Haeckel, Karl

Karl Haeckel an Ernst Haeckel, Potsdam, 23. Dezember 1896

Potsdam 23 Dezember

1896, Nachmittaga

Lieber Bruder!

Vielen Dank für Deine so reichliche Weihnachtsbescherung und die begleitenden Zeilen. Das niedliche Jena-Album werde ich Tante Bertha am 2t Festtage, an dem sie mit Hahn’s u. Georg’s bei mir sein soll, aufbauen.

Ich wollte Dir schon heut früh schreiben; mir war das Herz so voll von den Erlebnissen der letzten Tage, als mich Heinrich, wider alles Erwarten, zu der wieder aufgenommenen Bewerbung zweimal nach Berlin rief, um mir dann Näheres mitzutheilen. Einmal verfehlte ich ihn; am Montag Abend trafen wir uns, als er mit günstig gewordenen Aussichten von Stettin kam. Aber ich traute denselben nach || dem, was vorhergegangen, noch nicht und verlebte den gestrigen Tag noch in rechter Ungewißheit bis endlich die ersehnte Depesche kam.

Nun wird ja nach wiederholtem vergeblichem Bemühen sein sehnlicher Wunsch einer ausgedehnteren praktischen Wirksamkeit in Erfüllung gehen.

Es liegt aber auch jetzt grade recht nahe, daß er sich gleichzeitig ein vollständiges Hauswesen gründet und heirathet. Ganz abgesehen von seiner Berufsstellung, die solches wünschenswerth macht, ist er nun doch in der Lage, finanzielle Bedenken dagegen nicht mehr zu hegen. Ich meine, es ist in solchem Falle eine sittliche und patriotische Pflicht, den Junggesellen an || den Nagel zu hängen und sich das eigne Heim vollständig zu gründen. Das ist das beste Mittel gegen egoistische Anwandlungen.

Ich habe ihm diesen meinen väterlichen Wunsch in meiner Weihnachtssendung in Kürze nahe gelegt. Thue Du als Onkel auch Deinen Rath hinzu.

Für Dein eignes Heim bedaure ich seinen Weggang von Jena. Ich irre mich wohl nicht in der Annahme, daß Du ihn mit seinem heiteren, ruhig gleichmäßigen Wesen recht vermissen wirst.

Aber das geht nun einmal nicht anders in unserm irdischen Dasein.

– Sei diesmal mit ihm in Deinem wieder auf Tage vollständigeren Familienkreise (Meyer’s werden wohl auch einen Tag hinüberkommen) recht froh zusammen und denke dabei || dabei an den Potsdamer und seinen Anhang. Friedel ist heute Vormittag nach 22stündiger Fahrt über Straßburg (Extrazug) hier angekommen.

In alter Treue, mit Gruß [an] alle die Deinigen, Dein

Bruder Karl.

NB Die Fortsetzung von „Krieg u. Sieg“ wird Dir Heinrich in meinem Namen übergeben.

a gestr.: Früh; eingef.: Nachmittag

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Empfänger
Datierung
23-12-1896
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 35356
ID
35356