Haeckel, Carl Gottlob; Haeckel, Charlotte

Carl Gottlob Haeckel an Anna und Ernst Haeckel, Berlin, 27./29. November 1862, mit Beischrift von Charlotte Haeckel

Berlin 27 Novmb | 62.

Lieben Kinder!

In meinem letzten Briefe über meinen Geburtstag war ich so in den welthistorischen Fluß der Rede gerathen, daß ich Eure lieben Geschenke, den Rehrüken und die gestikte Deke ganz unerwähnt gelaßen und daß es aussah, als wären sie uns nicht lieb gewesen. Das letztere ist aber keinesweges der Fall. Sie waren uns sehr lieb und wir sagen Euch dafür unsern herzlichsten Dank. Der Rehrüken hat am Mittag den 22sten vortreflich geschmekt, dem alten Kühne und Quinke schien er sehr wohl zu behagen, so wie uns allen, und was die grüngestikte Deke betrift, so erhält sie sogar eine höhere Bestimmung als Anna anzunehmen scheint. Sie soll nehmlich meinen Oberkörper deken, wenn ich auf dem Sopha liege und lese. Da ich nehmlich nicht zu warme Zimmer haben darf und doch vermöge meines Alters sehr frostig bin, so ist mir die Wärme der Deke über Beine und Füße ein Bedürfniß und diesem soll die Deke abhelfen.

Gestern Abend waren wir bei George Reimer in Gesellschaft. Da sprach ich auch den hiesigen Kaufmann Delbrück, der eine Jonassche Tochter zur Frau hat. Er sagte mir, daß ein Schwager von ihm, ein junger Jonas in Jena Medicin studire und daß er diesem gerathen habe, sich an Dich zu halten. Ob er diesen Rath befolgt hat, weis ich nicht. Er soll ein junger Mensch von sehr guten Anlagen sein und Delbrück meinte, ein junger lebendiger Profeßor wie Du könnte vielleicht sehr wohlthätig || auf ihn wirken. Wie gesagt, ob der junge Jonas sich Dir genähert hat, weis ich nicht. Wenn er dieses aber thut, so bitte ich Dich, ihn nicht zurükzuweisen, sondern sich seiner, soweit es die Verhältniße gestatten, anzunehmen. –

Seit dem 21sten ist Mimi mit den Kindern hier, die sehr drollig sind und uns viel Spaß machen. Sie werden denn auch gehörig von den Verwandten fetirt und wir sind fast täglich bei dem Einen oder andern in Gesellschaft. Zu Weihnachten werden sie nicht herkommen, sondern wir sehn Weihnachten und Neujahr nur Carl mit den beiden ältesten Jungen auf einige Tage.

Daß Ihr beide uns zu Weihnachten auf 14 Tage besucht, darüber freuen wir uns ganz ungemein. Da können wir uns näher ausplaudern. Daß Carl noch vor dem 22sten in Landsberg gewesen und dort die Sachen recht gut gefunden hat, haben wir Euch wohl geschrieben, auch hoft er den Umzug erst zum 1t Aprill halten zu dürfen.

Das Wetter ist rauh und äußerst kalt, und die Winterstube dabei sehr gemüthlich. Mutter ist wohl und grüßt Euch aufs herzlichste.

Euer Alter Hkl

[Beischrift von Charlotte Haeckel]

Den 29sten

Liebe Kinder!

Schon gestern sollte ich diese Zeilen von Vater abschicken, da es ihm sehr leid that, Euch nicht gedankt zu haben; || ich ließ ihn noch liegen, um den Brief von Tante Bertha mitzuschicken. Hermines Hiersein mit den Kindern macht uns große Freude, sie werden übermorgen wieder abreisen. –

Gestern Abend waren wir bei Quinkes. Heute werden wir, wenn wir Billets bekommen Frau Johanna Wagner als Jungfrau von Orleans sehen, Vater wird auch mitgehn. Auf Euer Kommen freue ich mich schon jetzt, kommt nur so bald, als möglich, und bleibt so lange, es immer geht. ||

Gestern zu Mittag war Frau Weiß bei uns, die Euch herzlich grüßt, auch gestern bekamen wir viel Grüße für Euch. –

Von dem Wein, den ich neulich abgezogen, habe ich Dir und Karl jedem 12 Flaschen bestimmt, ich wage aber nicht es zu schicken, denn wenn er in Apolda auf dem Bahnhof stehn bleibt, könnte er erfrieren, ich denke es ist besser, Ihr nehmt ihn mit. –

Hermine grüßt herzlich. –

Eure

alte Mutter.

 

Briefdaten

Gattung
Datierung
29-11-1862
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 35663
ID
35663