Haeckel, Carl Gottlob; Haeckel, Charlotte

Carl Gottlob Haeckel an Ernst Haeckel, Berlin, 25. Oktober 1859, mit Nachschrift von Charlotte Haeckel

Berlin 25 Octob. 59.

Mein lieber Ernst!

Mit der größten Sehnsucht, ich möchte fast sagen, Bekümmerniß, hatten wir den Brief erwartet, der uns Deine Rükkehr nach Messina anzeigen sollte. Heute früh endlich giengen Deine Briefe vom 16ten ein und wir sinda dadurch außerordentlich erfreut. Ich habe sie gleich mit der Karte durchstudirt und die Briefe sogleich an Anna, auch die kleinen Schreiben an Carl und Bertha weiter befördert. Unser Herz ist ganz voll, drum setze ich mich schon heute Abend hin, um Dir zu antworten und Dir zu schreiben, wie es uns geht, wenn auch der Brief vielleicht erst übermorgen abgeht. Zunächst knüpfe ich an mein Schreiben aus Teplitz an, deßen Ankunft ich schon fast aufgegeben hatte. Wir haben einen sehr heißen Sommer gehabt, im Juli und August Tage von 28 Grad Wärme. Es war mitunter unerträglich, besonders in den Nächten, daß wir nicht schlafen konnten. Wir sind bis zum 10tenb Sptmb. in Teplitz geblieben, Mutter hat einige 30 Bäder genommen, darunter 10 Duschbäder. Diese Bäder haben sie sehr angegriffen, Quinke ist aber bis jetzt mit der Wirkung zufrieden. Er aber, so wie der Teplitzer Arzt Kratzmann, der sich bis jetzt höchst liebenswürdig benahm, haben von der Mutter für den ganzen Winter große Ruhe gefordert. Die Schmerzen im Rüken haben sehr nachgelaßen, wenn sie auch noch nicht gänzlich verschwunden sind, Mutter ist wieder beßer und sichrer auf die Füße. Wäre nicht ernstlich vorgekehrt worden, so wäre sie vielleicht lahm und contrakt geworden. Um dieses nicht zu werden, muß sie den ganzen Winter über große Ruhe halten, sie kann sich täglich einige Bewegung machen, sie ist z. B. gestern zu Bertha und nachdem sie dort mehrere Stunden geruht, wieder zurük gegangen. Sie muß aber vieles Wirthschaften im Hauswesen gänzlich vermeiden und darf in keiner Droschke fahren und alle heftige Erschütterungen des Rükens vermeiden denn dieser ist außerordentlich reitzbar. Als sie z. B. vor 4 Wochen ganz unerwartet Jonas Tod in den Zeitungen las, (ich war eben zu Carls Geburtstag in Freyenwalde) bekam sie wieder, wenn auch nur einen geringen Krampfanfall in der folgenden Nacht, aus dem aber Quinke nicht viel macht. Um ihr nun im Hauswesen die nöthige Hülfe zu gewähren muß sie immer jemand Junges, der ihr nahe steht bei sich haben. Zufälligerweise ist jetzt Bertha Karo bei uns, die ihr diese Hülfe leistet. In 8 oder 14 Tagen wird Anna sie wohl ablösen und bis in den Januar bleiben und alsdann wird Ottilie Lampert aus Hirschberg kommen, die bis zum Frühling hier bleiben wird, so daß Du sie noch vorfinden wirst, wenn alles geht wie es gehen soll. Zu meinem Geburtstag werden die Freyenwalder kommen, und da Mimi mit den Kindern den ganzen Sommer zu Hause gewesen, so sollen sie bis zum Neujahr hier bleiben. Wir