Haeckel, Carl Gottlob

Carl Gottlob Haeckel an Anna und Ernst Haeckel, Berlin, 15. Mai 1863

Berlin 15 Mai | 63.

Meine lieben Kinder!

Die Zeit eilt sehr, morgen über 14 Tage denken wir schon zu Euch zu reisen. Wir freuen uns sehr darauf. Wir haben nun schönes etwas veränderliches warmes Wetter. Die Bäume sind ganz grün, voll Blätter und verdeken hier am Kanal die gegenüber liegenden Häuser, denen wir sonst in die Fenster sehen konnten. Ich und auch Mutter und Clara, die sich sehr bei uns eingelebt hat, gehen fleißig spatzieren. Wenn ich mich recht müde gegangen bin, schlafe ich gut. Sonst wache ich zeitig zwischen 3 und 4 Uhr auf, habe dann häufig sehr lebendige Gedanken, so daß ich vorgestern aufstand und sie niederschrieb (Politik). Ich sitze jetzt wieder ganz in der Politik, wozu die KammerVerhandlungen täglich Stoff liefern. Der Zank über die Präsidialbefugniße ist sehr ärgerlich, das Ministerium hat Unrecht, der Präsident muß, wenn der Minister sich unpaßend beträgt, ihn renunciren können, sonst müßte sich die Kammer alle Ungezogenheiten eines Ministers a gefallen laßen. Wenn die Minister nicht nachgeben, wird der Kammer nichts übrig bleiben, alsb an den König zu gehen. In den höheren Regierern, das sieht man auch aus der Militärvorlage, herrscht ganz die Bevorzugung des Militärstandes und der darin vertretenen Junkerschaft vor. Ich habe Vinke’s Rede über die Militärnovelle studirt und studire sie noch, die darin enthaltenen militärischen Berechnungen sind sehr dankenswerth. Auch was er über den 2jährigen Dienst sagt, ist gut. Seine Ansichten über die Landwehr kann ich aber nicht theilen, die Landwehr 1sten Aufgebots muß einen Theil der Reserve bilden und c vornweg mit in den Krieg hinein, sobald es zum Schlagen geht. Wenn sie im Frieden gehörig ausgebildet wird, so wird sie daßelbe leisten wie die Linie. Sie hat dann ja 2jährig gedient wie die Linie, es kommt nur darauf an, die Landwehrdivision gehörig auszubilden, was man oben nicht will, damit die Maße armer Militärjunkers in einer recht starken Linied vorzugsweise untergebracht wird und es dann heißt: „Die Armee, d. i. die redlichen Officiere haben den Staat gerettet.“ Wenn eine solche Armee unseren Staat rettet, dann hat es mit der Freiheit bei uns ein Ende, dann bleibt es bei dem milden militärischen Despotismus, wie wir ihn vor 1806 gehabt haben. Um aber die Landwehr und ihre Officiere || gehörig auszubilden, muß die Armee eine andere militärische Ausbildung bekommen, der Gamaschendienst im weitesten Sinn, so wie er sich auch aus dem vorigen Jahrhundert herschreibt, muß abgeschafft e werden und f eine wahrhaft militärische Ausbildung, wie sie für ein gebildetes Volk paßt, an seine Stelle treten. Man kann bei der allgemeinen militärischen Dienstpflicht, g durch welche auch der gebildete Theil des Volks herangezogen wird, nicht mehr Einrichtungen, zu denen besonders der Gamaschendienst im Detail gehört, beibehalten, die auf das Werbesystem und den feudalen Zustand des Volks im vorigen Jahrhundert berechnet waren. Das Officier Corps wird sich auch in Zukunft in solche theilen, welche aus dem Militärdienst einen Beruf machen und in solche die sich blos für das Vaterland schlagen und im Frieden wieder nach Hause gehen. Die letztern sind die Landwehrofficiere. Das Kriegführen ist aber zugleich eine Wißenschaft und eine Kunst, die Erfahrung erfordert. Das ist mir wieder recht klar geworden, durch die Memoiren des Prinzen Eugen v. Württemberg, der in den Freiheitskriegen und schon 1807–12 bei den Rußen war und sich dort sehr auszeichnete. Wo es nun Krieg giebt, da müßen wir immer eine bedeutende Anzahl Officiere hinschiken, die den Krieg aus eigner Anschauung sehen und damit militärische Studien verbinden. Unsre Friedensübungen, jährliche Manövers, müßen auf den Krieg berechnet sein, unsre Soldaten müßen sich jährlich einige Wochenh in Lägern abhärten. Dazu muß das Geld geschafft werden. –

Die Welt ist so weit vorgeschritten, daß auch die militärische Ausbildung darauf berechnet sein muß. Die Idee des Vaterlandes, der nationalen Selbständigkeit ist seit 50 Jahren lebendig geworden. Wenn man eine wahrhafti constitutionelle Regierung hat, dann weiß man, wofür man sich j schlägt. Die Ausbildung aber aller dieser Ideen erfordert Zeit und Kämpfe. Das alte ist zäh und weicht nicht so schnell, und so werden wir auch noch lange zu kämpfen haben, ehe das durchgeführt wird. Wir brauchen Krieg, dann werden wir wohl ein Stük weiter kommen. Aber man darf ihn nicht leichtfertig suchen. Er wird mit der Zeit von selbst kommen. – So meditire ich und spintisire in einem fort, lebe zwischen Nachdenken, Lektüre || und Bewegung und mache abends nach 8 Uhr mit der Mutter ein Spielchen (Patience und Tricktrack). Meine Studien wechseln in Politik, Geschichte, Geographie und Lektüre religiös wißenschaftlichen Inhalts. Die Sommermonate sind doch viel schöner als der Winter. Ich muß Gott sehr dankbar sein, daß er mir bis jetzt einen munteren Geist und körperliche Gesundheit erhalten hat und dass ich Freude an meinen Kindern erlebe, die meine und Mutters Schätze sind.

Auf der Bibliothek habe ich gefragt. Sie bleibt geschloßen für die letzten 8 Tage des August und die ersten 14 Tage des September. Wenn Ihr also in der k letzten Hälfte des September kommt und bis Ende October hier bleibt, so wirst Du, liebster Ernst, die Bibliothek recht ordentlich benutzen können. Für heute genug

Euer Alter

Hkl

Tante Adelheid mit den beiden ältesten Töchtern ist nach Bonn und Sobernheim gereist, Julius reist in diesen Tagen nach. Tante Bertha kommt künftige Woche wahrscheinlich auf einige Zeit hieher, ehe sie nach Rudolstadt od. Blankenburg geht. Wir haben ihr Deinen Brief geschikt. Von Jena aus wollen wir einige Excursionen machen. Ernst Weiß ist nach Soden in die Kur und wird vielleicht von da aus eine Excursion nach Bonn machen, um dort die Aerzte zu consultiren. Sein Zustand scheint bedenklich. Der Profeßor Herrman Weisse aus Leipzig kommt zu Pfingsten hieher zu unsrer Frau Weiß und ich denke mit ihm einige Tage zusammen zu leben.

a gestr.: müßte; b eingef.: als; c gestr.: mit; d eingef.: in einer recht starken Linie; e gestr.: und; f gestr.: an seiner Stelle; g gestr.: nicht me; h eingef.: jährlich einige Wochen; i eingef.: wahrhaft; j gestr.: schlechte; k gestr.: letzte

 

Briefdaten

Datierung
15-05-1863
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 35669
ID
35669