Haeckel, Carl Gottlob

Carl Gottlob Haeckel an Anna und Ernst Haeckel, Berlin, 9./10. Juli 1863

Berlin 9 Juli 63.

Lieben Kinder!

Nachdem wir nun beinah 6 Tage hier sind, ist es wohl Zeit Euch zu sagen, wie wir zurük gekommen sind und wie wir hier die Sachen gefunden haben? Der Weg bis Apolda von Jena aus ist schön und intereßant, auch der Blik in das Thal, durch welches die Eisenbahn von Weimar nach Apolda geht, ist angenehm. Der Weg im Thal von Sulze bis Weissenfels ist schön. Hier beginnt die große Buchtland Ebene in welcher Merseburg und a Halle liegen und dieb bis Bitterfeld anhält. Sie ist zwar sehr fruchtbar, aber sehr ennuyant. Ich war froh als wir sie hinter uns hatten. Dagegen gefiel mir der Weg der Eisenbahn von Bitterfeld bis beinah nach Wittenberg sehr, man fährt durch od. neben schönen Waldungen und Wiesen. Von Wittenberg aus wird die Gegend schlecht, von Jüterbogk aus ganz schlecht bis nach Berlin, wo wir nach halb 10 Uhr ankamen und Clara und Marie auf dem Bahnhofe fanden.

