Haeckel, Carl Gottlob; Haeckel, Charlotte

Carl Gottlob Haeckel an Karl und Ernst Haeckel, Berlin, 8. 10. Mai 1855, mit Nachschrift von Charlotte Haeckel

Berlin 8 Mai 55.

Lieben Kinder!

Gestern sind Eure Briefe angekommen. Wir haben sehr unruhige 8 Tage verlebt. Montag Abend gegen 6 Uhr starb Grosvater, Dienstag kam Christian an, Mittwoch Bleek aus Bonn mit Augusten, Donnerstag Minchen mit Bertha, sie kamen aus Heringsdorf. Freitag früh um 8 Uhr wurde Großvater begraben, Jonas hielt die Trauerrede. Es hatten sich außer den Verwandten viele höhere Beamte, ehemalige Kollegen von Großvater etc. eingefunden, auch die beiden Minister v. d. Heydt und Simons; auch Katholiken, die Gr.Vatera vom Rhein her kannten, Brüggemann, Zur Mühlen etc. Die Trauerrede sprach sich zuerst über Grosvaters evangelische Richtung aus und Jonas citirte das, was Grosvater bei Gelegenheit des Uebergangs des Grafen Stollberg zur katholischen Religion damals hatte druken laßen, fast wörtlich. Die Befreiung vom Joche Roms und der Vorzug des Protestantismus wird in dieser Schrift sehr hervorgehoben und obwohl alles wahr und richtig, war es doch ein Misgriff von Jonas, dieses bei dieser Gelegenheit und in Gegenwart von Katholiken hervorzuheben, er hätte es nur kurz andeuten sollen. Sodann gieng Jonas sein ganzes Leben durch und erzählte viele Charakterzüge, wodurch ein sehr lebendigesb Bild von dem ganzen Wesen und Charakter des Grosvaters entstand. Auch dieses hat vielen misfallen, sie (besonders die Frauen)c meinten, es gehöre nicht in die Trauerrede, auch hätte sich Jonas kürzer faßen sollen, denn die Rede dauerte 1½ Stunde. Die Zeichnung des Charakters von Grosvater, seine Gradheit, Freimüthigkeit, seine Charakterfestigkeit, war allerdings ein Gegenstük von dem Leben und Treiben unsrer jetzigen Beamten. Jonas redete ihnen, ohne es direkt zu beabsichtigen, ins Gewißen, hielt ihnen dend Spiegel eines unerschütterlich festen Charakters vor, der nach oben ganz unbeugsam war. Dies mag manche sehr unangenehm berührt haben und auch in dieser Hinsicht hat Jonas‘ Rede gewiß manchen sehr misfallen. Tante Bertha aber (sie war zugegen unde in Gr.Vaters Zimmer, wo der Sarg stand,f gebracht worden) war untröstlich über jenen Misgriff von Jonas und darüber, daß so vieles von unbekannten und zum Theil in engern Kreisen gemachten Aeußerungen des Gr.Vaters hier veröffentlicht würde, weil dieses seinem Sinn und Wesen ganz zuwider sei. Jonas dagegen hielt es für seine Pflicht, ein solches Prachtexemplar von Mann den übrigen Männern zum Muster aufzustellen und nichts zu verhehlen und zu verschweigen und er hat in dieser Hinsicht wahrscheinlich seinen Zwek erreicht, denn der alte Simon, der die Rede auch mit anhörte und uns gestern besuchte, äußerte: es sei eine ganz vollständige Charakterzeichnung und nur durch die detaillirte Darstellung der einzelnen Züge möglich gewesen. Mich hat die Rede, obwohl ich den faux pas, was die Katholiken betrifft, ebenfalls tadeln muß, übrigens aus den von Simon angeführten Gründen ebenfalls befriedigt. Ing den ersten Tagen nach dem Tode nahm Grosvaters Gesicht, welches die letzten Krankheitstage sehr entstellt hatten, wieder die alten Züge an und wir haben es viel und mit großer Befriedigung angesehn, wir haben uns wirklich daran erquikt. Das Begräbniß war nicht prunkvoll, aber anständig. Wir männlichen Verwandten fuhren mit auf den Kirchhof, es war ein sehr schöner, warmer Tag und kehrten dann in unsre Wohnungen zurük. Mittags aß die Familie in Gr.Vaters Wohnung zusammen, Bleeks und Anna logirten bei uns, die übrigen Stettiner bei Grosvater. Am Sonnabend wurde das im Nachlaß gefundene Concept desh Testaments von unsi eröfnet, Sonnabend waren die Verwandten bei uns, Sonntag Vormittagj wurden k notarielle Vollmachten aufgenommen, Julius und ich haben als hier am Orte befindlichl die Erbschaft zu reguliren, Mittags aßen wir beim Julius. Gestern (Montags) sind die Stettiner u. Abends Bleek wieder abgereist, Auguste bleibt noch 8 bis 14 Tage hier. So haben wir denn 8 Tage ganz en famille gelebt. Die letzten 8 Tage vor dem Tode waren ungemein erschütternd, zuerst der Abschied des Grosvaters von jedem von uns || einzeln, dann seine körperlichen Erscheinung in den letzten Lebenstagen, in den letzten 3 Tagen konnte er nicht mehr sprechen, das Gesicht war von dem langen Liegen sehr aufgedunsen, er holte mit offnem Munde häufig Athem. Als aber die letzte Stunde nahte, in der wir um ihn standen, wurde der Athem schwächer und langsamer, allmählich blieb er aus und Bertha drükte ihm die Augen zu, er war sanft entschlafen und Quincke meint, er habe in den letzten Tagen innerlich keine Schmerzen gehabt, das Blutgeschwür hatte ihn gequält, er hat aber äußerlich keine Krankheit gehabt und ist an Alterschwäche gestorben. Ein reiches, kräftiges, unbescholtenes, sittenreines und dem Wohl des Vaterlandes hingegebenes Lebeno, ein seltner Mensch, dafür ist er laut und im Stillen anerkannt worden, was auch die Gegenwart vieler Männer, die ihn kannten am Sarge bezeugt hat. Ich habe einen Nekrolog für die Zeitungen entworfen, der in diesen Tagen abgedrukt werden wird und wovon ihr einige Exemplare erhalten sollt. –