räumen ihnen die nöthigen Zimmer ein und Anna soll alsdann die Wirthschaft besorgen. Mutter freut sich ungeheuer darauf, weil sie Mimi und die Kinder seit dem Februar nicht gesehen hat. So ist der Plan für diesen Winter. Bei mir nimmt das Alter zu und die Kräfte nehmen ab, ich kann wohl noch gehen, aber nicht mehr marschiren, wie vor einigen Jahren. Wenn ich eine gute Stunde gegangen bin, bin ich müde, ich kann es aber, wenn ich Vormittag gegangen, gegen Abend noch einmal wiederholen. Mein Gehör nimmt ab, doch kann ich noch die Kirche und die Geographische besuchen, ich höre, wenn ich dem Redner ganz nahe sitze. Was mich mein fortrükendes Alter so sehr fühlen läßt (ich trete zum 22sten November mein 79stes Jahr an), sind die großen Verluste unter meinen Bekannten und Freunden, ich habe im Frühjahr Kortüm und diesen Sommer und Herbst Diterici (den Statistiker) und vor einigen Woche Jonas und Ritter verloren. Das giebt ein großes Gefühl der Vereinsamung, die junge Welt kennt man nicht, die sinkenden Kräfte lähmen die äußre Thätigkeit, und so sehnt man sich nach Jenseits, (nur Mutter und ihr Kinder haltet mich noch hier)c wo man seine Lieben wieder findet und ein neues geistiges Leben beginnen wird, wo uns alle die Rätsel aufgeschloßen werden die wir hier täglich anstaunen. An der Fortdauer meiner geistigen Individualität habe ich keinen Zweifel. Die ganze Welt ist aber für uns ein großes Wunder. Wie man aber sieht, wie uns Gott die Gesetze der Welt schon hier theilweise aufgeschloßen hat, wie z. B. die Bewegung der Himmelskörper, so schwindet aller Zweifel, als ob wir nicht göttlichen Ursprungs wären. Ich lese viel, besonders über die Fortschritte der Erdkunde. Jetzt giebt ein gewißer Hauff mit Genehmigung des verstorbenend Alex. v. Humbolds || die deutsche Uebersetzung v. Humbold’s Reise nach den Aequatorial Gegenden heraus, die ich Abends Mutter vorlese. Noch gestern Abend lasen wir Humboldts Besteigung des Piks von Teneriffa, da haben wir recht an Dich auf dem Aetna gedacht. Vorige Nacht träumte mir, Du seist am 11 October wieder in Messina angekommen. Heute früh empfingen wir Deinen Brief. Die geographischen Studien (auch Barths Reise nach Afrika) beschäftigen mich besonders, auch historische und eben so Religionsgeschichte (die Entwikelungen des Christenthums, wodurch die Welt umgestaltet worden). Dieses läßt sich, wenn man Geschichte studirt, gar nicht abläugnen, es muß also im Christenthum eine göttliche Kraft wohnen und das spürt man auch in sich selbst, besonders bei großen innern Veränderungen im Gemüth. Aber zur Orthodoxie kann ich mich nicht erschwingen. Wenn man diesen Glauben erzwingen will, kann man verrükt werden. Wohl aber hat uns das Christenthum die in unsremd tiefsten Innersten wohnenden göttlichen Gesetze mit der größten Gewißheit und Tiefe offenbart und wenn diese irgendwann zweifelhaft werden, finden wir dort Trost, Sicherheit und Beruhigung.

