Haeckel, Karl

Karl Haeckel an Ernst Haeckel, Potsdam, 18. Oktober 1895

Potsdam, den 18 October

1895.

Liebes Bruderherz!

Erst heute erfahre ich, auf Anfrage bei Heinrich, was aus Dir u. den Deinen geworden ist. Mein langer Filius hatte es nicht für nöthig gefunden, mir von Deiner Abreise u. Adresse zu berichten. Da holte ich mira Nachricht bei Heinz ein. Denn von Dir habe ich seit Friedel’s Herreise keine Nachricht erhalten und damals warst du noch nicht fort.

Nun es freut mich, daß Du noch fortgekonnt u. die Ferien-Erholung noch genießen kannst, wenn auch das Wetter, wie zu erwarten war nach der langen Zeit, – recht unwirsch geworden ist. Wir hatten einige ächte Regentage, heute aberb schön u. klar, nach der ersten Frostnacht. Die herrlich entwickelten Musa’s und Canna’s hingen heute sämmtlich die Blätter in Sicilianer Garten, ebenso die anderen Blattpflanzen. Doch – es mußte nun auch jetzt so kommen, zumal das Ackerland, das förmlich ausgedörrt war, recht nach Regen lächzte. ||

Dir sende ich gleichzeitig eine Lektüre, zu der Du grad jetzt rechte Muße hast,

das Vermächtniß meines Freundes Ritter, die in diesen Tagen grade erst erschienen ist. Ich habe es nicht einmal ordentlich aufgeschnitten Dir dies überlassend, aber schon gesehen, daß in der Mitte der Darwinismus eine große Rolle spielt, wie ich nach den früheren Mündlichen Mittheilungen des Heimgegangenen erwarten konnte. Er hat sich in den letzten 1½ Jahren vorzugsweise damit beschäftigt seine Gedanken über das Thema: wie sich die christliche Auffassung der Weltschöpfung u. Regierung und die modernen Anschauungen der Naturwissenschaft miteinander vertragen, – zu Papier zu bringen. Du kannst das übersandte Exemplar behalten, bitte aber, nach der Rückkehr in Jena es auch den anderen Heidenchristen (oder Christenheiden?) unserer Familie auch zum Lesen zu geben! – Wenn ich auch nur hineingekuckt habe, so glaube ich doch daß wenige unter || unseren modernen Theologen es sind, die die Resultate Deiner Wissenschaft in so vollem Maße anerkennen, wie Ritter.

˗ Mir geht es gut. Ich habe viel in kirchlichen Sachen zu thun; einen passenden Ersatz für Ritter für unsre Hl. Geist-Gemeinde zu finden, wird schwer halten. In den nächsten Wochen muß ich verschiedene Predigten von Bewerbern um die Stelle anhören. – In Missionssachen fehlt uns Ritter auch sehr. Mit der Japanischen Mission war er förmlich verwachsen u. gewiß wenige so unterrichtet darüber, wie er.

Die Arbeit der Missionare dort ist durch den Krieg und seine Folgen äußerst schwierig geworden. Das politische Interesse überwiegt dort jedes andere; und doch ist man in unsren Kreisen überzeugt, daß das Japanische Volk ohne ein vernünftiges Christenthum die weitere Entwicklung nicht zu seinem Vortheil überstehen wird.

Friedel ist wohlbehalten nach Jena zurück. Hier hat er sich gründlich vom Manöver ausgeruht u. ausgeschlafen. Heut ist eine Fressalienkiste an ihn abgegangen, darunter auch einige Malvasiertrauben, die meistens || voll reif geworden sind. Ernst’s Frau schreibt aus Radewitsch, daß sie dort mit der Qualität der in diesen Tagen vollendeten Weinlese recht zufrieden seien. Sie haben jetzt 3 Höhn; Es scheint doch mit der Wirthschaft vorwärts zu gehen, thut aber auch Noth, denn im Dezember erwartet er Familienzuwachs. –

Zum 20st denke ich bei Tante inc Berlin zu sein. Da schreibst Du doch gewiß dorthin und ich höre dann auch näheres über Euren Aufenthalt in Badenaden-Baden. –

Mit viel Grüßen an Frau und Tochter und dem Wunsche schönen Herbstwetters in dem schönen Thale

Dein treuer Bruder

Karl.

a irrüml.: mit; b eingef.: aber; c irrtüml.: ich

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Empfänger
Datierung
18-10-1895
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 35300
ID
35300