Haeckel, Karl

Karl Haeckel an Ernst Haeckel, Potsdam, 2. Februar 1893

1.)

Potsdam 2 Februar 1893

Lieber Bruder!

Diese Zeilen sind die ersten, die ich Dir als nun wirklich außer Dienst stehender sende. Bis 1. Februar bezog ich noch das Gehalt und war nur beurlaubt. Das Gefühl nun allein ohne Rücksicht auf mein Amt über meine Zeit verfügen zu können, ist mir grad in diesen Tagen lebhaft vor die Seele getreten. Bisher war die amtliche Thätigkeit noch ein Damm für mich gegen zu große Zersplitterung, zu der ich bei den verschiedenen Interessen, die ich nun einmal habe (Geschichte, Geographie, Religion, Tagespolitik pp), leider zu sehr geneigt bin. Jetzt heißt es: sich selbst den Zaum anlegen, die Zeit richtig eintheilen und einen Theil derselben auf regelmäßige, ernste Arbeit || verwenden, vor allem aber sich beschränken in der Auswahl zwischen den verschiedenen Neigungen u. Liebhabereien. Für die nächste Zeit wird die Vorbereitung zu der schönen Reise, die Du mir geschenkt hast, mich hauptsächlich in Anspruch nehmen. Das nöthigste im Italienischen u. Französisch muß ich lernen; u. das wird mir am Schwersten, den Geist wieder ans Auswendiglernen zu gewöhnen. Nun der Mensch soll ja auch nie auslernen, solange er lebt, u. das ist vielleicht grade eine gute Schule für mich, zur Willensstärkung!

Dann habe ich aber auch in diesen Tagen so manchen Rückblick auf mein bisheriges Leben gethan, das Geleistete mit dem Erstrebten abgewogen und wie natürlich gefunden, daß da ein großer Abstand zwischen beiden geblieben ist. Habe aber auch || innerlich herzlich gedankt für das Gute, das mir in Haus und Amt zu Theil geworden, und dafür, daß mir die Kraft gegeben, das Schwere, das mir auferlegt worden, zu tragen.

Daran bin ich namentlich erinnert durch die trefflichen Worte die Freund Richter am vergangenen Dienstag Abend zu mir gesprochen. Ich hatte ein Dutzend Herren: meine bisherigen Collegen, so weit sie mir näher stehen, die beiden Bürgermeister mit denen ich amtlich zu thun gehabt und gesellig verkehrt habe, den ältesten Rechtsanwalt (nach Stoepel’s Tode Justiz Rath Engels), meinen Hauskaplan (Ritter) und meinen Hausarzt dazu eingeladen. In einer kurzen Ansprache gab ich a bei Tisch einen Rückblick auf meine amtliche Laufbahn. Psident v. Seydewitz antwortete kurz, unter Ueberreichung des Rothen Adler Ordens IIIt –mit Schleife (der mir noch überraschend zu Theil geworden, weil solche || Dekoration jetzt erst am Ende der amtlichen Laufbahn, nicht schon bei Bewilligung des Abschieds ertheilt wird). Dann sprach Freund Ritter, mir für die Zukunft fernere Frische und segensreiche Thätigkeit im Kirchenrath pp. wünschend, die Lobeserhebungen, die mit einflossen, konnte ich auf die Vererbung vom Vater u. Großvater abschieben! –b warm und herzlich. –, u. zuletzt noch Ober Bürgermeister Boie mich als zukünftigen Stadtraths-Kandidaten(!) anredend – recht schön, aber daraus wird nichts! Ich besorge mich dabei zu sehr zu erregen, wenn ich auch nur ein bescheidenes Pensum bekäme. Die Stadt-Verordneten-Gesellschaft ist mir zu wenig sympathisch und mit der hat man es doch dann auch zu thun! – Wir saßen nach der Tafel noch lange, zum Theil bis 12 Uhr, zusammen und plauderten nett.

Julius und Frl. Kniebe waren natürlich auch dabei. Letztre feiert heut ihren 48st Geburtstag und geht mit zunehmenden Jahren hoffentlich einer gekräftigten von Kopfweh freieren Zeit entgegen. ||

2.)

Julius rüstet sich zum Aufbruch nach dem Rhein (zum ersten März) oder der Mosel, kennt seinen nächsten Aufenthaltsort noch nicht, hat aber vom 8t ab Urlaub genommen um mit Schwiegermutter und Braut die Ausstattung vorzubereiten, soweit seine Mitwirkung erforderlich oder wünschenswerth ist. Er hat ja Aussicht, zum Herbst oder Ende des Jahres heirathen zu können, wird aber dann voraussichtlich nur kurzen Urlaub haben.

Wir haben hier jetzt genug Geselligkeit: vorigen Sonntag bei Tante Helene Jacobi, (die leidlich auf dem Zeuge war, ebenso wie Tante Bertha) morgen bei Ritter’s, kommenden Sonntag bei Zehrmanns, alles dem Brautpaar, Julius und Leni, bzw. dem halben Brautpaar, Traudchen, zu Ehren. Das Wetter ist seit 8 Tagen milder, aber tolle Ueberschwemmungen an verschiedenen Stellen der Stadt, wegen des raschen || Thauens bei vielem Regen. Vorher sind die Kinder bzw. Schwiegerkinder selbst bei größter Kälte, viel Schlittschuh gelaufen und waren mit der gefegten Bahn zufrieden. Sie ging bis Nedlitz von der Behlertstr. aus. Friedel arbeitet auf die Versetzung nach Prima los u. erhält einen neuen Direktor an Stelle von Volz, worüber ich mich besondersc freue. Dem Direktor Treu, der bisher in Breslau war u. mit Volz tauscht, geht der Ruf eines tüchtigen u. liebenswürdigen Mannes voraus. –

NB Diese Zeilen, möchte ich Dich bitten, durch Heinz nach Karlsruhe, Engers, Crossen weiter gehen zu lassen, damit ich dasselbe [nicht] noch einmal zu schreiben brauche; dann an mich zurück! –

Mit herzlichem Gruß an Euch alle

Dein treuer Bruder, Euer

Vater.

a gestr.: ihnen, b mit Einfügungszeichen eingef.: die Lobeserhebungen, die…u. Großvater abschieben! –, c korr. aus: ich besonders mich;

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Empfänger
Datierung
02-02-1893
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 35322
ID
35322