Haeckel, Karl

Karl Haeckel an Ernst Haeckel, Berlin, 11. Februar 1844

Berlin den 11. Febr.1844.

Lieber Bruder,

Du trittst nun in dieser Woche in ein neues Lebensjahr ein, und nicht bloß das; ein größerer Abschnitt Deines Lebens liegt damit zugleich schon hinter Dir, das erste Decennium – denn darnach werden ja, wie Du weißt auch die größeren Lebensabschnitte gezählt – hast Du zurückgelegt und aus dem Kinde wird der Knabe. Wenn ich Dir nun dazu von ganzem Herzen Glück wünsche, so treibt es mich doch zugleich, Dir einige Ermahnungen an‘s Herz zu legen, deren Wichtigkeit ich in meinem eigenen Leben erfahren habe und die Du, wie ich glaube, schon recht gut fassen und Dir tief in’s Herz schreiben kannst.

Die Zeit der Schule ist ein wichtiger Zeitabschnitt im Leben; es soll hier der Grund gelegt werden zur Erlangung der Kenntnisse, die jeder gebildete Mensch besitzen muß, und wenn der Grund nicht fest ist, wenn der Knabe denkt, erst der Jüngling habe die Hand an das Werk der Ausbildung des Geistes zu legen, und desswegen sorglos spielend die Jahre dahin bringt; dann ist es meist unmöglich, immer wenigstens schwer, nachher das versäumte nachzuholen, und das auf lockerm und unsicherm Grund errichtete Gebäude der geistigen || Ausbildung steht schwankend da und droht von jedem Sturm des äußern Lebens zertrümmert zu werden. Darum benutze mit Ernst Deine Schulzeit; Du hast in dieser schon Pflichten zu erfüllen, die die Schule von Dir fordert, Dir ista in diesem Zeitabschnitt schon eine bestimmte Aufgabe gestellt. Schon seit langer Zeit nämlich hat man eingesehen, daß es keine bessere Grundlage zu Ausbildung des jugendlichen Geistes giebt, als die Beschäftigung mit den größesten Schriftstellern des Alterthums, der Griechen wie der Römer, mit der Geschichte, und vor allem mit der christlichen Religion. In diese drei Hauptgebiete sollt ihr in eurem Alter eingeführt werden, und da kommt es nun darauf an sich drin einzuleben und lieb zu gewinnen die dargebotenen Gegenstände. – Du hast immer gern die Aufgaben für die Religionsstunden gemacht; lies fleißig in der Bibel und werde heimisch in diesem köstlichsten aller Bücher, höre gern die Auslegung des Wortes Gottes in der Kirche.

Du liest gern einzelne Geschichten; lerne nun auch gern das Gebiet der großen Geschichte der Völker kennen und bemühe Dich den Gang der Geschichte Dir fest einzuprägen; Du wirst noch die Wichtigkeit davon im späteren Alter einsehen lernen. Und endlich treibe gern das Lesen der alten Autoren, von denen Du jetzt schon einzelne Bruchstücke kennen lernst || und die Dir später in ihrem Zusammenhange werden zu lesen gegeben werden; sie führen uns am lebendigsten in das zweite Feld, das der Geschichte, ein.

Um aber dies Alles ordentlich zu erlernen, mußt Du vor allem in der Schule gespannt aufmerken und zu Haus mit Fleiß und Sorgfalt, nicht aber mit Unlust und flüchtig, die aufgegebenen Arbeiten machen dann werden deine Lehrer Freude an Dir haben, und Du wirst ein guter Schüler heißen.

Um aber ein guter Mensch zu sein, gehört vor Allem, daß man seine Leidenschaften bezähme, und darum lege ich es Dir zuletzt besonders an’s Herz, Deine Hitze zu mäßigen und Dich in Allem als einen guten und folgsamen Knaben zu erweisen.

Dies sind die herzlichsten Wünsche Deines Bruders für Deine Zukunft.

Als Angebinde schenke ich Dir meine silberne Uhrkette, die Du von nun an Sonn- und Feiertags tragen magst. Sie wird von Graf Keller mitgebracht werden.

Sei recht fröhlich an Deinem Geburtstage, lebe wohl und behalte lieb

Deinen

Dich herzlich liebenden

Bruder Karl.

a korr. aus: sind

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
11-02-1844
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 35410
ID
35410