Haeckel, Charlotte

Charlotte Haeckel an Agnes und Ernst Haeckel, Berlin, 29. September 1869

Berlin d. 29sten

September 69.

Liebe Kinder!

Heute ist nun unser kleiner Liebling ein Jahr geworden, ich habe viel seiner gedacht. Gott erhalte uns das liebe Kind, und gebe in allem seinen Seegen, daß es körperlich und geistig wachse und gedeihe; und Euch, meine lieben Kinder, gebe er Kraft, daß Ihr bei der Erziehung des Kindes immer das Rechte treft; leitet es zum Guten an mit Liebe und Milde aber mit sittlichen Ernst, wo es || Noth thut, verweichlicht es nicht aber Du, mein lieber Ernst, mußt nicht zu früh anfangen, es abhärtten zu wollen, das geht nicht in so zahrtem Alter; es giebt da auch eine goldene Mittelstraße zwischen Abhärtung und Verpimpelung. – Dann bitte ich Euch dringend: gewöhnt ihn zeitig an Thätigkeit, das stärkt Körper und Seele, und macht den Menschen heiter und zufrieden; damit || könnt Ihr schon jetzt anfangen; wenn Walter frei auf der Erde liegt, so lernt er seine Glieder gebrauchen, und wird dadurch stark und kräftig; für ihn ist das freie Spielen eine Arbeit, und es ist ihm in jeder Hinsicht besser als das Herumtragen und in einander Hocken auf dem Arm. − Nun hierüber Punktum; und ich bitte Euch dringend uns bald zu sagen wie Euch, Lieben die Reise bekommen: hast Du, lieber Ernst, keine Schmerzen mehr? ||

Und wie ist unserem lieben Töchterchen die Reise bekommen? wenn Du den Husten noch nicht ganz loos bist, so bitte ich Dich doch wieder Emserkrähnchen zu trinken, das that Dir doch gut.

Und nun vergeßt nicht mir zu sagen, was Walter macht? Uns fehlt Ihr, Lieben, sehr, es war doch gar schön, daß wir Euch mal bei uns hatten. Jetzt ist es bei uns einsam und still. Wenn nur Vater erst besser sein wird. – ||

Gestern Abend habe ich den Wagen und die beiden Tücher, Deiner Schwester geschickt; Marie war nicht zu Hause, Friedrich hat es dem Mädchen abgegeben. Heute besuchte mich Tante Bertha einen Augenblick, sie wollte auch ihren Aufschürzer mitnehmen, den sie hier neulich in der Eßstube auf den Nähkorb gelegt hatten [!], wir fanden ihn nicht, und da fiel mir ein, daß Marie ihn den letzten Tag mit zum Ein-||packen nahm, weil sie meinte es sei Deiner. –

Auch besuchte mich heute Clara Mollard; sonst habe ich niemand gesehn. Auf Quinckes Rath fuhr ich heute Nachmittag um 3 Uhr etwas mit Vater spazieren, was ihn scheint gut gethan zu haben, er war die Nacht und früh gar nicht recht; jetzt geht er doch wieder in der Stube umher. – Nun gute Nacht Ihr Lieben. Walter einen Kuß von seiner alten

Großmutter Lotte.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
29-09-1869
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 35373
ID
35373