Den 10. Mai. Gestern und heute haben wir schwere Tage gehabt. Mutter glaubte, es würde sich arrangiren laßen, daß wir mit Bertha ganz zusammen wohnten und Mutter schlug ihr vor, sich wenigstens für den Mittagstisch bei uns in Kost zu geben, so daß ihr das Frühstük und Abendbrot ganz zur freien Disposition verbleiben und dadurch laße sich eine Köchin ersparen. Es liegt aber in Bertha‘s sehnlichen Wünschen, einen ganz eignen Mittagstisch zu haben, so daß sie sich eine Köchin und ein Dienstmädchen hält. Nun kam es darauf, Gertrud hievon in Kenntniß zu setzen. Das that Julius gestern Abend, Gertrud war wie aus den Wolken gefallen und erklärte, Bertha nicht verlaßen zu können. Heute ist sie aber darauf eingegangen, daß Bertha ihre eigne Wirthschaft führt, sie will aber wenigstens mit ihr in Einem Hause wohnen. Es wurde auch die Frage erörtert: ob nicht Vaters Quartier beibehalten werden könne? Für Gertrud und Bertha ist es zu theuer; und da Bertha eine eigene Wirthschaft führen wird, so ist es für ihre und meine Wirthschaft zu klein. Da nun überdies Gertrud in demselben Hause wohnen will, so muß Vaters Quartier aufgegeben werden und Bertha und Gertrud müßen sich eine andre Wohnung suchen. Daß sich gleichzeitig in demselben Hause auch eine für mich und Mutter finden wird, bezweifle ich. Ich werde also vorläufig im alten Quartier wohnen bleiben und sehn, wenn Bertha und Gertrud Wohnung gefunden haben, ob ich vielleicht künftig eins in ihrer Nähe finden kann. – Schon jetzt finde ich unsre Lage ganz verändert. Wenn der Abend kommt und ich zu Vater gehen will, so finde ich ihn nicht mehr! Da ist die große Lüke. Wir hatten uns ihmp im q letzten Jahr fast ausschließlich gewidmet und die Freunde und Bekannten nur selten besucht. Nun werden wir diese wieder aufsuchen, und es wird sich wahrscheinlichr wieder ein frischer Kreis von alten Freunden und Bekannten zusammenfinden. Jetzt sind wir mit der Aufnahme des Inventars beschäftigt, gegen Ende dieses Monats will ich auf 8 Tage zu Adolph. Dann wünscht Mutter, daß ich Mitte Juni mit ihr zu Euch reise. Ob dieses bei den zu regulirendens Erbschaftsangelegenheiten ausführbar sein wird, weis ich noch nicht. Geht es nicht an, so komme ich Anfang Juli nach. Um diese Zeit werden auch Christian, Minchen und Bertha bei Euch eintreffen, so daß Ihr zahlreiche Gesellschaft haben werdet. – Es bricht jetzt für uns durch Vaters Tod t ein neuer Zeitabschnitt unsers Lebens an, für mich nach allen obwaltenden Verhältnißen wahrscheinlich der letzte. Ich bin jetzt im 74sten Jahre. Sollte ich noch einige Jahre gesund leben, so werde ich Gott sehr dankbar sein, um mich noch meiner Kinder erfreuen zu können. Dafür müßt Ihr aber mehr in unsre Nähe kommen, wozu sich wohl früher oder später Gelegenheit finden wird. Wir wollen hier schon wachen und aufmerksam sein. Auch wünsche ich Ernst noch einige Jahre um u mich zu haben, wozu sein durchzumachender Kursus Gelegenheit giebt. Bei seinem großen intensiven Sinn für die Natur halte ich es für ganz angemeßen, daß er eine große Reise um die Erde zu machen sucht. Stirbt er auf derselben, so werden wir ziemlich zu gleicher Zeit im Himmel ankommen. Kommt er zurük und beschert ihm Gott ein längeres Leben, um die Menschen immer mehr von der Beschaffenheit dieser Erde zu unterrichten, so gehe ich inzwischen voran, und faße dort Fuß, bis Ihr nachkommt. Wir werden da oben || wohl ganz andre Zeitrechnungen haben, als hier auf Erden. 30 ErdenJahrev sind vielleicht dort wie ein Tag. – Unsre Mutter hat in den letzten 6 Wochen sehr schwere Zeit gehabt. Die Pflege des Vaters hat sie doch w sehr angegriffen, das spüre ich jetzt. Wenn sie jetzt im Sommer einige Zeit in Ziegenrück sein wird, so wird dieses ganz etwas anderes sein als bei der ersten Niederkunft in Winter. Auch ist ja ihr Flechtenübel nicht mehr so stark. Christian und Minchen werden in den letztenx Tagen dieses Monats nach Carlsbad gehen, auch Naumann. Christian ist von der Krankheit immer noch angegriffen. – Wir haben in diesen Tagen sehr viel Besuch gehabt, lauter Condolenzen. Grosvater hat doch eines ausgebreiteten Rufs genoßen. Nur allerhöchsten Orts scheint er nicht mehr gefallen zu haben, doch wir können uns irren. – Auf den kleinen Karl freue ich mich ungeheuer, ich kann es kaum erwarten, ihn so fortgeschritten zu sehen. Nun für dieses Mahl genug. Euer Alter

