Haeckel, Carl Gottlob

Carl Gottlob Haeckel an Ernst Haeckel, Berlin, 31. Oktober 1852

Berlin 31 Octob. 52.

Mein lieber Ernst!

Gestern Nachmittag bekamen wir Deinen ersten Brief aus Würzburg, der uns sehr viel Freude gemacht hat. Wir haben Deiner unendlich oft gedacht und uns immer gefragt: wo wird Ernst nun sein? Nun wißen wir, daß Du glücklich angekommen bist und haben Deine Entrée erfahren, die ja recht angenehm gewesen ist. Wie schön ista es doch, daß Du Deinen Freund Bertheau gefunden hast. Sage ihm unsern herzlichsten Dank für seine Fürsorge, es ist ungemein wohlthuend in einem fremden Land einen Freund zu finden, der uns aufnimmt und uns zum Orientiren in den neuenb Verhältnißen behülflich ist und dem man überhaupt vertrauen kann. Du wirst nun den Süden Deutschlands kennen lernen, den ich noch sehr wenig kenne. Meine Absicht ist, Dich künftigen Sommer zu besuchen und bis Nürnberg zu gehen. Bamberg soll sehr schön liegen. Der Süddeutsche ist viel gemüthlicher als der Norddeutsche, der sich nicht so gleich giebt, wie er ist, wenn auch in ihm ein tiefer Fond wohnt. Meine Schlesier gleichen viel mehr den Süddeutschen und es hat lange gedauert, ehe ich mich in der Mark eingewohnt habe. Es kam mir alles so steif und verschloßen vor, das wirst Du dort nicht finden. Der Süddeutsche ist viel liebenswürdiger als der Norddeutsche. Schon die Kargheit der undankbaaren Natur macht diesen letzternc härter. Dabei ist er weniger lebendig, sondern phlegmatischer. Da darfst Du Dich über die Geschwätzigkeit und Neugier der Süddeutschen nicht wundern –

Der Profeßor Weiss ist nun wieder angekommen, er hat über 4 Wochen in Linz krank gelegen und ist in soweit wiederhergestellt, daß ihm nur noch die Kräfte fehlen. Ich traf d bei ihm den Profeßor Lichtenstein, der mir aufgetragen hat, Dich an einen dortigen Studiosus med. Lachmann aus Braunschweig zu weisen, diesen von ihm (Lichtenstein) zu grüßen und ihm zu sagen, daß er (Lichtenstein) Dich an ihn gewiesen habe. Es soll ein tüchtiger junger Mann sein (äußerlich schlicht und einfach), e zugleich ein großer Freund der Botanik. Versuche nun das Weitere. Er ist verwandt mit dem hier verstorbenen Professor Lachmann, dem großen Forscher der altdeutschen Antiquitäten. – Ich habe mich vorige Woche viel mit den Wahlen zur 2ten Kammer beschäftigt, welche künftigen Mitwoch erfolgen sollen. Es sind hier in Berlin doch mehrere sehr gute Kandidaten aufgestellt worden, die wahrscheinlich auch durchgebracht werden, z. B. der Generalsteuerdirektor a. D. Kühne. Herr v. Patow etc. Das gebildete Publikum ist hier durchaus nicht theilnahmslos; auf dem Lande werden die Junker viele Kandidaten durchbringen und wir werden eine 2te Kammer erhalten, bestehend aus Reaktionairs, Ministeriellen (Absolutisten) und Constitutionellen (im weitesten Sinn). Die letztern werden wahrscheinlich in der Minorität sein. Das darf sie aber nicht abhalten, ihre Sache zu verfechten, die früher oder später nach vielen schweren Kämpfen durchdringen wird. – Karl ist mit Mimmi Donnerstag abgereist, wir haben noch keine Nachricht von ihm. Die Tage bis zu ihrer Abreise waren sehr unruhig. Nun ihr alle fort seid, ist es bei uns und Grosvater, wie ausgestorben. Grosvater nimmt an Euch Abwesenden viel Theil und läßt Dich herzlich grüßen. –

Wir werden nun allmählich unser reguläres Winterleben beginnen. Ich habe gestern schon angefangen || im schlechten Wetter und im Finstern bei Laternenschein herumzupanschen. Ich gieng nehmlich auf das PolizeiPräsidium und besorgte Dir einen Paß, wobei ich dann Deine Person beschreiben mußte. Sie haben Dich mit einer Größe von 6 Zoll und dann wieder „mittlerer Statur“ bezeichnet. Das ist eigentlich ein Widerspruch; wer 6 Zoll hat, ist schon ein großer Mensch, (denn ich sagte: Du wärest „lang“ und ein Stück größer als ich.) Sie scheinen in den Kategorien der Länge aber nicht sehr fest zu sein. Ferner bezeichnete ich: „reguläres Gesicht“. Das haben sie auch nach ihrer Art verdollmetscht. Die Paßextrahirungsgeschichte dauerte über ½ Stunde. Alle Polizeinotizen über die Haeckelsche Familie wurden herbeigeholt. Dort fand sich denn keine über Deine hiesige Studienzeit und da mußte endlich der Katalog der Studirenden, in welchem Du richtig verzeichnet warst, aushelfen. Dieser galt als authentisch und nun folgte die Paßausfertigung. Diese Polizeigeschäfte gehören zu den Errungenschaften. Vielleicht notiren sie in Würzburg, wie viel Kadaver jeder Student secirt? Heute war wieder ein Schutzmann da und verlangte noch nähere Nachricht über unser Hausmädchen Emma, das nimmt kein Ende. Sie werden zuletzt noch jeden Tag Nachfrage halten: wie so einer politisch gesinnt ist? Denn es könnte doch über Nacht anders geworden [sein]. Diese polizeilich politischen Aerzte sind unermüdlich und es wäre nur zu wünschen, daß auch jeder andre Arzt so wäre.

Wilhelm Bleek orientirt sich auch herum. Ich will ihm gern behülflich sein, ihm auf die rechte Fährte zu helfen. Die orientalischen Sprachen werden jetzt in England sehr getrieben (ihrer Kolonien wegen) und die Deutschen stehn jetzt in London an der Spitze der orientalischen Philologie. Theodor hat nun auch seinen Kursus begonnen und eben so Heinrich. An jungen Studiosen in unsrer Familie fehlt es also nicht.

Schreibe uns recht fleißig, Du sollst auch von uns fleißig Briefe erhalten. Lege Deine Menschenscheu ab und bedenke, daß Dich Gott f unter die Menschen versetzt hat, nicht um Dich von ihnen zu isoliren, sondern um mit ihnen und für sie zu leben und mit ihnen das Menschengeschlecht auszubilden. Die Geselligkeit wird freilich von Manchen zu weit getrieben. Aber das übertriebene Isoliren ist ebenfalls tadelnswerth. Auch kannst Du einen selbstständigen Karakter nur dadurch erhalten, daß Du unter den Menschen und mit ihnen lebst, nicht aber in der Isolirung. Daß Du Dich zur Bummelei und zum unordentlichen Leben nicht hinreißen laßen wirst, dafür ist uns weniger bange. –

Nun für dieses Mahl genug.

Dein Dich innigst liebender Vater

Haeckel

a eingef.: ist; b eingef.: neuen; c eingef.: letztern; d gestr.: den; e gestr.: der; f gestr.: nicht

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
31-10-1852
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 35910
ID
35910