Haeckel, Carl Gottlob; Haeckel, Charlotte

Carl Gottlob Haeckel an Anna und Ernst Haeckel, Berlin, 28. August 1862, mit Beischrift von Charlotte Haeckel

Berlin 28 August 62.

Lieben Kinder!

Euren Brief aus München vom 26sten haben wir heute früh erhalten und sagen Euch dafür herzlichen Dank. Wir haben ihn sogleich Mutter Minchen mitgetheilt. Vor allem freuen wir uns, daß es Euch so gut geht und es hat uns sehr überrascht, daß Euch der anhaltende Regen von Passau nach München getrieben hat. Hier haben wir zwar einige Gewitter und Regen, meist aber, besonders in den letzten 8 Tagen, fast ununterbrochen schönes Wetter bei kühlem Wind gehabt, die Nächte sind sogar besonders in den letzten Tagen kalt gewesen. Es ist nun nach Eurer und sämtlicher Kinder Abreise ruhiger geworden. Der letzte Besuch war der von Vetter Jacobi aus Hamm mit seiner Tochter und künftigen Schwiegersohn. Mutter Minchen fängt sich nun an zu erholen und denkt nun schon an das Packen und Absenden. Tante Bertha ist in mehrmals Zehlendorf gewesen, hat Karoline Naumann sehr gut gefunden und ihr auch den Tod des Vaters beigebracht. Marie Naumann ist im Seebade und Elise mit Tempeltei seit mehreren Wochen im Harz, der überhaupt von hier aus sehr fleißig besucht wird. Die Kammersitzungen gehen ihren Gang fort und es wird nun nächstens die Militärfrage ins Plenum kommen. Ich beschäftige mich sehr viel mit der Lektüre über die stehenden Fragen, und mache meine gewohnten Spaziergänger früh und Abends bei dem schönen Wetter, es wird unendlich viel in der Gegend, wo wir wohnen, gebaut, und die abwesenden Bekannten, die auf Reisen sind, werden zum Theil in den ersten Tagen des folgenden Monats September zurückkommen. Ich denke mit Mutter Sonntag den 31sten nach Hirschberg zu reisen und bis tief in den September zu bleiben, wenn das Wetter schön bleibt. Vor allem wünschen wir Euch gutes Wetter. Ihr habt nun die Kunstgenüße voraus gehabt, mögen Euch nun die Naturgenüße recht erquicken.║

