es liegt im Wachsthum und Du wirst nur Deine Lebensart darauf einrichten und die vorgeschriebenen Mittel gehörig brauchen müßen, bis sich Deine Gelenke gestärkt haben. Es freut mich, daß Du die schriftlichen Examenarbeiten hinter Dir hast, das mündliche wird wohl auch überstanden werden. Dann kommst Du zu uns. Bruder Carl setzt sein Examenleben unausgesetzt fort, ich wollte, es nähme bald ein Ende, denn er ist gar nicht zu brauchen.

Am Sonnabend war ich in der litterarischen Vorlesung über die Mormonen in Nordamerika, eine fanatische Sekte in der Nähe von Californien, die die Vielweiberei gestattet und von dem furchtbarsten Priesterdespotismus beherrscht wird. Sodann ging ich mit Herrn v. Scharnhorst in die geographische Gesellschaft, wo mancherlei Intereßantes vorkam. Ein Missionär, der von der Ostseite von Afrika (von Montbazás aus) in das Innere eingedrungen, hat durch die Hülfe eines Fürsten, der ihn herumgeführt, die Nilquellen entdeckt. Sie sind zu einem hohen Schneeberge gekommen, an deßen Fuß sich ein kleinera See befindet, aus dem b ein Fluß nach einem größern See führt und dieser letztere soll die Nilquellen enthalten. Dieses sind die vorläufigen neuesten Nachrichten, deren Vervollständigung man noch erwartet. – 2 junge Naturforscher aus München, die bei Weiss introducirt sind und vorigen Sommer den Monte Rosa bestiegen haben, theilten ihre Reisebeobachtungen mit. Ein junger Reisender Namens Blum, der im Birmanenlande in Hinterindien gewesen, beschrieb ein feierliches Todtenfest daselbstc || was vielmehr das Ansehn eines Hochzeitsfestes hat, großes Gepränge, lärmende Musik, und zuletzt das Verbrennen des Todten, was ihm so gefallen hat, daß er äußerte, er wolle nach seinem Tode viel lieber verbrannt als beerdigt sein.

Sonntagd früh haben wir Jonas in der Klosterkirche gehört, gestern haben wir Besuche gemacht bei Herrn v. Wartenberg in der Alexanderstraße, bei der Präsidentin Eimbeck, deren Enkelsohn, der junge Doktor Klatsch eben hier ist. Er hat sich ein halbes Jahr in Wien aufgehalten, wo für die Medicin sehr viel gethan ist und geht jetzt nach Paris, von da nach Neapel, im Anfang hat er Professor werden wollen. Die praktische Medicin spricht ihn aber so an, daß er nunmehr zu ihr übergehen wird. Du siehst hieraus, wie sich die jungen Leute jetzt in der Welt umsehen müßen, nimm Dir eine Lehre daraus und lerne tüchtig, englisch und französisch wirst Du auf der Universität lernen müßen, ohne das kannst Du nicht reisen. – Endlich machten wir noch einen Besuch bei Richters Braut. Die wir aber nicht zu Hause fanden, sondern nur ihre Mutter. Die Braut ist ein hübsches angenehmes Mädchen, und allem Anschein nach hat Richter eine gute, für ihn sehr paßende Wahl gethan. Vorige Woche war kirchliche Verlobung, der auch Carl und Aegidis beigewohnt haben.

Nun für heute genug. Denke fleißig an uns.

Dein Dich liebender Vater

Haeckel ||

[Nachschrift von Charlotte Haeckel]

Wenn ich, meinen lieben Jungen auch heute nur flüchtig begrüssen kann, so soll doch des Vaters Brief nicht ohne ein Wort von mir abgehn. Wie sehr freue ich mich mein lieber Ernst, daß es Dir wieder besser geht und Du auch die schriftlichen Examenarbeiten hinter Dir hast; bekomme ich die dann auch zu lesen?

Nächstens werde ich Dir einige Kleinigkeiten für die Merseburger Armenlotterie schicken, die du an Frau Justiz Rätin Grumbach bringen || kannst.

Grüsse den Doctor v. Basedow herzlich von mir, und sage ihm, ich sei ihm sehr dankbar, daß er uns Nachricht von Dir gegeben. Herr Pastor Naumann aus Langendorf ist hier, er war Freitag bei uns zu Mittag, und heute erwartte ich ihn auch; weiß aber nicht ob er kommt. Von Hermine hatte ich heute ein Briefchen, sie läßt Dich schön grüssen. Brauche ja ordentlich den Leberthran. Denke fleißig an

Deine Mutter.

a eingef.: kleiner; b gestr.: sich; c eingef.: daselbst; d korr. aus: Sonnabend

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
20-02-1852
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 35912
ID
35912