Haeckel, Carl Gottlob; Haeckel, Charlotte

Carl Gottlob Haeckel an Ernst Haeckel, Berlin, 16. Mai 1857, mit Nachschrift von Charlotte Haeckel

Berlin 16 Mai 57.

Mein lieber Ernst!

Gestern Abend bin ich von Eisenach zurükgekehrt, wohin ich in BergwerksSachen gereist war, und habe Deinen Brief aus Wien vorgefunden. Unterwegs bei Halle traf ich mit einem jungen Mann aus Wien zusammen, der mir schon das theure Leben in Wien geschildert hatte, so daß er es bei unsa bedeutend wohlfeiler fand. Da Du ja überhaupt gute Wirtschaft treibst, so sollst Du Dich über das gewöhnliche Maas nicht einschränken. Du sollst Dir Deinen dortigen Aufenthalt nicht verkümmern und was es dann kostet, das werde ich bezahlen. Siehe Dich also in Wien und Environs ganz ordentlich um und mache Dir auch das b zu der Erholung von den Arbeiten nöthige Vergnügen. Du sollst, da Du ein ordentlicher und fleißiger Mensch bist, Dir Deine Jugend nicht verkümmern, solange unsre Kräfte reichen, werden wir Dich unterstützen. Du wirst wohl zu seiner Zeit auch auf den Punkt kommen, daß Du auf eignen Füßen wirst stehen können. c – Was Du über das Wiener Leben schreibst, kommt mir nicht unerwartet. Die Oesterreichische Regierung dringt jetzt sehr auf Fortschritt und das ist sehr löblich. Ob aber das Entgegenkommen von Seiten des Volkes diesem entsprechen wird, ist eine andere Frage. 2 Dinge stehen diesem sehr entgegen: 1. die ungemein reiche und schöne, zu Genüßen einladende Natur mit ihrem Ueberfluß und das diesem entsprechende d genußsüchtige Temperament der Oesterreicher; 2. die Pfaffenherrschaft, welche die Regierung nicht ganz loswerden wird, da sie deren andrerseits wieder zum Zusammenhalten der Volksmaßen bedarf. Gott hat die Gaben auf dieser Welt mit großer Weisheit verschieden vertheilt. Er hat Norddeutschland und ins besondere Preußen einen Boden gegeben, der den Menschen zu Anstrengung und Arbeit auffordert, wenn er auch nur nothdürftig genießen will. Dieses macht den Menschen thätig, arbeitsam, kräftig. Sein ganzes Streben muß auf Arbeit gerichtet sein. Eben so macht der Protestantismus, der den Geist seiner Feßeln entledigt, den Menschen geistig strebsam. Alles fordert bei uns zu geistiger, körperlicher und industrieller Thätigkeit auf. Wir können nicht in die Genußsucht versinken, wie der Oesterreicher, der so schöne, fruchtbare Länder bewohnt. Wir sind auf Anstrengung und manche Entbehrungen angewiesen. Das ist kein Unglük. Wir wollen den Oesterreicher nicht beneiden, wenn er mehr dem Genuß lebt. Er wird uns aber auch das größere, geistige Uebergewicht laßen müßen. – Daß Du gesellig so angenehm lebst und so viele Bekannte und Freunde gefunden hast, ist ja recht schön und wird Dir Deinen dortigen Aufenthalt sehr erheitern und auch, daß Du an Hn. Brücke einen so geistreichen und wißenschaftlichen Mann gefunden hast, ist ja vortrefflich. Du mußt aber die Empfehlungen, die Du von hier aus mit bekommen hast, durchaus abgeben. Ich glaube nicht, daß sie Dich in zu große gesellige Verwikelungen bringen werden. –

Daß Du ein besondres Zimmer für Dich hast, ist ganz recht. Es ist ungemein störend, mit einem anderen zusammen zu wohnen. Der Vorwurf aber, den Dir Cham… macht, daß Du äußerlich zu roh bist, ist ganz gerecht. Schon an und für sich ist Rohheit etwas füre den geistig gebildeten Menschen unpaßendes und Du würdest Dir im Leben auch für Deine innre Ausbildung sehr schaden und sie sehr erschweren, wenn Du sie nicht ablegtest. Aeußere Glätte ohne innre Tiefe ist etwas sehr erbärmliches. Umgekehrt ist innrer Kern ohne äußre Sittenbildung etwas sehr unvollkommnes. Die innre Ausbildung wird dadurch erschwert, weil uns die Rohheit den Menschen unangenehm macht, sie von uns entfernt und uns des zur innren Ausbildung nöthigen Umgangs und Verkehrs mit andern geistig gebildeten Menschen beraubt. Die äußre Sittenbildung ist Schönheit des geselligen Lebens. Das Schöne aber ist von Gott gegeben und gefördert und darum durch die ganze Natur vertheilt. Sie ist ein geistiger Bestandtheil des irdischen Lebens. Die feinere Sitte der Frauen und ihr Zartgefühl sind hierin unsre Lehrmeister. Einen rohen Gesellen, wenn auch innrer Kern vorhanden, läßt man bei Seite liegen. Darüber habe ich vielfältige Erfahrungen gemacht. Du neigst in diesen Dingen zum Extrem und dagegen mußt Du arbeiten, sowie ein andrer zum Gegentheil inclinirt und dagegen zu arbeiten hat. Wem freilich wenig Innres gegeben ist, der wird schwer innerlich werden. Wer aber mit Innerlichkeit begabt ist, kann, ohne dieser etwas zu vergeben, sich die nöthige Aeußerlichkeit verschaffen. –