Tante Bertha geht wahrscheinlich auf einige Zeit nach Freyenwalde, wo sie mit Einrichtung der reparirten Wohnung und Karl mit Wiederübernahme seiner Geschäfte beschäftigt gewesen. Bertha Petersen ist vorigen Sonntag nach Freyenwalde abgereist und wird Dienstag weiter gereist sein. – Auch haben mich die vielen Eisenbahn überrascht, die Ihr paßirt habt, auf meiner Bahnkarte waren die Bahnen von Nürnberg nach Regensburg Straubing und Paßau noch nicht angegeben. Ich rekapitulire mir in Gedanken meine Rheinreise und überhaupt die jetzigen Zustände der Welt, die offenbar in ein neues Stadium getreten ist. Wenn ich auf 60 und mehr Jahre zurück denke, so ist die Welt gar nicht wieder zu erkennen und doch ist alles erst im Werden, noch in der ersten Entwickelung, wie wird es erst in 100 Jahren aussehen, wo sich alles vollständiger herausgestellt haben wird, denn die Entwickelungen brauchen Zeit. So ist z. B. das Reisen durch die Eisenbahnen zu einem Bedürfniß geworden und es läßt sich nicht mehr abweisen, es erweitert aber auch gewaltig den Gesichtskreis der Menschen, die alte Abgeschloßenheit nört auf und größere Ansichten werden allgemein. Der besondere Charakter der Völker hört darum nicht auf, er wird nur mehr entwickelt, aber auch mehr abgeschliffen. Der specifische Charakter der Völker, der mit der Natur und Klima genau zusammenhängt, wird nicht vertilgt, aber mehr gebildet, so stellt sich z. B. der Unterschied zwischen Süd- und Norddeutschland jetzt entschiedener heraus, in Süddeutschland ist mehr Natürlichkeit ,Gemüthlichkeit, genußreiches Leben, in Norddeutschland andere Verstandesausbildung mehr Schroffheit der Sitten und Charaktere, mehr Kritik als Genuß, mehr Wißenschaft als Kunst. Darum wundert mich das schroffe Heraustreten der beiden Gegensätze im gegenwärtigen Augenblick nicht, jeder Charakter, jedes Land hat seine besonderen Bedürfniße, die mit || dem Grade der Entwickelung, auf welchen sie stehen, zusammenhängen, und Süddeutschland kann nicht verlangen, daß Norddeutschland die Eigenthümlichkeit seines Lebens und seiner Bedürfniße aufgeben soll, weil die nicht überall die Seinigen sind. Die Süddeutschen und Norddeutschen sind die beiden Söhne Eines Volks, so wie die Söhne Eines Vaters nach ihren Anlagen und Verhältnißen sich verschieden entwickeln und ausbilden und mit ihren Familien verschiedene Zweige bilden, so auch die verschiedenen Stämme eines Volks. Sie fühlen erst wieder die Stammverwandtschaft, wenn sie sich mit dem Auslande berühren, wie es Dir mein lieber Ernst in Italien gegangen ist, wo Ihr Deutschen und gesucht zusammengehalten habt. Die große Umwälzung, welche die gegenwärtigen Entwickelungen der Zeit mit sich bringen und wozu die Eisenbahnen, Dampfschifffahrt und die elektrischen Telegraphen so viel beitragen, so daß Raum und Zeit bis auf einen gewißen Grad verschwinden, berühren mehr oder weniger alle Länder, so habe ich z. B. am Rhein immer große Berührung der westlichen Völker mit den Deutschen gefunden, sie sehen und sprechen sich alle Tage, ihr gegenseitiger Verkehr wächst mit den Jahren, sie tauschen ihre Gedanken und Ansichten aus und das bleibt nicht ohne Folgen für ihre ganze geistige Entwickelung, die weit vielseitiger wird und die neuen Mittel und Einrichtungen des Verkehrs setzen sie in den Stand, die europäische Kultur mit Leichtigkeit und im größeren Umfange auf die außereuropäischen Länder überzutragen. Ich gehe jetzt ins Schlesische Gebirge in meine Heimath und denke meine Landsleute dort etwas anzuregen, um die Gelegenheiten, welche ihnen die neue Eisenbahn geben wird, zu Wiederherstellung eines neuen Wohlstandes und zur Verschönerung und dem größeren Genuss ihrer herrlichen Natur zu benutzen, was sie wiederum mit den nördlichen Stammesbrüdern in nähere Berührung bringen wird. ||

Nach den gestrigen Zeitungen ist der Tod von Vogel in Afrika so gut als gewiß constatirt. Mohammed, der Diener eines Scheichs, letzterer der Bruder des Scheichs, der unserm Barth in Timbuktu durchgeholfen hat, ist mit seinem Herrn auf einer Reise nach Mekka im Sommer 1856 nach Wadai (Borgu) gekommen und dort haben ihn die Einwohner ganz offen erzählt, daß vor einigen Wochen der Wesir des Sultans namen Germa, einen von Bornu kommenden Sherif, der nach aller Beschreibung kein anderer als Vogel gewesen sein kann, in der Nacht habe ermorden laßen, um sich in den Besitz seines schönen Pferdes, welches Vogel nicht habe abgehenden wollen, zu setzen. Mohammed hat Vogel persönlich gekannt und auch sein Pferd bei dem Wesir gefunden. Mohammed ist in Juni dieses Jahres mit einem Herrn Munzinger, der im Juni dieses Jahres in der Hauptstadt Obeid am Kordofan gewesen, zusammengetroffen und hat ihm vorstehendes alles erzählt.

Nun liebe Kinder, lebt wohl. Wir wünschen Euch gutes Wetter, laßt bald wieder etwas von Euch hören. Euer nächster Brief wird uns wohl schon in Schlesien finden. Euer Alter.

Hkl.

[Beischrift von Charlotte Haeckel]

Liebe Kinder!

Von mir noch den innigsten Gruß. Wie sehr freue ich mich, daß es Euch so wohl geht, genießt die schöne Welt, aber so daß Ihr auch für Eure Gesundheit sorgt; übernehmt euch nur ja nicht. Gott geleite Euch ferner, hoffentlich bekommt Ihr besseres Wetter, in München soll es ja fast immer regnen.

 

Briefdaten

Datierung
28-08-1862
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 35664
ID
35664