Haeckel, Karl

Karl Haeckel an Ernst Haeckel, Potsdam, 7. Oktober 1896

Potsdam 7 October 96.

Lieber Bruder!

Zunächst sende ich Dir auf Deinen Brief vom 28st vorigen Monats anliegende 1200 Mk; den Rest der Einnahmen werde ich in Consol’s oder ähnlichen sicheren Papieren anlegen. Sonstiges Geschäftliches auf besonderem Blatt.

In der letzten Woche habe ich recht unruhig gelebt, aber es ist mir doch gut bekommen. Am 29 Juli war ich mit Frl. Kniebe in der Gewerbeausstellung von 11 Uhr bis Abends um 7 Uhr, wir trafen einen Tag mit schönem Wetter, waren auf dem elektrischen Thurm, u. im Alt-Berlin zum Mittag, u. Abends sahen wir die Beleuchtung des Sees u. der Fontaine vor dem Hauptausstellungsgebäude, die wirklich feenhaft war; die letztre a speite in verschiedne Strahlen, die bald rot, bald grün, bald gelb aus dem Bassin in die Höhe stiegen, ihr Wasser aus; der ganze Uferkranz, das Dressel’sche Restaurant auf dem einen, das Hauptgebäude am andern Ende des Sees waren mit Lampions besetzt. Vorher waren wirb in der Cirkus-Aufführung von Hagenbeck’s Menagerie, in der sich || 3 Elephanten, dann verschiedne Papageien, und endlich die wilden Bestien: Löwe, 2 Leoparden, 1 Eisbär und 1 schwarzer kleiner Bär als trefflich gezähmt und abgerichtet produzirten. Ich hatte solche Aufführung noch nie gesehen. Wir waren beide sehr befriedigt. Frl. Kniebe allein ließ ich noch in das Alpenpanorama (Zillerthal mit Berliner Hütte) ins Affenparadies u. die Eisbär-Badeanstalt gehen, was er alles sehr gefallen hat. – Zum Mittag stießen wir c in dem Fischerhäuschen von Alt-Berlin auf Eures Walter Geburtstag an u. füllten anliegende Karte aus, die ich vollständig zu adressiren u. abzulassend bitte, da ich nicht weiß, wo Walter zur Zeit weilt. –

Von Freitag den 20. Oktober bis zum 5t im laufenden habe ich den Versammlungen des Delegirten-Tages der National-liberalen Partei in Berlin beigewohnt: Freitag Abend Empfang, Sonnabend, Sonntag, und Montag waren bis in den Nachmittag hinein sehr inter-||essante u. anregende Berathungen mit zum Theil lebhaften Debatten, (worüber Du über Euskirchen Nähres hören wirst) am Montag Abend noch eine Abschiedsversammlung in Dressel’s Restaurant in der Ausstellung. Hier hielt ich bis 10 Uhr aus u. kam erst um Mitternacht ins Bett; hatte genug, habe auch das große Diner am Sonntag nicht mitgemacht, da ich an diesem Tag von Hermann Lisco zu einem Familien-Mittagessen eingeladen war.

Ich habe in den Versammlungen verschiedene interessante Bekanntschaften Süddeutscher Delegierten gemacht, auche Prof. Meyer-Heidelberg gesprochen, der einen trefflichen Referentenvortrag über die Stellung zur Kirche und Schule hielt, – u. zufällig auch den Deputirten Eures Reichstagswahlkreises (Walter-Gr Heringen, wenn ich nicht irre) kennengelernt.

Gestern 6t October, hatte ich dann noch Vormittags eine Ausschuß-Conferenz in Missionssachen in Berlin, in der Mittheilungen || über Japan und China gemacht wurden u. war bei Tante Bertha zum Mittag mit den Petersen’schen Geschwistern und Georg. Letztre ist vorigen Sonntag in Züllichau gewesen und hat Ernst’s Verkauf so weit gefördert, daß wir den definitiven Abschluß binnen 14 Tagen erhoffen.

Er und Tante Bertha lassen bestens grüßen. – Ich schließe, da mir manche häuslichen Arbeiten in der letzten Woche liegen geblieben sind u. hoffe von Dir bald geschäftliche Antwort u. Empfangsnachricht betreffs des Geldes.

Mit herzlichem Gruß an Dein ganzes Haus

Dein alter Bruder

Karl

Mit 2 leeren Couverts!!! an mich. ||

Geschäftliches.

1.) Schuldner Eckhardt hat mich dieser Tage, da er das Kapital noch nicht zahlen könne um eine kurze Frist gebeten, da er mit einem nahestehenden Verwandten wegen Erlegung eines die 3 Haupt-Gläubiger befriedigenden größeren Kapitals in Unterhandlung stehe.

Deinen 28.000 Mk

stehen:für einen Dr. Sorge-Berlin13.500 Mk

Für Geh. Rath Ende10.500 "

noch nach u. Ende hat in einem Briefe an mich vom 5t dieses Monats befürwortet, im Interesse der Familie, die er als eine brave u. tüchtige, durch allerlei Unglück verfolgte kennen gelernt, u. der er deshalb selbst Nachsicht betreffs seiner Zinsenf gegeben habe, auf einige Monate Frist zu geben.

Ich habe deshalb Anstand genommen, jetzt zur Klage zu schreiten, werde mich noch weiter erkundigen, ob – was ich freilichg bezweifle, – Aussicht für Eckhardt vorhanden ist, ein Deine Post nebst dem Zinsrückstand deckendes Kapital zu erlangen, u. werde dann weitere Schritte thun. Ein Verlust der Zinsen, droht Dir bei notarieller Subhastation ja nicht; einer der nach-||stehenden Gläubiger, eventuell Ende, muß um sich zu decken, bei der Subhastation so viel bieten, dass Deine Forderung jedenfalls ungeschmälert herauskommt.

2.) Der Schuldner Haseloff, Beelitz, bei dem Du 12.000 Mk stehen hast, bezahlte dieser Tage richtig die Zinsen, auf das halbe Jahr (er zahlt nur 2 mal im Jahre) u. bat mich, bei Dir einen Nachlaß für die nächste Zinsrate – pro 1/10 circa- 31/3 97 zu befürworten, da er in Hafer und Heu in Folge des schlechten Wetters schlechtre Erndte gehabt u. dazu im letzten Jahre durch Konkurs seines Banquiers, – beih dem er 12.000 Mk stehen gehabt, diese Summe ganz verloren habe. Seine Angaben beruhen auf Wahrheit. Ich wollte diesem „nothleidenden kleinen Agrarierfür dieses halbe Jahr ½ Prozent an Zinsen nachlassen; so daß er statt 120 Mk. nur 90 Mk am 1/4 97. zu zahlen hat. Er ist seit 1880 Dein Schuldner u. ein ordentlicher Mann. Bist du einverstanden?

C. Hkl 7/10 96.

a gestr.: wurde; b irrtüml.: mit; c gestr.: seit Freitag d eingef.: u. abzulassen; e irrtüml.: aus; f eingef.: betreffs seiner Zinsen; g eingef.: freilich; h eingef.: bei

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Empfänger
Datierung
07-10-1896
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 35360
ID
35360