Hkl

[Nachschrift von Charlotte Haeckel]

Meine lieben Kinder! So gerne ich Euch schon seit mehreren Tagen schreiben wollte, so kann ich doch nicht dazu kommen; Ihr fehlt mir und mein Herz ist bei Euch; aber das Schreiben will nicht. Ich danke Gott daß der theure Vater überwunden hat, und doch fehlt er mir so sehr, daß ich es Euch gar nicht sagen kann. – Herzlichen Dank für Eure Briefe, die mit einem von Ernst zugleich ankamen, wornach ich mich so sehr sehnte. Diesen Brief schickt auch gleich, wenn Ihr ihn gelesen an Ernst, denn wir schreiben ihm nicht besonders; dieses ist für ihn mit. Großvater hat für jeden seiner Enkel eine vollständige Rente genommen; die für Euch die habe || ichy jetzt in Händen; in jede Rente ist eingelegt 50 Th, mit den dazu gerechneten Zinsen fehlen nur noch 20 Th damit sie voll wird. Wie wollt Ihr es nun gehalten haben: soll Karls voll gemacht werden von dem Gelde was ich habe? Für Karl liegen auch in der Sparkasse noch 20 Th aus seiner Sparbüchse. Ernst denke ich läßt es bis seine Rente nach und nach voll wird, wenn es ihm recht ist. Wie soll ich es nun mit Herminens machen, für die sind 2 Unvollständige Renten genommen in einer sind 30 Th eingelegt, z und in der andern 20 Th; wie soll es nun damit gehalten werden? Wollt Ihr jetzt noch darüber etwas bestimmen oder soll es bleiben bis wir es mündlich besprechen. – [Briefschluss fehlt]

a eingef.: Gr.; b eingef.: lebendiges; c eingef.: (besonders die Frauen); d gestr.: einen; eingef.: den; e eingef.: zugegen und; f gestr.: ); g eingef.: In; h eingef.: das im Nachlaß gefundene Concept des; i eingef.: von uns; j eingef.: Vormittag; k gestr.: wir; l eingef.: als hier am Orte befindlich; m eingef.: bei; n eingef.: körperl.; o eingef.: Leben; p eingef.: ihm; q gestr.: vorl; r eingef.: wahrscheinlich; s eingef.: zu regulirenden; t gestr.: und; u gestr.: sich zu; v eingef.: Erden; w gestr.: zu; x gestr.: ersten; eingef.: letzten; y korr. aus: Ich; z gestr.: dazu

 

Briefdaten

Datierung
10-05-1855
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 35673
ID
35673