Haeckel, Karl

Karl Haeckel an Ernst Haeckel, Heidelberg, 23. Juni 1845

Heidelberg

den 23 Juni 1845.

Lieber Ernst.

Diesmal habe ich Dich lange auf Antwort warten lassen. Es freut mich sehr, daß Du mir mehrere so lange und ausführliche Briefe geschrieben hast. Dadurch weiß ich doch auch, was Du zu Hause treibst und wie es Dir in der Schule gefällt. Daß es Dir in Quarta bei Herrn Magister Steinmetz so gut gefällt, ist mir sehr lieb. Fange nur gar nicht erst an, in die Unaufmerksamkeit u. die Spielereien, welche wohl oft bei ihm getrieben werden, zu verfallen; dann wirst Du schon bei ihm etwas lernen und bald weiterrücken können. Hast Du denn auch noch bei Herrn Musikdirector Ritter Stunden? – Das Singen übe nur fleißig, es wird Dir später, besonders auch in der Studentenzeit einmal sehr lieb sein. Wie oft wünsche ich, mehr Stimme u. Gehör zu haben, wenn die Andern so schöne Lieder singen! Aber willst Du nicht auch Klavier dazu lernen? – Jetzt im Sommer hast Du gewiß recht vielfache Vergnügungen; Du botanisirst, badest, turnst, gehst wohl auch mit Vater spazieren u.s.w.

Der neue Turnplatz muß in so fern sehr angenehm sein, als er sehr schattig ist. Habt ihr denn aber genug Raum zum Turnspielen? – Wir haben hier einen freilich auch etwas kleinen, aber ganz wunderschön gelegenen Platz dazu, bei dem Wirthshause „Zum Hausacker“, welches vor dem Karlsthore (dem östlichsten) a hart am Neckar | von der Chaussee und hohen Felsen mit Gebüsch auf der anderen Seiteb begrenzt ist. Du kannst es vielleicht auf dem Bilde finden. Grad gegenüber (auf der Seite, von wo das Bild aufgenommen ist) cich habe noch nachgesehen, aber gefunden, daß der Platz viel weiter links liegt, als der äußerste Punkt auf dem Bilde, der nur das Karlsthor darstellt, d erhebt sich eine felsige mit dem schönsten Grün bedeckte, durch die vielen Schluchten und Spalten noch reizendere Bergwand, und stromabwärts sieht man rechts von der Stadt die schöne Neckarbrücke, hintere welcher die rheinbaierschen Berge hervorragen. Mit dem Baden hat man es hier weniger angenehm der Neckar ist obgleich viel breiter als die Saale, doch viel seichter, durchschnittlich 4–5 Fuß tief und hat ein sehr felsiges Flußbett, so daß man gar nicht gut weit schwimmen kann, sondern, wenn man gutes Schwimmwasser haben will, in dem Bassin der Anstalt welches etwa 40 Fuß lang ist bleiben muß. Was machen denn Deine Schwimmübungen? setzt Du sie in diesem Sommer fleißig fort? – Pflanzen habe ich für Dich noch nicht sammeln können, ich verstehe zu wenig davon, um seltene von gewöhnlichen zu unterscheiden; Du solltest selbst mit Vater herkommen u. Dir welche hier suchen! – Ich denke immer an unsern lieben Hans, wenn ich Jungen in Deinem Alter mit einer Botanisirbüchse auf dem Rücken begegne. Noch gestern traf ich im (siehe an der Seite)f Odenwald einen Lehrer mit 20 Schülern vom Mannheimer Gymnasium, die zum Samstagsvergnügen diese Tour unternommen hatten.

Was machen denn Deine Spielkameraden von denen Du früher schriebst? Bist Du noch viel mit ihnen zusammen? –

g Grüße Herrn Freyer u. H. Gude recht schön von mir. Bist Du auch schon einmal zu Fuß nach Halle gewesen. Schreibe mir doch auch einmal von Deiner Reise nach Freiburg.

Leb wohl Dein Karl.

a gestr.: liegt; b eingef.: auf der anderen Seite; c am Rand mit Einfügungszeichen eingegliedert: ich habe noch … Karlsthor darstellt; d gestr.: liegt; e gestr.: über; eingef.: hinter; f am Rand der Seite eingef.: Odenwald … unternommen hatte; g eingef. am Rand von S. 1

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
23-06-1845
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 35412
ID
35412