Hier in Berlin haben wir nun unsere nächsten Verwandten aufgesucht und ich habe insbesondere die Tage benutzt, um mich über die Lage der Verhältniße zu orientiren. Man scheint oben höchst zufrieden über den Erfolg der Verordnung, wodurch die Freiheit der Preße unterdrükt worden, zu sein und schreitet nun so rasch als möglich vorwärts. Der König soll noch bis diesen August hin den Glauben haben, daß die Verfaßung nicht verletzt sei, er will sie in seinem Sinn d. i. mit Vorbehalt seiner Militärmacht, halten. Die Sitzung über die Beschränkung der Preße soll sehr kurz gewesen sein, er hat die Minister gefragt: ob dadurch die c Verfaßung verletzt worden? und als diese ihm mit Nein! geantwortet, hat er sie unterzeichnet. Seit dieser Zeit wird nun in einem fort verwarnt, von den Staatsanwälten die öffentlichen Blätter verklagt, und wenn sie äußern daß durch die Preß Verordnung vom 6 Juni die Verfaßung verletzt sei, so werden Redakteure und Verleger von den Gerichten am Gelde gestraft od. zu Gefängniß verurtheilt. Die Gerichte richten sich lediglich nach dem, was in die Gesetzsammlung aufgenommen und d darin publicirt wird. Dieses ist nach wörtlicher früherer Gesetzesvorschrift ihre Norm. Sobald des Königs Unterschrift unter der Verordnung ist, sind sie beruhigt. Sie sind lediglich Diener der Gewalt, nicht der Verfaßung. So lebt es sich ja ganz hübsch und ruhig fort. Auf dieses hübsche Fortleben sind die Berechnungen von oben gemacht. Hℓ. von Roon hat auch in diesen Tagen in einer conservativen Versammlung in Ravensberg erklärt: In Preußen müße allein der König regieren, kein Parlament. Der Wille des Königs sei allein Gesetz und er, v. Roon, als Soldat habe nur den Willen des Königs zu befolgen. Es ist also der reine Militärdespotismus, der jetzt bei uns herrscht. Wer von Parlament und constitutioneller Regierung spricht, ist ein ungehorsamer Unterthan und hat, wenn er dieses öffentlich thut, Strafe und Verfolgung zu gewärtigen. Der Kronprinz soll nach den Grenzboten gegen die Preßverordnung protestirt haben, die officiösen Blätter läugnen es, die Grenzboten, die in Leipzig wöchentlich 2 Mahl herauskommen, behaupten es mit Bestimmtheit, auch weiß ich aus anderer guter Quelle, daß er mit seiner Mutter, nicht mit dem Vater gehen will. Die Militärs um den König haben diesen schon angegangen, sich seiner Rechte als Oberkriegsherr zu bedienen und den Kronprinz als Brigadegeneral zu bestrafen, gegene ihn in ähnlicher Weise zu verfahren, wie Friedrich Wilhelm I gegen Friedrich II. Der König soll aber hierauf nicht eingegangen sein, sondern nur einige Tage Arrest verfügt haben. Auch hat man schon strenge Verordnungen wegen Maasregelung der Beamten und gegen die Vereine erlaßen wollen, der König sei aber für jetzt zurükgewichen. Wenn der Herbst kommt, wird man wohl weiter vorschreiten, jetzt ist man auf Reisen. Was nun die Stimmung des Volks hier betrifft, so kenne ich sie eigentlich noch nicht. Zum Aufstande ist man keinesweges geneigt. Die Altliberalen wollen mit dem Könige nicht brechen, einige davon und Mitglieder des linken Centrums und der Fortschrittsparthei haben einen Verein für Wahrung der verfaßungsmäßigen Preßfreiheit gebildet, der eben im Entstehen ist und dem ich wahrscheinlich beitreten werde. Die Leitartikel der liberalen Blätter sollen hiernach durch Flugschriften ersetzt werden. Es wird also der Krieg der Flugschriften gegen die Regierung beginnen. Es ist vorauszusehen, daß man deren Druk im Preußischen nicht dulden wird. Sie werden also im f deutschen Auslande gedrukt und eingeschleust werden müßen. Wie weit die Regierung dieselben verfolgen wird, muß man erwarten. Ob sie jeden, wo man eine solche Schrift findet, strafen wird? Sie wird soweit wie nur immer möglich gehen. Auch was dieses für Folgen haben wird, muß man erst erwarten. Es lebt sich doch so hübsch, wenn man ruhig ist. Kurz man kann über die Zukunft noch nicht urtheilen. || Es wird alles darauf ankommen: ob sich das Volk, wenn es zu einem Kriege kommt, von der Militärregierung ruhig zur Schlachtbank führen und Gut und Blut für einen militärisch despotisch gebildeten Preußenstaat hergeben wird? Das muß man abwarten. Das wird die Stunde der Entscheidung sein. Es fragt sich: ob unsere WestProvinzen einem solchen Staat alles opfern werden, ja was manche alte Provinz z. B. Preußen thun wird, wie die Armee g ausgerüstet und unterhalten werden sollh, wenn wir am Rhein und in Posen angegriffen werden? Es fragt sich: ob ein militärisch despotisches Preußen alle diese Kriege und Prüfungen bestehen, oder auseinanderfallen und zu „Klein Preußen“, etwa aus den Marken, Pommern und Schlesien bestehendi, heruntersinken wird, so daß wir etwa mit Baiern auf gleiche Linie kommen. In Baiern herrscht, wie noch die Kammerverhandlungen dieser Tage ergeben, noch Freiheit der Rede und Verfaßung, bei uns hier nicht. Der preußische Staat ist bereits zu einem Zuchthaus geworden. Wie mir, liebe Kinder, in diesem Staate zu Muthe ist, könnt Ihr leicht denken. Ich habe seit 87 Jahren für denselben geglüht und gelebt. Ich habe jetztj Stunden wahrhafter Verzweiflung, es siedet und kocht in mir und nur mit vieler Mühe gewinne ich wieder ruhigere Stunden, in denen ich mit mehr Ruhe der Zukunft entgegen sehe, die ich wahrscheinlich nicht mehr erleben werde. Vorläufig kommt es nur darauf an, sich so zusammen zu nehmen, daß man nicht die Besonnenheit verliert und sich nicht unnütz vor der Zeit opfert. Dich mein lieber Ernst, muß ich nur aufs dringendste bitten, wenn Du ins Preußische Land kommst, Dich in Acht zu nehmen, auch Dich in Leipzig nicht unnützer Weise zu compromittiren. Auch Deinem Bruder Carl ist das Herz sehr schwer, er schreibt mir mit beklommenem Herzen. Wir werden in 14 Tagen auf 8 Tage zu ihm und dann auf 3 Wochen nach Schlesien gehen und Dich und Anna dann im September erwarten. Tante Weiß wird nun in diesen Tagen zu Euch kommen, die ich herzlich grüßen laße.

