Haeckel, Carl Gottlob; Haeckel, Charlotte

Carl Gottlob Haeckel an Ernst Haeckel, Berlin, 13. Oktober 1856, mit Nachschrift von Charlotte Haeckel

Berlin 13 Octob. 56

Lieber Ernst!

Deinen Brief aus Nizza vom 1 und 5 October haben wir richtig erhalten. Du hast uns durch Beschreibung Deines Aufenthalts daselbst eine große Freude gemacht. Ihr seid ja dort sehr fleißig! Nur wenn man sein Lieblingsstudium treibt, so hat man immer großen Genuß und man braucht nicht getrieben zu werden. Wenn Du hieher zurükgekehrt sein wirst, wird es Dir auch nicht an Arbeit fehlen. Inzwischen ist nun unser alter Freund Weiss an einer Blasenentzündung am 1 October in Eger gestorben und am 4ten dort begraben. Die Witwe ist zurükgekehrt und wird hier wohnen bleiben. Rose wird wohl an Weiss Stelle einrüken und Beyrich an die 2te Stelle. Ernst Weiss bleibt noch 3 Semester hier, um seine Studien zu vollenden. Er wird jetzt hauptsächlich Mathematik treiben. Du wirst nun an Deine Dissertation gehen und dann Dein Staatsexamen machen. Du wirst also sehr beschäftigt sein. Inzwischen muß ich Dir nur melden, das am 5 November in Stettin Bertha Sethe’s Hochzeit mit Petersen sein wird, der bei Woldenberg in der Neumark einen Försterposten erhalten hat! Bertha soll gleich mit ihm ziehen, darum ist die Hochzeit so schnell. Zu dieser Hochzeit werden wir eingeladen werden und Du mußt Dich so einrichten, daß Du spätestens den 3 November hier ankommst, da wir den 4 November hinreisen werden. Das junge Volk soll das Fest mit verherrlichen helfen und Du sollst auch daran Theil nehmen. Hast Du auch ordentliche Kleider zu diesem Fest? – In Freyenwalde ist alles wohl, Du wirst die Freyenwalder auch in Stettin finden.

Seit 4–5 Tagen ist der Pastor Simon aus Mötzlich bei Halle bei uns, er läßt Dich aufs herzlichste grüßen und hat uns viel erzählt. Er geht in einigen Tagen wieder weg. Es ist doch jetzt eine ungeheure Regsamkeit im religiösen Leben. Der seichten Aufklärung des vorigen Jahrhunderts folgt nun jetzt eine starke Reaktion, die wieder ins Extreme geht und sich auf die Länge nicht halten kann. Das Resultat wird aber sein eine Wiedererwekung des christlichen Offenbarungsglaubens, so wie sich dieser mit einer geläuterten Vernunft verträgt. Denn ein Zurükkehren zur alten Orthodoxie auf die Länge halte ich für unmöglich. Die religiöse Regsamkeit aber, die sich jetzt zeigt, ist ein Zeichen des tiefen deutschen Gemüths und so lange noch Religion im Herzen der Menschen lebt, geht Europa nicht zu Grunde und am wenigsten Deutschland. Norddeutschland ist es vorzüglich, in welchem diese innre Umgestaltung vorgeht, die nur von evangelischen Deutschen verstanden werden kann. Sie wird auch die politische Umwandlung, in der wir begriffen sind, mäßigen und modeln. Dabei treten aber eine Menge in Extremen befangene Karrikaturen hervor, die nur der, welcher die Weltgeschichte begreift, verstehen kann. Flachen Beobachtern wird angst und bange und sie wißen sich alle diese Widersprüche nicht zu erinnern. Ritter war diesen Mittag bei uns || und es wurden über diese religiösen Ausartungen Dinge erzählt, die wirklich unglaublich scheinen. – So eben ist Adolph Schubert aus Kiel eingetroffen. Er ist heiter und lebensmuthig. Der Arzt hat ihn dort für entlaßungsfähig erklärt und wir wollen nun mit ihm berathen: was er weiter vornehmen wird? – Der Oberst Sleevogt ist diesen Sommer in Spanien gewesen, aber krank zurükgekehrt. Er hat sich doch wohl (er ist 60 Jahr) zu viel zugemuthet und die Reisestrapazen und die ganz veränderte Lebensart auf der Halbinsel sind zu viel für ihn gewesen. Ich glaube nicht, daß er diese Krankheita überstehen wird. – Tante Gertrud erwarten wir in diesen Tagen aus Aurich zurük. Tante Bertha ist ganz wohl und fährt zuweilen aus. Wir haben in den letzten 14 Tagen viel schönes warmes Wetter gehabt. Wir haben noch nicht eingeheitzt. Du wirst unsre Gegend sehr verändert finden. In unsrer Nähe sind am Havenplatz mehrere schöne Häuser gebaut. Weiter hin nach der Potsdamer Straße zu in der Nähe des Potdamschen Bahnhofs sind 2 neue Straßen, die Eichhornstraße und die Schellingstraße entstanden, ferner im Thiergarten die neue Kemperhofstraße, wo durch den Durchbruch der Gärten bis zur Potsdamer Brüke eine ganz neue sehr schöne Straße entsteht. Viele Familien aus der Stadt ziehen in diese neuen Häuser und werden dort durch Gewerbtreibende ersetzt. Sonst wüßte ich Dir heute nichts zu schreiben, als daß wir uns unendlich auf Dich freuen.

Dein Alter Hkl

[Nachschrift von Charlotte Haeckel]

Mein lieber Herzens Junge!

Deine alte Mutter ist so müde, daß sie Dir bloß noch sagt, wie sehr sie sich freut, Dich bald wieder zu haben. Gott gebe uns ein frohes Wiedersehen.

a gestr.: Arbeit; eingef.: Krankheit

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
13-10-1856
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 35884
ID
35884