Haeckel, Karl

Karl Haeckel an Ernst Haeckel, Berlin, 15. Februar 1846

Berlin den 15 Febr. 46.

Lieber Ernst.

Gott schenke Dir zu dem morgenden Tage seinen reichlichen Segen u. lasse Dich in dem neuen Jahre zu unsrer Ältern und Verwandten Freude weiter gedeihen. Von mir erhältst Du hiermit einen herzlichen Wunsch dazu und die Hoffnung ausgesprochena, daß sich das enge Band, was uns beide umschlingt, mit den zunehmenden Jahren und dem immer mehr eintretenden geistigen Austausch, immer mehr befestigen möge.

Hoffentlich wirst Du in diesem Jahre wohlbestallter Tertianer || da wünsche ich denn vor allem, daß Du mit dem Vergnügen dieser höheren Bildungsstufe nicht auch die meist damit verbundenen Mucken annehmest, denn bekanntlich steht grad diese Klasse überall in dem Ruf, daß sich in ihr die derbsten u. gröbsten Ausbrüche der so genannten Flegeljahre äußern. Wiewohl nun ein jeder Junge diese Periode durchmachen muß, so hat doch auch jeder darnach zu streben, diesen Hang zur Flegelei u. übermüthigen Streichenb so viel als möglich in sich zu unterdrücken. Das hoffe ich denn auch von || Dir. – Dann aber erwarte ich auch, daß Du in diesem Jahre bei den neu angefangenen Uebungen im Klavierspielen mit Eifer treibest, indem ich Dich nochmals bitte, Dich nicht etwa durch die Anfangs damit verbundene Mühe und Unannehmlichkeit des häufigen Wiederholens weniger angenehmer, aber desto nothwendiger Uebungen, von dem Erlernen der Musik abschrecken zu lassen, durch die Du Dir später so herrliche Genüsse verschaffen kannst.

Ich hätte Dir gern etwas mit geschickt, aber mir viel [!] gar nichts ein; zudem | dachte ich auch, der Vater hat ja genug Bücher, die Du jetzt schon lesen kannst u. Du hast ja noch immer neue Lieferungen der großen Naturgeschichte so wie der Schlosser’schen Weltgeschichte zu verwerten. Da fällt mir aber eben ein, daß Dir vielleicht ein kleines Büchlein: Leben Dr. Martin Luther’s nach Johann Matthesius von J. von Schubert (von dem auch die „Erzählungen“ c sind, die ich habe) Freude machen wird, welches ich Dir dann zugleich zur Erinnerung an den nahen 18. Febr. 1546, Luther’s Todestag schenken will. Vater bitte ich daher, es für Dich bald aus Leipzig kommen zu lassen. Das lies dann fleißig u. präge dir recht das Leben unsres großend | Reformator’s ein, dessen Wirken füre | unsre u. alle folgenden Zeiten vonf | so großer Bedeutung gewesen ist.

In Liebe Dein Dich herzlich liebender Bruder Karlg

Sei recht vergnügt morgen! –h

a gestr.: u. Bitte; eingef.: ausgesprochen; b eingef.: u. übermüthigen Streichen; c gestr.: wie; d am linken Rand von S. 4 eingef.: Leipzig … unsres großen; darin gestr.: Gestalt; eingef.: Leben; e am linken Rand von S. 3 eingef.: Reformator‘s … Wirken für; f am linken Rand von S. 2 eingef.: unsere … Zeiten von; g am linken Rand von S. 1 eingef.: so großer … Bruder Karl; h am oberen Rand von S. 1 eingef.: Sei … morgen!

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
15-02-1846
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 35411
ID
35411