Haeckel, Charlotte

Charlotte Haeckel an Agnes und Ernst Haeckel, Berlin, 30. – 31. Dezember 1868, mit Beischrift von Carl Gottlob Haeckel

Berlin 30/12 68.

Liebe Kinder!

Gottes reicher Seegen sei in dem neuen Jahre mit Euch Lieben; er schenke Euch Gesundheit, erhalte Euch das Kindchen, und gebe ihm geistig und körperlich Gedeihen.

Euer häusliches Glück möge sich immer fester gründen; das geschieht ja je länger die Eheleute miteinander leben, jemehr einer für den andern lebt, sorgt, und gegenseitig es nie aus den Augen läßt, wie ja grade das innige Famielienleben dazu bestimmt ist, daß wir || uns gegenseitig veredeln sollen, wie auch die höchste Liebe darin sich zeigt, wenn wir uns auf das aufmerksam machen, was uns nicht das Rechte scheint. Im verflossenen Jahr ist Euch ein reicher Zuwachs von Glück geworden durch den Besitz des lieben Kindes, und in Beziehung darauf, weiß ich Euch nichts Besseres zu wünschen, als daß er Euch soviel Freude machen möge, als ich an meinen beiden Jungen gehabt habe! – – ||

Deiner lieben Mutter und Schwester Clara, überbringe, liebe Agnes, meinen herzlichsten Glückwunsch zum neuen Jahre. Was habt Ihr denn von Bertha für Nachricht,? ich war ganz überrascht als ich zufällig von Ernst hörte, wie ich ihm beim Abschied an Euch alle Grüsse bestellte, daß Bertha in der Schweiz sei, davon hattet Ihr uns gar nichts geschrieben. Deine liebe Mutter befindet sich wohl bei dem gelinden Wintter ganz gut, sie hat ja nicht gerne Frostwetter. – ||

Den 31sten Heute früh kam die Verlobungs Anzeige von Gegenbauer, woran ich von ganzen Herzen theil nehme, sag ihm, lieber Ernst, meinen herzlichsten Glückwunsch. Gestern bekam ich auch von Lampert einen Brief; Clara ist krank! – –

Heute früh kam der kleine Karl, Anna, Marie und Heinnrich aus Potsdam, die bei uns zu Mittag waren, Nachmittag kam Karl mit Herrmann, alle sind heute Abend bei Tante Bertha zum Sylvester; Karl mit den 3 Jungen schläft bei uns, die beiden Mädchen bei Tante Bertha. Heute früh waren Karl, Anna, Marie und Heinrich schon bei Tante Bertha, und || kamen reich beladen, sehr beglückt zurück, über die schöne Sachen, die Tante Agnes aus Jena geschickt habe; Du hast ihnen eine große Freude gemacht, hab Dank dafür, liebe Agnes! –

Mit Vater geht es leidlich, es wechselt sehr, manchmal denke ich, es geht besser, aber er ist im Ganzen doch sehr matt; über Gegenbauers Verlobung hat er sich sehr gefreut, und das mehrmals ausgesprochen. Täglich fahre ich mit ihm Spazieren, heute hatten wir die Kinder mit, Vater war aber so matt, daß er meistens schlief; dagegen machte ihm gestern das Fahren sehr viel Freude. ||

Nun, lebt recht wohl, meine lieben Kinder, es gehe Euch so gut, als es Euch von Herzen wünscht

Eure

alte Mutter

Lotte ||

Bemerkung zu der Kiste.

1) Reis und Kaffee ist im alten Kofferbezug.

2) Die Mahlschälchen waren unter den andern Sachen, ohne daß ich es wußte, rollten heraus beim Ausnehmen aus dem Schrank, dabei sind 2 zerbrochen, die andern 4 findest Du unten in der Kiste, in den Strümpfen verpackt, nimm sie daher vorsichtig heraus.

3) Den niedlichen Kamm von Dir, habe ich Dir mit eingepackt, er steckt in der Rolle Zeichenpappier, wo auch Deine Mütze ist.

4) In meinen Packet sind 15 kleine Hemdchen, die || mir Karl mitgebracht, da sie Julius zu klein sind, und noch gut, ob sie für Walther könnten gebraucht werden; ich habe es angenommen, und schicke sie daher mit.

5) Deine neue Stieffel sind gekommen, ich habe Dir neue Säckchen dazu gemacht, und absichtlich weiße, weil die sich besser waschen, als bunte.

6) Gleich nach Empfang Deines Briefes habe ich Friedrich zu Ernst Reimer geschickt und bezahlen lassen: 3 ½ Th. also mehr, als Du dachtest; dieses wie auch die Stiefel schreibe nicht an, ich nehme es mit zu Weihnachten. ||

Die Kiste steht gepackt, ich wollte sie heute abschicken, da aber Vater meint, er müsse Makolä noch ein paar Tage brauchen, so werde noch etwas wartten, vielleicht ist es mir möglich bis dahin noch das Mäntelchen für Walter zu besorgen, was jedenfalls so bald als möglich geschehn soll; kommt es nicht mit in die Kiste, so schicke ich es allein per Post. – Die Rolle fürs Museum habe ich schon vor wenigen Tagen abgeschickt. − ||

[Beischrift von Carl Gottlob Haeckel]

31 Decemb 87 [!]

Mein lieber Ernst!

Heute habe ich die Anzeige, die von Gegenbauer über seine Verlobung mit Ida Arnold erhalten. Das hat mich ungemein gefreut, da ich wegen seiner erwachsenen Tochter fast aufgegeben hatte. Ich bin nun ungemein begierig zu wißen: wie er mit dem religiösen Punkte halten wird. Ist sie evangelisch, wie ich vermuthe, so wird sie wahrscheinlich evangelisch bleiben. Wie wird es dann mit der Erziehung ihrer Kinder, wenn dergleichen erscheinen, gehalten werden, ich vermuthe, daß Gegenbauer dann nicht scrupulös sein, sondern der Familie die anderweitige Wahl in der Erziehung des Kindes in Betreff der Religion laßen wird. Schreibe mir doch hierüber was Du vermuthest, weil dieser Punkt wahrscheinlich besprochen ist. – Ich bin nun ganz glücklich Karl hier zu haben. Noch bin ich nicht bei ihm in Potsdam, sondern er ist blos hier gewesen. Heute Abend giebt Bertha große Neujahrsfeier. Karl und die Kinder sind alle dort. Ich werde erst beßeres Wetter abwarten, bis ich Potsdam besuche und mir das Quartier ansehe, wir haben hier mehrere Tage in der Nacht sehr stürmisches Wetter gehabt. – Jetzt bin ich über Macaulays Geschichte von England, über welcher ich fleißig lese und von welcher Du die ersten 5 Bände erhalten sollst, sobald ich damit fertig sein werde. Laß Dich bald wieder einmal sehen. Dein Dich liebender Vater

Haeckel

Grüße Agnes aufs herzlichste.

[Nachschrift von Charlotte Haeckel]

Vater hat auch an Gegenbaur geschrieben, ich sehe eben aus obigen Zeilen, daß er sich gedacht hat Gegenbaurs || Tochter sei schon erwachsen, ich weiß nicht ob er auch so an ihn geschrieben hat, dann mußt Du ihm nur sagen, daß jetzt öfter bei Vater solche Verwechslungen vor kommen; ich durfte doch deshalb den Brief nicht zurück halten. –

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
31-12-1868
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 35375
ID
35375