Haeckel, Karl

Karl Haeckel an Ernst Haeckel, Heidelberg, 13. Februar 1845

Heidelberg

13. Febr. 45.

Lieber Bruder.

Auch diesmal wieder kann ich Dir nur aus der Ferne meine innigsten Wünsche zu Deinem Geburtsfeste zusenden, so sehr ich mich, persönlich dran Theil zu nehmen, freuen würde. Fahre fort, Deinen Ältern und uns allen, die wir Dich lieb haben, in jeder Beziehung Freude zu machen, und bedenke, daß die gute Aufführung in der Schule nur eines von dem Vielen ist, was man von Dir fordert, und daß Du Dich ebensosehr bemühen mußt, Dich zu Hause artig und gut zu betragen und Deine Neigungen und Begierden zu zähmen. Glaube mir, die Unarten, welche man sich in dieser Zeit nicht abgewöhnt hat, sind späterhin nocha weit schwerer auszurotten. Für Deine Beschäftigung, die Du doch nie verabsäumen magst – denn nichts ist schrecklicher als müßiges Träumen, und über nichts ärgert man sich mehr, als wenn man dahinein verfällt – || möchte ich Dir hier noch zweierlei anrathen: Nimm nicht zu viel auf einmal vor, besonders auch bei dem Lesen zur Belehrung und Unterhaltung. Lies nicht so viel dummes Zeug, was einem ja immer so leicht in die Hände kommt und überb welches man in Deinem Alter nur zu leicht herfällt, um den Lesedurst zu befriedigen. Grade Du, der Du viel und rasch liest, mußt Dich davor in Acht nehmen. Nimm daher öfter dasselbe Buch wieder zur Hand und lies mit Aufmerksamkeit Dir schon Bekanntes durch. Was den Gegenstand betrifft, so lies doch besonders geschichtliche Bücher, Reisebeschreibungen u. dergl.; es wird Dir später einmal sehr lieb sein, wenn Du bei Deinem guten Gedächtniß vielen Stoff dieser Art in demselben aufgenommen hast, und wird Dir die Geschichtsstunden in der Schule um so nützlicher machen. –

Dann aber vergiß nicht, Dein Gedächtniß zu üben; man muß später so manches lernen, was man auf andre Weise gar nicht behalten kann, als indem man es fest sich im Gedächtniß eingeprägt hat durch stetes Wiederholen; das erleichtert man sich aber bedeutend, wenn man sich viel übend auch leichter und sicherer das Gelernte behalten kann. –

Doch nun genug hiervon. Ich denke, Du wirst das Gesagte verstanden haben und beherzigen. Ich will hier nicht mich zu Deinem Schulmeister machen und Dich an Deinem Geburtstage mit langweiligen Lebensregeln überhäufen, sondern ich habe Dir nur geschrieben, was mir selbst in meinem || eigenen Leben sich als Erfahrung herausgestellt hat.

Daß Du Dir einige Freunde unter Deinen Schulkameraden ausgesucht hast, ist recht gut. Ist der Hetzer nicht ein Sohn von dem verstorbenen Kalefaktor? – Wie ist es denn mit dem Turnen? – Habt ihr vielleicht auch jetzt einigen Apparat in einem Zimmer, um auch bei der Kälte fortturnen zu können? –

Wir haben uns hier zwei Barren und ein Reck in einem kleinen Saale aufgestellt und c turnen fleißig, obgleich es draußen jetzt tüchtig kalt ist. Besonders in den letzten Tagen ist auch einiger Schnee gefallen, so daß auch mehre Studenten Schlittenfahrten gemacht haben. Ich bin jedoch noch nicht hier Schlitten gefahren.

Aber benutzt Du nicht, außer dem Schlittschuhlaufen, von dem Du mir schreibst, auch das fahren auf dem kleinen Handschlitten über die Berge herab zu Deinem Vergnügen? – Ich bin früher sehr viel gefahren und wurde jetzt sehr viel dran erinnert durch die vielen Knaben, die hier des Nachmittags auf den Bergwegen aufs Rascheste herabfahren. – Du hast ja einen recht reichlichen Weihnachten bekommen, und nun bringt am Ende der Geburtstag auch noch Einiges. Ich schenke Dir dazu ein sehr schönes Buch was Du besonders späterhin recht sehr wirst schätzen lernen; jetzt kannst Du freilich nur Einiges verstehen, || was Dir dann Vater oder Mutter vorher aussuchen werden. Lies doch wo möglich vorher die betreffenden Stellen in Becker‘s Weltgeschichte, die Du überhaupt viel benutzen solltest. – Du wirst wohl zum Feste wieder eine Schaar Jungens zur Visite haben, dazu trifft sich’s recht glücklich, daß grad Sonntag ist.

Sei recht fröhlich dabei und denke auch an Deinen Dich

herzlich liebenden Bruder

Karl.

NB. Wer hat denn zu Weihnachten die Prämie bekommen? – Du schreibst mir wer dazu vorgeschlagen sei und vergißt doch ganz zu sagen, wer sie bekommen hat. –

Wer ist denn jetzt zum Diaconus am Dom ernannt? –

Wann habt ihr Examenarbeiten? Was hast Du jetzt in der Geschichte in den Lectionen gehabt? –

Das Buch von Grotefend besitze ich nicht. Was übrigens die Adresse Deines letzten Briefes betrifft, so hast Du da einen schönen Bock geschossen u. Domini Haeckelio geschrieben. Du wirst ein schöner Gärtner werden; mache nur nicht etwa in den Examensarbeiten ähnliche Schnitzer.

a eingef.: noch; b eingef.: über; c gestr.: lassen

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
13-02-1845
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 35413
ID
35413