Euer Alter

Hkl

Den 10 Juli Vormittag. Gestern Nachmittag habe ich Barth gesprochen, er war sehr liebenswürdig. Seine Bravheit, seine Natürlichkeit, seine Anspruchslosigkeit gewinnt die Herzen reiner Menschen. Er wird zum Winter Geographie lesen. Die Quellen des weißen Nils sind nun richtig entdekt. Der Nianza-See unter dem Aequator bildet die Hauptquelle und wird durch die starken periodischen Regen unter dem Aequator gespeist. Dazu kommen noch Nebenquellen. Capitän Speck ist mit Opferung bedeutender Mannschaft (von der englischen Regierung unterstützt) von Zanzibar aus bis an diesen See vorgedrungen, wo ihn der König des Landes gut aufgenommen hat. Der Nil macht beim Ausfluß aus dem See eine große Biegung westlich, welche Speck hat verlaßen müssen, geht sodann wieder östlich, wo in Speck wiedergefunden und darauf fortgeschifft hat. Dort findet er den Engländer Bake, der von Norden auf dem Nil vorgedrungen. Dieser hilft dem Speke [!] weiter und umgekehrt hilft dieser dem Bake weiter nach Süden und so ist denn Speke [!] richtig bis Gerodono vorgedrungen, von wo aus der Weg nördlich bekannt ist. Henglein und Steudner werden mit ihren Begleiterinnen den beiden holländischen Damen nun wohl auch weiter südlich bis zum Aequator vordringen. Kurz der Weg bis zum Ninaza-See ist gefunden. Eine große Entdekung. –

Barth will in der ersten Hälfte des August nach Tyrol od. der Schweitz reisen. Wahrscheinlich wird er die Gegend des Glockner besuchen. Im October wird er Dich hier finden. Gestern Abend auf dem Spatziergang trafen wir Virchow mit Frau, der Dich grüßen läßt und dem ich erzählte, wie Du lebst und was Du treibst. Er hofft Dich im September in Stettin zu sehn. –

Der Verein zur Aufrechthaltung der Preßfreiheit wird nun für Flugblätter sorgen, welche die k politischen Zustände Preußens der Wahrheit gemäß darstellen. Er wird natürlich bald verfolgt werden. Man kann aber doch nicht jedem Reisenden, der aus Deutschland kommtl, die Taschen visitiren und nicht in jedes Haus, wo die Schriften gelesen werden, eindringen. An Vexationen wird es nicht fehlen. Mit dem Kronprinzen stehn die Sachen gut. Das macht viele Feudale und Absolutisten scheu, sie wollen es doch mit dem Nachfolger nicht ganz verderben. Lies die Grenzboten, sie haben sehr gute Quellen. Inzwischen wird sich noch andere Lektüre finden. Aegidi will auch helfen. Ich werde mit großer Vorsicht leben und empfehle sie auch Dir aufs dringendste. Aber, wenn es zum äußersten kommt, laße ich mir mein constitutionelles Recht nicht nehmen, es möge kommen was das [!] wolle. In Ausübung dieses Rechts laße ich mich durch keine äußere Gewalt und Willkührherrschaft hindern. Bei der innern Erbitterung des Gemüths fällt es schwer, die Ruhe zu behalten. Sie muß jedoch immer wieder erobert werden. So kommen denn auch die ruhigen Stunden wieder. – Grüße Tante Weiss recht herzlich. Ich laße ihr Wohlsein und Zufriedenheit zu ihrem Geburtstage wünschen. Wir haben jetzt schönes Wetter bei Nordostwind. Ich habe in diesen Tagen viele Besuche gemacht, fahre fort mit meine Früh- und AbendPromenaden, lese und schreibe, meditire und suche mich zu beruhigen. Grüßt unsre Bekannten in Jena, wo es uns so wohl gefallen hat. Aber aus meinem Elemente des Kampfes (Berlin) darf ich nicht ewig weg, der Kampf muß bis ans Lebensende durchgefochten werden. Es ist mir, wie vor einigen 50 Jahren, wo ich unter den Franzosen lebte, und auch tägliche Kämpfe hatte. Damals hatte ich es mit dem äußern, jetzt mit dem innern Feind zu thun. Damals focht ich für die Unabhängigkeit nach außen, jetzt für die nach Innen.

A Dieu

Euer Alter

Hkl.

a gestr.: Jena; b eingef.: die; c gestr.: Preße; d gestr.: zu; e eingef.: gegen; f gestr.: Aus; g gestr.: aufgeben; h eingef.: soll; i eingef.: bestehend; j eingef.: jetzt; k gestr.: Zust; l eingef.: kommt

 

Briefdaten

Datierung
09-07-1863
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 35667
ID
35667