Haeckel, Carl Gottlob; Haeckel, Charlotte

Carl Gottlob Haeckel an Ernst Haeckel, Berlin, 12. Februar 1859, mit Nachschrift von Charlotte Haeckel

Berlin 12 Febr. | 59.

Mein lieber Ernst!

Am 9ten dieses erhielten wir Deinen Brief aus Genua von 4ten, welcher uns große Freude gemacht hat, da wir daraus ersahen, daß Du die Alpen glüklich paßirt hast. Wir haben den Brief sogleich an Anna gesandt und erwarten jetzt Abschrift davon, um sie sogleich Minchen und Bertha und Carl in Freyenwalde mittheilen zu können. Inzwischen haben wir sie von dem wesentlichen Inhalt des Briefes mündlich und heute die Freyenwalder schriftlich unterrichtet. Die Reise über den Gotthard ist doch recht beschwerlich, zugleich aber sehr intereßant gewesen. Die Alpen im Winterkleide müßen sich sehr grandios ausgenommen haben. Schon bei den Schlesischen Bergen ist dieses der Fall. Mutter hat das Schlesische Gebirge im Winter noch schöner als im Sommer gefunden. Wir denken täglich, ja stündlich Dein und fragen uns immer: wo [Du] Dich jetzt aufhalten, was Du sehen, was Du beginnen wirst? Wir sind außerordentlich begierig auf neue Briefe und was Italien für einen Eindruk auf Dich machen wird? Der eigentliche Süden beginnt doch erst hinter Rom im Neapolitanischen. Aber nun hast Du das alte Rom vor Dir mit allen seinen Erinnerungen und Traditionen. Nimm Dich nur recht in Acht, was die Diät betrift, damit Du nicht krank werdest und eben so nimm Dich in unsichern Gegenden in Acht und wage nicht zuviel. So viel Schönes [Du] zu sehen haben wirst, so erklärlich finde ich es auch, daß Du Dich nach einer bestimmten Beschäftigung in Deinen anatomischen Arbeiten sehnst, indem davon Deine Zukunft abhängt.

Bei uns hier ist nichts wesentlich Neues vorgefallen. Das Wetter ist größtentheils schön gewesen, dabei nicht sehr kalt, höchstens 2 Grad unter null, heute wird 4 Grad über null. Es ist und bleibt ein sehr milder Winter. Einige Mahl waren wir bei den Verwandten, bei Minchen, bei Bertha, gestern im Unionsvortrag. Es geht bei uns sehr still zu. Uebermorgen erwarten wir Ottilie Lampert. Andrerseits gewähren die KammerVerhandlungen manche Unterhaltung, die Misbräuche, die des abgegangenen Ministerii kommen fortdauernd zur Sprache. Unsere Finanzverhältniße stellen sich vortheilhaft heraus. An einen Krieg zwischen Österreich und Frankreich will man noch nicht recht glauben.

Wir erwarten nun täglich Mimis Niederkunft. Der kleine Carl in Freyenwalde bestürmt Mimi unabläßig mit Fragen über Italien, da sie ihm gesagt haben, daß Du dort jetzt wärest. Carl II ist mit amtlichen Studien und sonstigen Arbeiten beschäftigt, und ich studire ebenfalls theils Geschichte, theils Nationalökonomie, teils kirchliche Sachen. Abends lese ich mit Mutter Schlossers Geschichte des 18ten Jahrhunderts. Auch die Zeitungen und Tages

Neuigkeiten nehmen einen Theil der Zeit hinweg. So vergeht ein Tag nach dem andern. Es ist jetzt schon beinah bis 6 Uhr Tageslicht, was mir sehr angenehm ist, da ich nun nicht mehr ganz im Finstern umherzulaufen brauche. ||

Am 16ten ist Dein Geburtstag. Wir wünschen Dir für Deine innre und äußere Entwikelung allen göttlichen Segen. Du wirst Dich, was manche Deiner innern Ansichten betrift, noch sehr aus dem Chaos herauszuarbeiten haben, denn sie sind zum Theil wahrhaft chaotisch. Aber Gott hat Dir eine reine Seele verliehen. Bewahre diese als Dein köstlichstes Kleinod, damit Du stets ruhig Gott gegenübertreten kannst. Suche, was Deine übrigen Ansichten und Bestrebungen betrift a Dich immer mehr von den Extremen fern zu halten und einen richtigen Mittelweg zu finden. Die Politik inkommodirt Dich nicht, das ist recht gut, besonders in jetziger Zeit. Aber auch in Deinem Beruf, in den Naturwißenschaften suche immer gründlicher und fester zu werden. Behalte uns lieb und denke, daß Du, wenn Du krank würdest oder Schaden nähmest, uns großen Kummer machen würdest.

Worum ich Dich jetzt vorzüglich beneide, ist der Aufenthalt in Rom, dieser denkwürdigen Weltstadt, an welche sich Tausend der wichtigsten Erinnerungen knüpfen, besonders aus der alten Römerzeit. Wenn ich dort wäre, ich hätte keine Ruhe bis ich mich recht vollständig orientirt hätte. Dich werden die Kunstdenkmäler noch mehr ansprechen, von welchen ich weniger verstehe.

Nun lebe wohl und schreibe uns bald wieder.

Dein Dich innigst liebender

Alter Hkl

[Nachschrift von Charlotte Haeckels]

Lieber Herzens Sohn!

Da Karl uns gestern beifolgendes Briefchen für Dich zum Geburtstag geschickt hat, so giebt mir dies Veranlassung Dir nochmals zu Deinem Geburtstag Gottes reichen Seegen zu wünschen. Wie sehr Du uns auch fehlst, so freue ich mich doch für Dich, daß Du so viel Herrliches siehst; und ich hoffe, daß auch diese Reise ein Seegen für Dich sein werde; geniesse all das Schöne was Gottes Natur bietet, aber so daß Du mit reinem Herzen || und ohne Reue daran zurück denken kannst. Hier ist alles wohl: Tante Bertha macht täglich ihre Spazierfahrten. Mutter Minchen ist viel frischer und wohler. –

Montag erwartten wir Ottilie Lampert. –

Nun lebe wohl, mein Herzens Sohn. Hoffentlich bekommen wir bald wieder Nachricht von Dir. Gott befohlen! Halte Dich gesund, und behalte lieb

Deine

alte Mutter

a gestr.: immer

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
12-02-1859
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 35877
ID
35877