Haeckel, Carl Gottlob; Haeckel, Charlotte

Carl Gottlob Haeckel an Ernst Haeckel, Bad Eilsen, 20. Juli 1856, mit Nachschrift von Charlotte Haeckel

Eilsen 20 Juli 56.

Diesen Nachmittag mein lieber Ernst haben wir Deinen Brief vom 17ten erhalten, er ist den 18ten in Würzburg abgegangen und den 19ten Abends in Bükeburg eingetroffen, also schnell genug gegangen. Zu Deiner Beruhigung erhältst Du sogleich Antwort. Seit dem 10ten Juli hat Mutter keinen Fieberanfall gehabt. Sie nahm noch an demselben Tage, als Frost und Hitze vorüber war, Chinin, hat mehrere Flaschen davon getrunken und nimmt jetzt einen Aufgußa von China und Quassia täglich mehreremal. Mutter meint, sie habe das Fieber wahrscheinlich schon mitgebracht, da ihr schon in den letzten Tagen in Berlin nicht recht gewesen sei, indem sie Katarrh mit Frost gespürt habe, auch hier trat das Fieber anfänglich nicht klar hervor. Am 26 Juni kamen wir an, am 28sten war Mutter unwohl und erst am 30sten zeigte sich ein klarer Fieberanfall. Das Wechselfieber nicht sogleich zu vertreiben, sondern es erst einige Mahl wiederholen zu laßen, wird noch jetzt von vielen Aerzten beobachtet. Die jüngste Generation mag ein andres Verfahren haben. Sonst ist Hℓ. Dr. v. Moeller ganz regelrecht zu Werke gegangen, alle Vorsichtsmasregeln, die Du Mutter empfiehlst, hat er auch angerathen. Auch sucht er uns keineswegs hier festzuhalten. Wir würden mit seiner Bewilligung schon in 8 Tagen reisen können; allein der Sicherheit wegen will ich bis zum 2 August bleiben. Dann wird Mutter 30 und ich 20 Bäder genommen haben. Die Schwefelbäder b und auch die Schlammbäder sind hier sehr gut. Letztere (Schlammbäder) wird Mutter nicht nehmen. Beide Arten von Bädern haben sich gegen Flechten und Rheumatismen vielfältig bewährt, man sieht hier fast nur Kranke. Der Ungewißheit, die ich mit Mutter vorigen Winter durchgemacht, ob die Flechten wohl wieder stärker hervortreten würden, sind wir müde. Schwefel ist so specifisch gegen die Flechten, wie China gegen das Fieber. Darum ließ Quinke nicht ab, Mutter in ein Schwefelbad zu schiken und es bekommt Mutter bis jetzt sehr gut. An den Fiebertagen hat Mutter nicht gebadet. Dem Reißen in den Beinen, was mich besonders in den letzten Monaten incommodirt hat, wünsche ich auch vorzubeugen, damit ich im Winter Ruhe habe. Auch vom Furunkelausschlag ist noch etwas zurükgeblieben, was noch fortgeschafft werden soll. Hier hast Du also die Geschichte und den Hergang und Gründe unseres Verfahrens. Du, junger Brausekopf, thust dem Dr. v. Moeller, der ein sehr braver Mann ist, viele arme Leute umsonst kurirt und hier von ihnen sehr belagert ist und viel Vertrauen genießt, sehr unrecht. Aber so ist die Jugend, sie tritt auf die Schultern der Vorzeit und sucht sie doch herabzuwürdigen und zu verkleinern. Du wirst schon lernen, billiger und gerechter [zu] werden. Ich rechne dieses Brausen Deiner Jugend zu und da grade Deine geliebte Mutter im Spiel ist, hat Dich die Sache in Harnisch gebracht. Ich habe in Aurich nichts von Sumpfland verspüren können, werde aber zur Sicherheit jetzt nochmals anfragen und wenn es eine Fiebergegend sein sollte, werden wir dann wohl nicht hingehen. –

Wir leben hier in gewohnter Art fort. Wir hatten 3 schöne Tage, seit einigen Tagen ist wieder Octoberwetter. Der Sommer bleibt dieses Jahr aus. An den Vormittagen baden wir; Nachmittags gehe ich mit Mutter eine gute Stunde in der schönen Gegend spatziren. Ich marschire dann noch etwas weiter und Nachmittags und Abends lesen wir. Mit der Schrift der Friederike Bremer über Amerika sind wir fertig. Sie phantasirt sehr viel, ist offenbar partheiisch eingenommen und Nord Amerika, wie es wirklich ist, lernt man daraus nicht kennen. Da muß man noch andre Schriften lesen, z.B. Busch etc. Jetzt gehe ich an Schwarz (in Halle) Geschichte der neuesten Theologie, es enthält sehr intereßante und wie ich glaube auch wahre und treffende Schilderungen der neuen Theologen. Diese Erscheinungen werden in ihrem innern Zusammenhange dargestellt, das Buch ist freimüthig und offen, wahr und doch mild. Darum undnd weil es zugleich geistreich ist und eine bedeutende Gelehrsamkeit zeigt, findet es so viel Beifall. Es ist etwas ähnliches wie Gervinus Litteraturgeschichte. ||

[Nachschrift von Charlotte Haeckel]

Mein lieber Herzens Ernst! Du mußt Dir nicht soviel Sorge um Deine alte Mutter machen, mit Gottes Hülfe wird sie wohl noch mal zusammengeflickt; und freut sich, ihren Herzens Jungen in Würzburg zu sehen. Halte Du Dich nur auch recht frisch, und laß Dich die Unannehmlichkeiten, die Deine jetzige Stellung mit sich bringen, nicht so sehr anfechten, die längste Zeit ist ja vorüber, und dann hoffe ich werden wir den Winter recht traulich und nett in Berlin zusammen verleben. –

Weißt Du es denn schon daß Karl und Hermine denken mit den Kindern zu Häckels Geburtstag zu uns zu kommen; das wird recht nett sein. Du wirst Deine große Freude an den kleinen Pussels haben. –

Wenn nur endlich das Wetter besser würde, daß wir von der schönen Gegend hier auch etwas genießen könnten. Besinnst Du Dich wohl, daß man uns in Rehme immer bereden wollte, eine Parthie nach Eilsen zu machen? Jetzt thut es mir leid, daß Du damals nicht hier gewesen bist. – Nun leb wohl, denke ohne Sorge an Deine alte Mutterc

a gestr.: Mischung; eingef.: Aufguß; b gestr.: sow; c Text weiter auf dem linken Rand von S. 1: Jetzt thut … alte Mutter

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
20-07-1856
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 35891
ID
35891