Was macht denn der Prater für einen Eindruck im Gegensatz zum hiesigen Thiergarten? Ist er daßelbe große Gut für Wien, wie der Thiergarten für Berlin? –

Wir haben hier fortdauernd rauhe kalte, in den letzten || Wochen trokne Luft gehabt. Auch auf meiner Reise habe ich noch warmer Kleidung bedurft. Am Sonntag (den 10ten) fuhr ich in einem Streich bis Eisenach, wo ich gegen Abend ankam. Am Montag war Bergwerks-Conferenz, wo sich Aktionärs aus den Rheingegenden, Westphalen, der Mark und aus Sachsen einfanden. Es fanden sehr lebhafte Debatten besonders über die Nothwendigkeit eines Generaldirektors statt. Wir wollen vorläufig 3 Gruben bearbeiten, eine bei Eisenach, die 2te bei Altenstein, die 3te bei Ilmenau. Letztre hat Göthe schon sehr im Auge gehabt, es hat aber an Geld, Dampfmaschinen und leichten Kohlentransport gefehlt, um sie zu bearbeiten. Sie haben Kupferschiefer, der aus der Erde herausgeschafft und zu Kupfer resp. Silber geschmolzen werden soll. Die Aussichten sind nicht schlecht. Es wird aber fleißig gearbeitet werden müßen, um eine gute Förderung zu erhalten. Ich war 2 Abende auf der Wartburg. Die Aussicht ist ungemein schön. In der Burg sind aber auch schöne Gemäldef Geschichtsstüke aus dem Mittelalter, besonders von der g Landgräfin Elisabeth in Zeiten der Kreuzzüge. Abends pokulirten wir bei einer Bohle Maitrank. Dienstag fuhr ich nach Erfurth, wo ich bei Kellers sehr gut aufgenommen wurde und die Nacht blieb. Mittwoch über Weißenfels (wo ich einige Stunden mit Pastor Naumann aus Langendorf zubrachte) nach Merseburg zu Karo’s. Er, Karo war verreist. Der junge Schwarz hat als Techniker einer Braunkohlenanstalt, um das Theer auszubeuten, dummes Zeug gemacht, weil er in völliger Selbstüberschätzung alles beßer zu verstehen meint, und wird wahrscheinl. 8–10.000 rℓ. Lehrgeld zahlen müßen, worüber der Alte sehr betrübt ist. Karo war verreist. Den folgenden Tag habe ich bei Simon in Mötzlich übernachtet und gestern Mittag beim Landrath v. Bassewitz gegeßen. Ich habe auf der Reise in meinen Stationsquartieren recht intereßante Unterhaltungen gehabt, und bin sehr herzlich bei meinen Freunden aufgenommen worden. Ueberall mußte ich auch über Dich nähere Auskunft geben.

Soeben war Quinke hier. Er läßt Dir sagen: Du seiest ein Schaaf, daß Du seine Empfehlung an Brücke noch nicht abgegeben hast, die Dir zu näherer Bekanntschaft mit Brücke sehr helfen würde. Gehe also zu Brücke und gieb sie bald ab. Das gehört auch zu Deinen Unarten, daß Du an die Menschen nicht heran willst und die besten Gelegenheiten zu Deiner Ausbildung versäumst.

Für heute genug. In Freyenwalde ist alles wohl. Tante Minchen zieht zum September hieher und hat in dem Alambrahause gegenüber von Tante Bertha eingemiethet. A Dieu

Dein Alter Hkl

[Nachschrift von Charlotte Haeckel, Schluss eines nicht überlieferten Briefes]

Wir waren sehr besorgt um sie. Zu unserer großen Freude geht es ihr besser, sie hat selbst an Gertrude geschrieben. – Tante Bertha geht es besser, sie kann wieder auf sitzen. In der vorigen Woche hörte ich mit Vater das letzte Gustav Adolphs Concert, dabei dachte ich sehr an Dich, das würde Dir gefallen haben, weil nur immer gesungen wurde. Nun leb wohl mein Herzens Sohn. Schreibe bald wieder und denke an Deine alte Mutter.

a eingef.: uns; b gestr.: von den; c gestr.: daß; d gestr.: Tem; e eingef.: für; f eingef.: Gemälde; g gestr.: krank

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
16-05-1857
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 35882
ID
35882