Haeckel, Karl

Karl Haeckel an Ernst Haeckel, Potsdam, 21. August 1896

1.)

Potsdam 21 August

1896

Lieber Bruder!

Karte u. Bücher aus Jena richtig erhalten, Depesche heute früh an Deinen alten Freund abgesandt. Ich dachte dabei lebhaft an die schwere Zeit die Gegenbaur im Jahr 187[Lücke] durch den Tod seiner ersten Gattin erlitt, in der ich zufällig bei Dir zu Besuch war, dann an die netten Tage in denen ich mit ihm u. seiner 2t Tochter im Mai 1893a in San Remo in derselben Pension zusammen war. Euch beide hat nicht allein die gleiche wissenschaftliche Richtung u. Anschauungsweise, sondern auch das in mancher Hinsicht ähnliche schwere Schicksal in der Familie zusammengekettet. || Möge dem trefflichen Mann noch ein ungetrübt heiterer Lebensabend in voller Geistesfrische beschieden sein!

Dich treffen hoffentlich diese Zeilen noch in Gernsbach an. Ich wollte erst gestern schon schreiben; es kam aber allerlei dazwischen und es war kein zum Schreiben aufgelegter Tag für mich. Du weißt, wie es mir damit geht. Vorgestern Abend war Polterabend der ältesten Tochter des Direktors Albrecht, meines früheren Collegen, mit unserm 2t Bürgermeister Jaehne, den ich, als er Referendar war, näher kennen und als braven Menschen und tüchtigen Arbeiter schätzen gelernt habe. Er ist eines noch lebenden hiesigen braven und tüchtigen Handwerkers Sohn || und zeichnete sich schon als Referendar durch Gaben zu einem tüchtigen Geschäftsmann verbunden mit dem nöthigen Fleiß und Beständigkeit aus. Aus der Mitte der Bürgerschaft herausgewachsen hat er das lebhafteste Interesse für das Wohl derselben und mit Geschick sich in die nicht leichten Verwaltungsverhältnisse sich hineingelebt. Die junge Frau, die er gestern heimgeführt hat, ist einb liebes, einfaches u. klares Wesen, das sich ebensowenig wie ihr Vater gescheut hat, den aus hiesigen einfach-bürgerlichen u. engeren Verhältnissen stammenden Bewerber, der ein Schul-Freund meines Heinz ist, ihre Hand zu reichen. Gestern war die Hochzeit; das Paar ist nach dem bairischen Oberlande u. Salzburg’schen abgereist. ||

Von meinem Siegfried habe ich gute Nachrichten bisher gehabt, was ihn selbst anlangt. Sein Reisegefährte für die erste Reisehälfte, ein Carlsruher Stud. Namens Salzer, hat dagegen bei Abstieg vom Madritschjoch in das Martellthal das Unglück gehabt, sich eine schwere Verletzung der einen Hand zu zuziehen, indem er, auf einem Abhang mit Geröll sich stützen wollend, durch einen scharfen Stein einen argen Schnitt in die innere Handfläche, der auch die Pulsader traf, sich zuzog, so daß er 3 Stunden lang bis zum nächsten Orte, wo ein Arzt war getragen werden mußte, dort die Wunde genäht wurde u. er auf 5 Tage in das Meraner Krankenhaus gebracht wurde, um dann von dort nach Haus zu fahren, sobald es die Verletzung erlauben werde. Siegfried ist inzwischen nach Vahrn bei Brixen, einem kleinen Badeort weitergefahren, und dort mit ||

2.)

seinem Gefährten für die 2te Reisehälfte, cand. med. Toldt aus Wienc zusammengetroffen, der dort bei seinen Aeltern in Sommerfrische ist. Sie wollen zusammen mit Borsiker und Waechter, 2 Heidelberger Studenten u. Kameraden von der Schule her, vom 24st dieses Monats ab eine anderweite Gebirgstour machen u. bis dahin ist Siegfried vom 17t ab allein in die Dolomiten gegangen, zunächst wahrscheinlich nach dem Schlern hinauf. Bisher hatte er meist gutes Wetter gehabt, namentlich in der Gegend des Ortlers. Er ist vom Münsterthal aus nach dem Wormser Joch hinauf gegangen u. dann in das Saldner Thal u. dessen Umgebung u. recht befriedigt von den herrlichen Alpentouren, Schöntaufspitze u. A. – Anfang September erwarte ich ihn hier.

Wann Heinz reist weiß ich nicht; ich will heut an ihn schreiben. Mir ist eine 4 wöchige Trinkkur von Obersalzbrunn, die ich nächster Tage || beendige, bisher gut bekommen, nur hat mich das Trinken u. Laufen oft recht müde gemacht. Die leichtd belegte Stimme hat sich aber noch nicht geändert, wiewohl ich einem hartnäckigeren Katarrh durch die Kur entgangen bin.

Tante Bertha hält sich gut, ich sah sie zuletzt an Hahn‘s Geburtstag, 11 August in Lichterfelde; Schwager Heinrich war auch da, zum ersten Mal wieder in einer Gesellschaft, macht aber einen sehr stillen Eindruck, und ist wenig mittheilsam. Ich glaube er wird doch um den Abschied einkommen müssen. Hahn‘s sind munter. Sonntag soll ich mit ihnen beim Schwager Heinrich zusammen sein. Von den Radewitschern weiß ich nichts Neueres. Unterhandlungen wegen eines baldigen Verkaufs des Weinberges sind eingeleitet. Julius‘ens sind wieder nach Euskirchen zurück. –

Ueber Politica schweige ich; die Aussichten für die nächste Zukunft werden am politischen Himmel immer trüber. Gespannt bin ich auf den Anfang October in Berlin stattfindenden Deputirtentag der Nationalliberalen Partei; grad e die neuesten Ereignisse werden vermuthlich einem anspornenderen Auftreten u. Reinigung der Partei von partikularistischen Elementen (Agrarier!) Anlaß geben. Mit herzlichem Gruß und Bitte kurzer Mittheilung von Deiner Weiterreise

Dein treuer Bruder

a eingef.: im Mai 1893; b korr. aus: eine; c eingef.: aus Wien; d eingef.: leicht; e weiter am Rand v. S. 6: die neuesten Ereignisse…Dein treuer Bruder

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Empfänger
Datierung
21-08-1896
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 35363
ID
35363