Haeckel, Charlotte

Charlotte Haeckel an Anna und Ernst Haeckel, Berlin, 21. Dezember 1863, mit Beischrift Carl Gottlob Haeckels

Berlin den 21sten

December 63.

Liebe Kinder!

Diese Zeilen sollen Euch meinen herzlichsten Gruß zum Feste bringen; ich wünsche daß Ihr es recht gesund und heiter verleben mögt. Uns werden die Kinder und Enkel recht fehlen, nun wenn ich nur weiß, daß es allen gut geht. Nach den letzten Nachrichten aus Landsberg mußte Herrmann das Zimmer hüten wegen einer Erkältung, hoffentlich ist es zum Feste wieder ganz gut, dann wird es ein schöner Trubel im kleinen Volk sein. – ||

Im beifolgenden Kistchen findet Ihr etwas Naschwerk. Bei dem Buche was Karl für Ernst geschickt hat, habe ich ein kleines Schriftchen gelegt, wovon Häckel meint Ernst würde es wiederhaben wollen. In demselben habe ich 10 Thaler gelegt, wofür Ihr Euch etwas kaufen könnt. – a Wir haben aus der Erbschaft der Eltern die 4 silbernen Leuchter erhalten, die unsere Eltern zu ihrer Hochtzeit von Vaters Großvater er-||halten hat. Davon schicken wir Karl 2 und Dir, lieber Ernst 2, die sollen Euch eine Weihnachtsfreude sein, und mögt sie zur Erinnerung an Eueren Großvater gebrauchen. Von Helehne folgt auch ein kleines Päckchen. Bei den Näschereien muß ich nur noch bemerken, daß ich kaum denken kann, daß die Apfelsinen gut sein werden. Louise hatte sie aber vom Markt mitgebracht, und wenn sie nicht so zum Essen sind; macht Euch zum Feste von der Schale eine kleine Bowle. ||

Die Kiste mit Deinen Spielsachen, lieber Ernst, habe ich mir vom Boden bringen lassen, und gefunden, daß viel weniger drin war, als ich dachte. Herrmann schrieb nämlich, er wünsche sich sehr eine Schlacht von ganz kleinen Soldaten, und da habe ich das Lager von Dir genommen; und für Karl ein hölzernes Schachspiel, und für Heinnrich das pappene Schilderhaus und drauf geschrieben von Dir. – Ich denke es wird Dir so recht sein. – ||

Gestern Abend waren wir bei Hartmanns im Kränzchen; Heinnrich war nicht gekommen weil er mit einem Bekannten zusammen sein wolle, der mobil gemacht und auf dem Durchmarsch gestern Abend hier sein würde. Heute Mittag haben wir Heinnrich vergebens erwarttet. Julius Sethe aus Potsdam ist gestern auch hier durch gekommen, nach Ruppin, auch einberuffen; Heinrich Quinke ist auch einberuffen. – ||

Bei Richters ist vor 14 Tagen ein Söhnchen angekommen, er war vor einigen Tagen hier und sagte es; er ist sehr glücklich; auch soll es ihr gut gehn. –

August Merkel war mehrere Tage mit seiner Frau und deren Schwester hier; gestern Mittag haben sie bei uns gegessen. Sie lassen Euch herzlich grüssen. August ist wieder krank gewesen und sah elend aus, daß es mich recht betrübt. Sonst waren sie heiter, sie erwarttet || ihre Niederkunft. –

August Merkel sagte Du und Anna habest ihnen versprochen Euere Photographien zu schicken, sie hätten sie aber nicht erhalten. Als davon die Rede war meinte ihre Schwester, sie und eine junge Schwester haben darnach Dich, lieber Ernst, im Festzug der Turner in Leipzig erkannt, und sie hätten gegrüßt, und Du hättest ihnen auch wieder gegrüßt. ||

Nun, meine lieben Kinder, sage ich Euch Lebewohl, beschließt das alte Jahr recht heiter und zufrieden. Mit der herzlichsten Liebe umarmt Euch in Gedanken

Euere

alte Mutter

Lotte

[Beischrift von Carl Gottlob Haeckel]

Ich bin soebenb (Abends halb 8 Uhr) nach Hause gekommen und habe mich auf dem Willhelmsplatz gegen die niedrigec eiserne Umzäunung ans Schienbein gestoßen. Darnach werde ich wohl einige Tage Stubenarrest haben.

Euer Alter

Hkl

a gestr.: Du; b eingef.: soeben; c eingef.: niedrige

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
21-12-1863
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 35395
ID
35395