Haeckel, Charlotte

Charlotte Haeckel an Agnes und Ernst Haeckel, Berlin, 10. Januar 1868

Berlin d. 10ten

Januar 1868.

Liebe Kinder!

Herzlichen Dank für Euere so sehnlichst erwartteten und vorgestern angekommenen Briefe; ich hatte rechte Sorge um Euch, weil es den Tag recht kalt war. Nun Gott sei Dank, daß es Euch gut geht; aber nun haltet Euch auch darnach; Dich, liebe Agnes bitte ich dringend, Dich vor Erkältung zu hüten, und Du mein Herzens Ernst, mußt mir die Liebe thun: auch beim Arbeiten, Maaß zu halten! was kommt denn da-||bei heraus, wenn Du Dich so aufregst, dadurch machst Du Dich zuletzt ganz unfähig zur Arbeit; und uns bereitest Du dadurch nur Kummer und Sorge; hast Du nun Dein Coleg mit mehr Seelenruhe angefangen? ich habe den Sonntag und den Montag so viel an Dich gedacht. Schreibst mir nur ja auch immer: wie es Euch geht? wie Ihr lebt? was Ihr treibt? ich möchte er gerne in allem || mit Euch fortleben. –

Daß Du, meine liebe Agnes, Deine liebe Mutter so angegriffen gefunden hast, thut mir herzlich leid, grüsse mir die liebe Mutter und die Schwestern recht herzlich.

Das Zurückschicken der Pelze hat keine Eile, wenn Du, liebe Agnes, das Futter verwenden kannst, so behalte es. Wenn Ihr die Pelze später zurückschicken wollt, so packt sie in eine Kiste, die [ich] zur Weinsendung wieder benutzen kann, packt leere Flaschen dazu, und gebt es als Frachtgut zur Eisenbahn; doch das hat keine Eile. ||

Die bei Joachim für Agnes erhobenen Zinsen gab ich in einzelnen Thalerscheinen an Agnes; und wir legten sie in Deine Brieftasche, die in meinem Secretär lag. Dir, Ernst, sagte ich nur daß ich sie Agnes gegeben. – Nachdem Ihr nun darüber geschrieben, besinne ich mich, daß Du, lieber Ernst, als Du mir aus Deiner Brieftasche 100 Thaler für Joachim gabst, Dich wundertest, daß in 2 verschiedenen Packeten einzelne Thalerscheine waren, wahrscheinlich ist ina || dem einen die 9 Thaler von Agnes gewesen. –

Ich habe für Dich noch eine Prioritätsobligation der Kursk-Kiewer Eisenbahn von 200 Thalern für 152 Thaler 9 sg gekauft. Zu den 100 Thalern die Du mir hier ließt kommen noch 5 Thaler von den gekauften in im Februar fälligen Coupons, dann 22½ Thaler von den Obligationen derselben Bahn, die Du schon früher hattest, und dann wirst Du aus der Renntenanstalt erhalten 17 Thaler 16 sg. – Die Nummern der Rheinischen Eisenbahn sind so richtig, und so wäre für heute das Geschäftliche abgethan. – Sonnabend bin ich mit meinen Gedanken immer mit || Euch gereist, und hatte rechte Sorge, Ihr könntet im Schnee stecken bleiben. Sonnabend packte ich die Sachen der Kinder, Abendsb waren Tante Gertrude und Tante Bertha mit allen Kindern hier, für Anna, Marie und Heinnrich hatte ich die 3 Betten in Euerer Stube zurecht gemacht; da war munteres Leben. Sonntag früh kamen denn auch Karl und Herrmann und wir frühstückten alle zusammen; um 8 Uhr fuhr ich in der großen Kutsche mit der Schaar zum Küsterinnerbahnhof und ließ sie wohl verpackt reisen, freute || mich, daß es den Tage nicht so grimmig kalt war. –

Montag früh erhielt ich schon von Karl einen Brief, worin er mir die glückliche Ankunft der Kinder meldet. Ach, aber bei uns war es so öde und stille, die Kinder und Enkel alles fort. –

Nun, ich weiß ich muß ja froh sein, daß ich Euch gehabt habe, aber es war ja nur gar zu kurz, und doch ist es mir lieb, daß Ihr hier wart, und doch einige Tage mit dem neuen Töchterchen habe leben können. –

Heute ist Tante Bertha nach Potsdam, es ist der Geburtstag der verstorbenen Tante Adelheid. – ||

Von Dir, lieber Ernst, habe ich ein paar Handschuh gefunden, die ich gelegentlich schicken werde; sie gehören doch Dir? ein paar braune, oder sind sie von Karl. –

Vater, der Euch herzlich grüßt, ist munter, es wollte ihm erst gar nicht gefallen, daß es bei uns wieder so einsam sei. Ernst Reimer war vor einigen Tagen hier, gratulierte zum Neuenjahr, und sagte Frau und Kinder seien wohl. – Gott sei mit Euch und behaltet lieb Euere alte

Mutter Lotte

a gestr.: das; eingef.: in; b korr. aus: Nachmittag

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
10-01-1868
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 35382
ID
35382