Aus Deiner Reise ist zum Theil eine allgemein menschliche Bildungsreise geworden und das ist schön, sie soll auch Deinen Charakter gekräftigt haben. Nun mach Dich aber mit Ernst und Eifer an Dein Fach. Ich habe höchstens noch einige wenige Jahre zu leben und Du mußt nunmehr, auch was Deine äußre Existenz betrift, auf eigenen Füßen stehen lernen. Denn wenn Mutter und ich auch einiges Vermögen haben, so ist es doch nur, um meinen Kindern nach meinem Tode einige Zubuße, die nicht sehr groß sein würde, zu gewähren. Denn Mutter soll vor allen Dingen existiren. Daß Du diese Reisen hast machen können, verdankst Du meiner guten Pension, die mit meinem Tode aufhört. Ich erwarte also jetzt großen Fleiß und Eifer von Dir in Deiner gewählten Berufswißenschaft. Dann mußt Du Dich als Docent etabliren, Lachmann, der kürzlich hier war, (seine Frau hält hier Wache) rieth Dir nicht zu Würzburg, dort möchtest Du zue sehr von Andern als Mittelf benützt werden. Martens wird in dieser od. nächster Woche nach Japan reisen. Mit Deinem öknomischen Wirthschaften bin ich zufrieden. Du sollst nicht darben und nicht wie ein Bettler leben. So viel kann ich Dir schon geben. Wahrscheinlich wirst Du es wohl als Docent hier versuchen. Hartmann geht als Begleiter des Sohns des Prinzen Adalbert (ein Hr. v. Barnim) mit diesem auf 6-7 Monat nach Abessinien. Ehrenberg, den ich sprach und der sich fleißig nach Dir erkundigt, hatte schon an Dich gedacht. Es wäre aber nichts für Dich gewesen. Dazu gehören biegsamere Naturen, so wie Dich auch eine Reise nach Japan zu sehr von Deinem Fach abgebracht hätte. Erst mußt Du Dir eine äußre Lage begründen. Du kannst von Glük sagen, daß Du diese italiänische Reise gemacht hast. Das Reisen in andre Erdtheile ist jetzt so leicht, daß Du künftig noch einmal einen Theil v. Asien od. Afrika sehen kannst. Das kann man jetzt in 6-7 Monaten. Du wirst uns wohl in den nächsten Briefen Deine sicilianische Reise noch näher beschreiben, besonders begierig bin ich auf Palermo, den Aetna, Agrigent und Syracus. Barth, den ich kürzlich sprach, wünscht zwar auch noch einmal nach Afrika, aber nicht in die alten Gegenden, sondern neue. Man hat jetzt von der östlichen Seite einen großen See mit Sicherheit gefunden, der vielleicht die eine Nilquelle speist. Nach Aegypten wünscht Barth jedenfalls noch einmal zu gehen. Ich habe von seiner afrikanischen Reise viel gelesen. Sie ist doch mit unendlichen Beschwerden und Gefahren verbunden gewesen. Er hat den Benue entdekt, der aus dem Innern v. Afrika führt und von Timbuktu aus einen Theil des Nigerlaufs, den man noch nicht kannte, besucht, so daß man auch hier klarer sieht. Ritters Tod ist für uns ein großer Verlust, er ist aber im 81sten Jahr gestorben, mehr kann man nicht verlangen. Die Wißenschaften gehen vorwärts und ihr jungen Leute mögt Euch nun zusammen nehmen um sie weiter zu bringen. – Anna ist nun beinah 3 Monat abwesend und wir erwarten sie in diesen Tagen, sowie ihre Mutter, die noch in Heringsdorf ist. – Den König traf vor einigen Wochen ein so heftiger Schlaganfall, daß man sicher seinen Tod erwartete. Wider alles Erwarten hat er sich so erholt, daß er wieder herumfahren kann. Aber die Gehirnkrankheit geht ihren Gang fort. So schleppt sich dieser arme Mann Jahre lang hin. – Adolf Schubert ist jetzt hier und wird diesen Winter hier zubringen. – Jonas Tod (er starb schnell am Schlage) ist uns sehr nahe gegangen und hat uns tief betrübt. Er wird hier allgemein bedauert. Mitte September wurde es auf 8 Tage kalt, ich war grade in Freyenwalde. Nun haben wir noch 3 Wochen schönes || mildes Wetter einen schönen Herbst gehabt, jetzt fängt es aber an kälter zu werden. – Mutter Reimer hat nun unser Haus verlaßen und ist zu ihrem Sohn Georg gezogen. Statt deßen ist Savigny in unser Haus gezogen. In Potsdam bei Julius ist alles wohl. Auch Deine künftigen Schwäger Heinrich und Carl sind gesund, eben so ist bei Jacobis alles munter und der kleine nun halb reif gewordne Ankömmling wächst und gedeiht. Es werden in ganz Deutschland große Vorbereitungen zur Feier von Schillers 100jährigem Geburtstage (ich glaube, am 10 November) getroffen. Du hast wohl recht, im deutschen Volke stekt etwas, es soll nur rüstiger nach Außen werden und sich nicht von den Fremden treten laßen. – Da Mutter keine Besuche machen darf, so kommen unsre Freunde und Bekannten zu uns, insbesondre auch die Geheime Räthin Weiss, die wohl ist. Ich war vor einiger Zeit mit Lachmann, Barth und Braun einen Abend bei ihr, wo Braun sehr hübsch über die Verbreitung der Pflanzen in andre Climate sprach. Ich gab ihm Deinen Brief über die Flora auf der Insel Capri, den er mit großem Intereße gelesen hat. Für dieses Mahl genung, nun sollst Du wieder fleißiger Briefe von uns erhalten. Dein Alter Dich innigst liebender

