Haeckel, Karl

Karl Haeckel an Ernst Haeckel, Potsdam, 16. September 1893

Potsdam 16. September | 1893

Lieber Bruder!

Vielen Dank für die Sendung der Drucksachen. Das eine Exemplar von beiden habe ich Tante Bertha gegeben. Zum Lesen der „Urbewohner von Ceylon“ bin ich noch nicht gekommen, habe dagegen den „Darwinismus vor Gericht“ (der doch wohl aus Deiner Feder kommt) alsbald gelesen. Ich wünschte, die Prozeßangelegenheit wäre erst vorüber, mag sie nun ausfallen, wie sie will. Ich besorge, daß auch im günstigsten Falle Du doch zu einer mäßigen Geldstrafe wirst verurtheilt werden. Mir ist die incriminirte Stelle in der „Anmerkung“ zu der Altenburger Rede nicht gleich zur Hand, aber doch || erinnerlich, daß Du darin Ausdrücke gebraucht hast, die über die thatsächlichen Behauptungen hinausgehen und, auch wenn letztere erwiesen werden, den Charakter der Beleidigung nicht verlieren, sondern letzte nur in einem milderen Lichte erscheinen lassen. Also mache Dich daher für den 21st dieses Monats auf einen solchen Ausfall gefaßt.

Du brauchst nicht selbst vor Gericht zu erscheinen; ich würde das in Deiner Stellung auch nicht thun. Der Dich vertretende Anwalt wird mit ruhigerem Blute etwaige Angriffe u. Verdrehungen von der anderen Seite zurückweisen.

Doch genug hiervon; daß ich herzlichen Antheil an dem Verlauf der Sache nehme u. Dir den günstigsten wünsche, kannst Du Dir denken. – ||

Sehr freue ich mich, daß du doch in der 2t October-Woche mit Agnes herkommen willst. Netter wäre es gewesen, wenn Du zum 20sten kommst; aber das paßt ja diesmal so doch nicht, aus verschiedenen Gründen.

Tante Bertha, – die Dir direkt schreiben wird – hofft dann auch wieder von Bonn zurück zu sein, eventuell; wenn das nicht der Fall, kommst Du wohl einige Tage später.

Ich denke Anfang October, 3t oder 4t, nach Leipzig zu fahren, wo ich nothwendig hin muß, in meines Ernst’s Angelegenheit, und von da auf einige Tage nach Cassel zu Georg und Traudchen, bin aber jedenfalls nach 8 Tagen wieder hier.

Meinen Heinz, der wohl morgen bei Euch sein wird, lasse ich schön || grüßen. Er erhält nächstens ein Rundschreiben vom Rhein aus, wo mein Ernst jetzt in Niederheimbach (bei Bacherach) in Reblausangelegenheiten beschäftigt ist.

Ich danke Heinz für seinen längeren Brief u. erwarte weitere Nachricht, wann u. wohin er zur Ausspannung reist.

Wird er sich dann möblirte Wohnung nehmen? Sollte er selbst sich Meubel anschaffen, so kann ich ihm voraussichtlich mit manchem Stück aushelfen.

Die silberne Hochzeit bei Schwager Heinrich ist recht befriedigend verlaufen. Deinen Gratulations Brief habe ich übergeben. – Frau Eltze mit Traudchen war auch da. Letztre reist nächsten Freitag nach Cassel zurück.

Mit viel Grüßen an die Deinigen

Dein

treuer Bruder

Karl.

a Deine Karten von unterwegs habe ich richtig erhalten. Vielen Dank! –

a weiter am Rand v. S. 4: Deine Karten von…erhalten. Vielen Dank! –

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Empfänger
Datierung
16-09-1893
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 35326
ID
35326