Haeckel, Charlotte

Charlotte Haeckel an Agnes und Ernst Haeckel, Berlin, 15. Oktober 1869

Berlin den 15/10 69

Liebe Kinder!

Habt herzlichen Dank für die Freude, die Ihr mir durch Euere lieben Briefe gemacht habt. Da ich daraus sehe, daß Ihr drei Lieben gesund und zufrieden seid.

Dir, liebe Agnes, sage ich noch besonders Dank, daß Du mir von unserm lieben Walter und überhaupt auch etwas von Euerem häuslichen Leben geschrieben hast; meine Gedanken sind so viel bei Euch; oft ist es mir, als müßte ich mit dem lieben Jungen spielen, und dann möchte ich wieder mit Dir und || Ernst traulich plaudern. Ach, es war doch zu nett, daß ich Euch mal hier hatte; nur leider kann ich das nicht so oft haben, als ich es wünsche, da müßt Ihr mir nur immer viel von Euerem Leben erzählen, damit ich mit Euch fortlebe. Daß es Dir jetzt viel Mühe macht, zwei neue Mädchen einzurichten und anzuleithen, kann ich mir denken, aber habe nur Geduld, und sage Dir es öfter, je sorgsamer Du sie jetzt anleitest, um so besser wirst Du es später haben; und das wünsche ich Dir von || Herzen, daß Du nicht so bald wechseln mußt, gute zuverlässige Leute zu haben, gehört auch zum häuslichen Glück. – Daß bei unserm lieben Walter das rechte Zähnchen durch ist, freut mich sehr, küsse nur von mir das Herzige Kind. Rechts sehr freut es mich, daß Ihr Abends so hübsch miteinander lest, und auch solch hübsche gesellige Abende mit Herrn M. N. gehabt habt; das ist recht Ihr müßt auch mit andern leben, und das Ernst sich Deines Gesanges freut, ist ja natürlich; ich denke immer ein solches Talent ist den der Frau hauptsächlich verliehen || zur verschönerung des häuslichen Lebens. –

Daß Deine gesammelte Schätze aus Norwegen glücklich angekommen sind, mein lieber Ernst, freut mich. Daß Du mit Agnes solch schönen Spaziergang gemacht, freut mich sehr, das kräftigt sie gewiß.

Nun muß ich Euch von uns erzählen: erstens das große Ereigniß, daß wir Sonntag in Potsdam waren: wir fuhren früh um 10 Uhr hin, Vater ruhte vor Tisch; dann hatte ich einen großen Wagen kommen lassen da fuhren wir mit Karl, Clara und alle 8 Kinder || nach Caput, ein schöner Weg am Wasser, um 6 Uhr waren wir wieder auf dem Bahnhof, und fuhren zurück.

Vater, der sich sehr darüber freute, Clara so unter den Kindern zu sehn, ist die Fahrt gut bekommen. Mir ist es auch sehr lieb, daß wir da waren; Clara ist so mit den Kindern eingelebt, daß es ist als wäre es immer so gewesen; auch die Kinder waren so lieb und fröhlich. Nun gebe Gott, daß es so fort geht und alle gesund bleiben. – Gestern hatten wir 4 Damen zu Mittag bei uns Frau Professor Weiß, mit der Superintendentin Weiß aus || Skeuditz und Kinder, die Tochter des Professors Weisse aus Leipzig (diese beiden wohnen bei Tante Weiß). Die 4te war Lischen Weiß aus Merseburg (die zum Besuch bei Beirichs ist). Ich habe auch die Anzeige erhalten, daß der Wein für Dich und Karl abgeschickt ist, sorgt also nur, daß er kann eingekellert werden, wenn er kommt, und dann verzährt ihn in Gesundheit. Ihr habt meine Frage wegen des Mantels, der sich seit Euerer Abreise hier befindet, nicht beantworttet; o bitte sagt mir doch im näch-||sten Brief, ob Ihr wißt wem er gehört, ich will ihn so gerne dem Eigenthümer zustellen. –

Daß die von Euch bestellten Rebhühner ausgeblieben sind, war vielleicht recht gut, weil da grade das Wetter zu heiß war. – –

Tante Gertrude war wieder recht unwohl heute und gestern geht es ihr besser. – Tante Bertha ist gestern mit ihrem Pflegetöchterchen, Bertha Peters, in Potsdam gewesen. – Wie ich höre, so soll Gertrudchen noch mannichmal Fieber haben, das Kindchen soll zahrt sein aber sich doch erholen; hoffentlich geht es dort bald besser. ||

Dein Bruder, liebe Agnes, hat uns die Freude gemacht, uns einen Augenblick zu besuchen; ich wünschte sehr, daß er mal zu Mittag bei uns wäre, aber er meint, seine Zeit sei zu beschränkt; er sah sehr wohl aus, ist viel stärker geworden. Vater grüßt mit mir Euch aller aufs innigste.

Mit aller Liebe

Euere

Mutter Lotte.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
15-10-1869
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 35370
ID
35370