Vater Hkl

Bekmann ist einige Zeit bei Lachmann gewesen, aber fortdauernd unwohl (Fieber). Ob er sich durcharbeiten wird, ist noch die Frage.g

[Nachschrift Charlotte Haeckels:]

Wie sehr ich mich gefreut habe, mein Herzens Sohn, daß Du Deine Reise glücklich beendigt, kann ich Dir nicht sagen. Gott möge mein Gebet erhören, und Dich ferner beschützen und Dichh gesund erhalten und so heimkehren lassen. – Gewiß will ich Dich nicht stören in dem, was zu Deiner Entwickelung und zur Vorbereitung in Deinem Beruf nöthig ist, aber dringend muß ich Dich bitten, Deinen Aufenthalt in der Fremde nicht zu lange auszudehnen, und wenn Du dort erforscht hast, was Du willst, lieber die Ausarbeitung hier vorzunehmen; wie gern möchte ich Dich noch wiedersehen, und meine Tage sind wahrscheinlich gezählt, ich kann mir nicht verhehlen, daß ich möglicherweise mal rasch abgerufen werde; vier mal haben sich die Zufälle, welche Quincke Krampf nennt, wiederholt, und ich habe entschieden das Gefühl, daß ich mal bei solchem Zufall nicht wieder zur Besinnung kommen kann; habe getrost alles in Gottes Hand gegeben, wie er es schickt, so wird es für uns alle am besten sein. Bei Vaters vorschreitendem Alter, ist es ja auch ganz ungewiß, wie lange Zeit er noch zu wandern hat; und ich möchte es ihm so gern gönnen, daß er in der letzten Lebenszeit noch recht seine Kinder genießen möchte. – also kehre Heim, so bald es geht, ohne Nachtheil für Deine Studien. – || Deine Anna erwarten wir bald zurück, worauf ich mich sehr freue, da habe ich wieder jemand, mit dem ich viel von Dir sprechen kann – heute den 27sten ist Tante Bleeks Geburtstag, es wird für die arme Auguste ein recht schwerer Tag sein, der erste nach Bleeks Tode, und wie viel hat sie seit dem erlebt; Philipp ist wieder nach Bounesaires abgereist, Wilhelm und Mariechen mit Auta zur Pflege nach dem südlichen Frankeich, möge es heilsam sein, ich kann nicht dran glauben. – Nun Gott befohlen, mein Herzens Sohn, Deine Mutter behalte lieb, sie betet immer für Dich. –

a eingef.: sind; b gestr.: 6ten, eingefügt: 10ten; c mit Einfügungszeichen eingef.: nur Mutter und...mich noch hier; c eingef.: des verstorbenen; d eingef.: unsrem; e eingef.: zu; f eingef.: als Mittel; g weiter am Rand v. S. 2: Bekmann ist einige...noch die Frage; h korr. aus: endlich;

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
25-10-1859
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 35875
ID
35875