Haeckel, Karl

Karl Haeckel an Ernst Haeckel, Potsdam, 15. Februar 1896

Potsdam 15 Februar

1896

Lieber Bruder!

Meinen herzlichen Glückwunsch zum neuen Lebensjahre verbinde ich mit dem speziellen Wunsch, daß dieses neue Jahr für Dich erfreulicher sein möge wie das alte: also keine körperlichen Unfälle und Beschwerden, kräftigere Gesundheit von Agnes, kein weitrer Hausärger, Erfreuliches an den Kindern! – Das wäre ja so Alles, woran man zunächst denkt. Mir wünsche ich noch, daß ich Dich persönlich öfter sehen möge als im letzten Jahre, auch wenn mein Siegfried seinen Aufenthalt dort aufgiebt. Zunächst wird Dich doch wohl die Berliner Ausstellung hierher führen, wenn Du Dich an der Riviera zusammen mit || Agnes (und Emma?) recht erfrischt hat. Du bringst dann wohl auch diese beiden auch mit her? Denn die Ausstellung scheint ja so großartig zu werden, daß sie sich mit den Weltausstellungen unsres Jahrhunderts messen kann.

Für Deine Reise lege ich eine Ankündigung des neuen Hospizes der Frau von Ohly, unsrer S. Remo’er Woche bei, die Du vielleicht auch direkt erhalten hast. Für einen kurzen Aufenthalt in Genua gewiß zu empfehlen. Ich habe Frau Dr. Krüger die – etwa in der 2t Woche des April nach der Riviera will, dorthin dirigirt. Vielleicht trefft Ihr Dieselbe dort irgendwo. Hast Du schon an einen bestimmten Aufenthalt gedacht? Etwa Nervi oder Rapallo? –

Was aus mir in diesem Sommer werden wird, weiß ich noch gar nicht. Zunächst muß || ich meinen Bronchialkatarrh wieder los sein. Er hat sich seit 3 Wochen nach u. nach bei mir eingenistet, sitzt jetzt tiefer und hält mich bei dem stets wechselnden Wetter (heut wieder alles weiß von frischem Schnee) und unangenehmen Winden seit vorgestern auf einige Tage in der Stube. Ich denke, das wird helfen. Frl. Kniebe sorgt dafür, daß ich mich in Acht nehme.

Gestern, als an Anna’s Geburts Tag, war Hahn hier, ihr Grab zu besuchen. Die Kinder haben jetzt alle drei die Masern; Lotting soll dieser Tage schon wieder aufstehen. Der Junge ist schwer im Bett zu halten; der Bengel ist zu lebhaft.

Daß Georg’s zum 1 April nach Berlin versetzt sind, weißt Du. Frau und Kind sollen schon Mitte März herkommen. Georg wird sich bald eine Wohnung suchen. Die alte Großmutter Wolff und Frau Eltze freuen sich sehr über die Versetzung, ich mit getheilten Gefühlen. Georg’s werden den netten kleinen Umgangskreis, || den sie mit einem eher zu großen vertauschen, und die schöne Umgegend Casssel’s nebst gesunder Wohnung, vermissen. Sonst freue ich mich natürlich, die Kinder so in die Nähe zu bekommen. Wie Georg’s amtliche Verhältnisse bei der neu zu bildenden Intendantur „für technische Institute u. Anstalten in Berlin, Spandau und Potsdam“(?) sein werden, läßt sich zur Zeit nicht übersehen. Ich vermuthe, sie werden nicht ganz leicht sein.

Nun leb wohl, liebes Bruderherz; übernimm Dich nicht mit Arbeiten; behalte im neuen Jahre Deinen Bruder so lieb wie bisher und sei versichert, daß dieser denselben Vorsatz hat

Dein alter

Karl

Grüße Dein Haus u. meine Jungen, die sich wohl morgen bei Dir einfinden werden.

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Empfänger
Datierung
15-02-1896
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 35353
ID
35353